; es hatte das in der Zeitung gestanden, in derselben Zeitung, die der Vater immer auf bessere Zukunft zu studiren pflegte, und in deren Beiblatt einst seine Phantasieen über den Beruf eines deutschen Volksschullehrers gestanden hatten.
Nec impavidum ferient ruinae ...
Latein konnte Lucinde nicht, aber der Stadtamtmann übersetzte so etwas einmal bei Tische, und sie glaubte, es hiess: "Was schadt's!"
Es war ein Wahlspruch gewesen, den ein alter Ritter gehabt. Sie nahm ihn schon oft an, und heute nun musste sie schon. Sie nahm die Kinder, die alle zunächst doch noch Hunger und Durst genug hatten, mit sich; der Schwester sagte sie gleich die Mietsfrau, wo die wohnte, und wie sie mit der sprechen müsse. Die Frau Stadtamtmann war noch nicht am Ende ihrer Hoffnung, die zwei kleinen Buben vom land waren prächtige Jungen, sie gefielen ihr. August und Gustav blieben einen Tag und kamen dann nicht in die Fabrik. Der Stadtamtmann sorgte dafür, dass sie ins Waisenhaus aufgenommen und "gut erzogen" wurden.
Und nun sind kaum drei Jahre von dem LangenNauenheimer Auszug vergangen, und welche Veränderungen haben wir!
Lucinde fand sich in alles. Sie hatte etwas Wühlendes, Unruhiges und beherrschte jede Situation. Bei Tische wartete sie nicht mehr auf. Der Stadtamtmann fand, dass es kaum noch schicklich war. In die Höhe wuchs sie nicht mehr, dafür tat es ihr Geist, und sie regierte eigentlich das Haus, das sie aufgenommen. Selbstverständlich da, als die Frau Stadtamtmann eines Jungen genesen war, aber auch später. Durch ihre sichere, herausfordernde Ruhe, ihr spöttisches Lächeln, ihren Flunkergeist nur verdarb sie sich zuweilen ihre Autorität. Lange Ruhe um sie her ertrug sie nicht, und übermässiges Glück oder allzu frohe Selbstzufriedenheit verdarb sie gern, indem sie Schicksal spielte. Der Amme gegenüber lobte sie das schöne Aussehen anderer Kinder, eine Handlung, für die man bekanntlich von jeder Amme vergiftet werden kann. Einem Bedienten, der etwas schwach von Begriffen war und seine Bestimmung verfehlt zu haben glaubte, weil er eine leserliche Hand schrieb, gaukelte sie bald diese, bald jene glänzende Aussicht vor. Hager! rief sie, wenn sie die Zeitung gelesen hatte, in Amerika ist ein Vetter Ihres Namens gestorben, man fordert alle Hagers auf sich zu melden! Musste Hager gerade die Schuhe oder Messer putzen, so hatte sie, wenn er frei war, die Zeitung verlegt und jagte den beschränkten Menschen wochenlang mit seinen Vermutungen, welcher von seinen Anverwandten jener in Amerika verstorbene Hager gewesen sein konnte, im Kreise umher. Von ihrem Koboldgeist blieben dann selbst die bei einem Kaufmann dienende Schwester und ihre Geschwister im Waisenhause nicht verschont. Ihr bei aller äussern Ruhe innerlich unruhiger Sinn wuchs mit dem Besuch des Teaters, das sie durch den Stadtamtmann frei hatte, jedoch nur im dunkeln Hintergrunde einer Loge dritten Ranges, während die herrschaft im zweiten sass. Immer mit leuchtenden Augen kam sie vom Teater heim. Man glaubte natürlich, dass es die Stumme von Portici gewesen, die sie so ausserordentlich aufgeregt hatte; aber es waren die Zuschauer, die Logen, die glänzenden Toiletten, die fürstlichen Herrschaften. Die Tischgespräche berichteten dann nach wie vor von vornehmen Spielern, von zanksüchtigen vornehmen Herrschaften, von allem, was sich nur zur Kenntnissnahme des Polizeirichters einer so ansehnlichen Stadt drängte, und dergleichen Leute sah sie dann wieder fröhlich und wohlgemut und mit Lorgnetten spielend in den elegantesten Logen.
Eines Tages tat sie einen tiefen Einblick in das innerste Lebensgetriebe ...
Das glänzendste Waarenmagazin der Stadt war ein sogenannter Bazar, in welchem alle Modeartikel und Bedürfnisse einer eleganten oder auch nur comfortablen häuslichen Einrichtung, soweit sie Stoffe betraf, verkauft wurden. Ein unternehmender Kaufmann im Anfang der mittlern Jahre leitete dies Geschäft, wie man sagte, nicht ganz mit seinem eigenen Gelde. Sein Savoirfaire kam ihm jedoch zu statten, um die ganze höchste, hohe und mittlere Gesellschaft an sich zu ziehen. So gefällig die Formen des Mannes waren, der in seinem schwarzen Frack mit weisser Halsbinde die Honneurs seines mit mindestens einem Dutzend Commis ausgestatteten Geschäftes machte, so entschieden wusste er doch ebenfalls in geeigneten Fällen aufzutreten. Schon oft war in seinem grossen und schwer zu beaufsichtigenden Geschäft gestohlen worden, sogar während des Verkaufs, und oft schon hatte er, wenn entweder der Stadtamtmann bei ihm oder er bei jenem zu Tische war, erklärt, er würde niemand schonen, wenn er einen jener eleganten Diebe beim Handverkauf entdeckte, und sollte es der Vornehmste sein. Schicken Sie nur sofort zu mir, hatte der Polizeirichter erwidert. In solchen Fällen muss man der Schlange gleich auf den Kopf treten!
Und eines Tages schickte der Kaufmann; der Stadtamtmann möchte eiligst, aber selbst kommen, hiess es, er möchte einen seiner Gehilfen, aber vorläufig nur in der Ferne, bereit halten ...
Der Stadtamtmann war nicht gegenwärtig. Und da auch Hager, der Diener, nicht zugegen war, so musste Lucinde die Mantille umwerfen und auf das Amtaus laufen.
Aber auch dort fand sie ihren Herrn nicht.
Da sie ihn auf dem Casino vermutete, so eilte sie ins Casino und nahm sofort einen der Polizeidiener mit.
Ihr Weg führte sie aber an dem grossen Magazin des Kaufmanns selbst vorüber, in dessen obern Räumen dieser auch wohnte. Da ihre herrschaft in die letzteren beschieden war, so glaubte sie sehr vernünftig zu handeln, wenn sie die Stiege hinaufging und dem Kaufmann wenigstens den Polizeidiener anbot