übernachtete.
Während Lucinde auf ihrem Zimmer allein war und wieder die Pfauenfeder am Spiegel sah und die kleinen Heiligenbilder, die über dem Bette hingen, in das sie, wie sie war, sich legte; während sie fast übermütig die Wonne genoss, wieder in der Nähe von Menschen zu sein, auf welche der Stempel des Ungewöhnlichen gedrückt war; während in ihr die einzige Aufgabe, der zu Liebe sie noch überhaupt leben mochte, mit tausend Stimmen rief: Bonaventura, sammle dich in deiner Kraft! Werde mehr als nur der Pflegling dieser alten Renate! Gedenke eines Zieles, das dir höher hinaus liegen sollte als der Kirchturm dieses armseligen Dorfes! Wie find' ich dich wieder! Im Beginn der Grämlichkeiten alle, an denen ihr armen Entsagenden allmählich zu grund geht! Noch wallst du auf wie Petrus, der dem Malchus ein Ohr abhieb! Wie lange wird diese Tapferkeit dauern! Frau Renate wird dich vor jeder Abendluft schützen! Ihre Mädchen werden so viel braten und kochen und backen, bis du ihre köstlichen speisen nicht mehr verdauen kannst! Welche Torheit, hier nur unter den Bauern, Fuhrleuten, Steinklopfern ein Heiliger zu sein, hier nur vor einem Gensdarmen den Bonifacius und Ambrosius zu spielen! ... Und während sie sich dann vorkam, als müsste sie einem neuen Gregor dem Siebenten seine Gräfin Matilde von Toscana werden, seine Feuerseele, sein Cherubswächter mit dem flammenden Schwerte ... währenddem rief Benno, vom Stern zurückkehrend, Hedemann und seinem Vetter, die zum Abschiednehmen vor dem Schlafengehen noch auf ihn gewartet hatten, die kurze Charakteristik entgegen:
Ja, das ist ja wahrhaftig der lebendige Satan! Die wird in der Dechanei und in Kocher am Fall eine schöne Revolution anstiften!
Frau Renate schlief schon, sonst hätte sie für das Wegputzen der Fliegenflecke und das Bedienenwollen in der Küche sicher eine Revanche genommen, die kräftiglich mit eingestimmt hätte.
Und doch, sagte Bonaventura, indem er Hedemann ein Licht reichte, das beim aufgegangenen Mondschein kaum noch nötig war, um ihnen beiden in den obern Stock den Weg zum Fremdenstübchen zu leuchten; doch glaube' ich, dass sie für den, den sie liebt, ins Feuer geht!
Kein Wunder! rief Benno. Ihr Element ist die Hölle!
Armer Vetter! setzte er leiser hinzu. Welchen Versuchungen seid ihr pfaffen doch ausgesetzt! Das sehe' ich ja schon – hier kommt ein alter Roman zu Tage!
Bonaventura gab nur zur Antwort:
Ich bin begierig, wie sie mit dem Onkel fertig wird!
Mit dem gewiss! erwiderte Benno. Ich glaube, dem gefällt sie! Aber Tante Gülpen! Die gewöhnliche Probezeit besteht sie nicht vierundzwanzig Stunden!
Alle drei Männer mussten lachen ...
Man trennte sich in behaglicher Uebereinstimmung.
Benno und Hedemann sollten zusammenschlafen oben in dem Fremdenstübchen, dessen saubere Betten schon aufgedeckt waren ...
Während sie hinaufstiegen, sagte Benno, aber so, dass Bonaventura, der ihr Verschwinden abwartete, es teilweise unten noch hören konnte:
Nun glaube' ich an die sieben Schwerter, die Armgart beim blossen Begegnen an der Kapelle oben sogleich aus ihr herausgehend gefühlt haben wollte, ganz wie Paula gesagt haben soll, als die arme auf dem Streckbett liegen und den fürchterlichen vollen Feuerstrahl fühlen musste, der von der person über sie ausging! Und das alles muss man nun ruhig hinnehmen, bloss weil sie, hör' ich, eine Convertitin ist, ein goldenes Kreuz auf der Brust trägt und wahrscheinlich zu irgendeiner Erzschwesterschaft gehört! Wozu sich unsere Kirche nicht alles hergeben muss! Wenn sie nicht in der Lage wäre, schlaffe Gemütlichkeit, die alles geduldig hinnimmt und geschehen lässt, aufrühren zu müssen durch solche Weckhähne ... Hedemann, dass wir morgen früh nur die Zeit nicht verschlafen!
Hedemann nahm, da sie inzwischen oben angekommen waren, die Uniform, die Benno ausgezogen hatte, legte Brieftasche und Geld heraus und versicherte dem sich Entkleidenden, mit dem Aufwachen zur rechten Zeit wäre keine Gefahr; ihm rauschten die Räder seiner neuen Mühle und die Sorgen, die er sich aufbürdete, genug im kopf ...
Und dabei verwechseln Sie wirklich schon unsere Stiefel und stellen zwei Paare zusammen, wie wenn jeder von uns immer halb mit den Beinen des andern liefe!
Hedemann, der in der Nebenkammer schlief, hatte die Stiefel und Kleider vor die Tür gestellt, damit die Magd in der Frühe alles fand und reinigte.
Benno, schon auf den Strümpfen, stellte die Paare in Ordnung, nahm noch einen von Hedemann vergessenen Brief aus der tasche seiner Uniform, schloss die Tür, legte den Brief auf den Nachttisch neben sich zu Uhr, Geld und Portefeuille und sagte mit herzlichem Tone:
Freilich, so ist's ja auch immer gewesen! Was wär' ich ohne Ihre arme und Beine, Hedemann! Ich glaube, ich hätte alle schon gebrochen und auf mein kühles Grab setzten Sie ein Denkmal, das ich mir in Gestalt eines Fragezeichens ausbitte, Hedemann, wenn Sie mich überleben sollten, hören Sie? Der Friedhof hat mich ganz melancholisch gemacht!
Warum ein Fragezeichen? fragte Hedemann, löschte das Licht und wollte die Tür anlehnen.
Lassen Sie doch auf, Hedemann! Es ist so dumpf und stickig in der kleinen stube! Warum ein Fragezeichen? Bin ich nicht ein verkörpertes Fragezeichen? Was sagt das Kirchenbuch von Borkenhagen über mich? Haben Sie denn nachgeschlagen, wie ich Sie gebeten?
Ich sagte gleich, dass da nichts zu finden ist! Sie waren