soeben von jener östlichen gemeinsamen Heimat herübergekommen war.
Auch Benno verstand diesen blick und antwortete statt des achselzuckenden Hedemann:
Aus dem bringt niemand etwas heraus! Die Mühle, die er sich in Witoborn gekauft hat, muss ihn taub gemacht haben für alles, was uns sonst von dort hätte interessiren müssen! Er war nicht auf Schloss Neuhof, womit er jetzt vielleicht dem fräulein gedient haben würde, er war vielleicht nicht einmal in Westerhof, nicht im Kloster Himmelpfort, nicht im Stift Heiligenkreuz – nirgends! So verschlossen ist er wie die Offenbarung Johannis, in die er sich, glaube' ich, in Amerika ganz verlesen hat!
Hedemann legte hie und da einen herabgefallenen welken Kranz auf eines der Kreuze, lächelte und sagte mit gelassener Ruhe:
Wie hätt' ich nicht Westerhof besuchen sollen nach den Erfahrungen und Aufträgen des Obersten!
Je schlagender diese Antwort schien und je genügender sie die beiden Asselyns aufklärte, desto unsicherer und dunkler tastete Lucindens aufgeregte Combination. Wer war der Oberst? Welche Erfahrungen desselben hätten Hedemann, der nun wieder plötzlich ein Müller wurde, von dem schloss Westerhof entfernt halten können?
Sie kennen Schloss Neuhof, fräulein, fragte Benno, und wissen von dem Interesse, das das ganze Land an den Vorgängen in der Camphausen'schen Familie nimmt?
Lucinde kannte auf Schloss Neuhof jeden Winkel im schloss, im Park jeden Baum, auf dem Plateau, das zum Düsternbrook führte, die Stelle, wo Klingsohr einst zwei Blütenzweige in die Erde senkte, die freilich der nächste Sturm schon verweht hatte, sie war auch eines Tages zum Fronleichnamsfest in Witoborn gewesen und hatte dort eine Mühle gesehen, die die reissende Witobach mit einer Gewalt trieb, dass man allerdings an ihr taub werden konnte; aber von den Dingen, die um sie her lebten, hatte sie nichts als das durchschaut, was mit dem Cultus ihrer eigenen person zusammenhing.
Was ich von den Verhältnissen Paula's weiss, sagte sie, kenne ich nur aus den Tagen her, wo sie meiner Pflege anvertraut war. Die Zeit, wo ich auf Schloss Neuhof war und die Wissbegierde der Gensdarmen durch meinen Pass nicht befriedigen konnte, war kurz und gehört meiner frühesten Kindheit an!
Ein Eingehen auf den Tod des Deichgrafen und die dunkle Gestalt des Kronsyndikus schien in diesem Kreise vermieden zu werden. Man verblieb bei den nachbarlichen Beziehungen.
Benno schilderte als nicht gering die Gefahr, die sich der engern Heimat aus dem Uebergange der reichen Besitztümer der Linie Dorste-Camphausen in die Linie Salem-Camphausen ergeben würde.
De Kirchenfürst unserer Provinz selbst, sagte er, nimmt den lebhaftesten Anteil an einer Entscheidung, für welche sogar mein gewiegter Principal, der Procurator Dominicus Nück, keine andere hülfe hat als die des Aufschubs. Die Gräfin ist neunzehn Jahre. Sie hat noch zwei Jahre Zeit, sich zu erklären, ob sie vielleicht den geistlichen Stand wählt oder mit Entsagung ihrer grossen Besitztümer irgendeine andere Wahl trifft. Auf alle Fälle gehen mit dem Aussterben der männlichen Erben die Güter dieser ältern Linie an jene jüngere über, die in den zeiten der Wiedertäufer den alten Glauben abschwur, dann nach Ungarn auswanderte und seiter nicht wie die andere Linie, die ihrem Beispiele gefolgt gewesen war, wieder zur Kirche zurückgekehrt ist.
Bonaventura, der alle diese Erinnerungen und Beziehungen seit einigen Jahren nicht mehr genährt und gepflegt hatte, durfte Benno nach Paula's jetziger Leitung und Führung fragen.
Dieser fuhr fort:
Der Kronsyndikus von Wittekind, den Sie nach seinem schlimmen Rufe kennen werden, fräulein, hat die Vormundschaft vor zwei Jahren nur formell antreten können; sie war einmal vom Grafen Joseph, dem letzten der Dorste-Camphausen, so, ehrenhalber, für seinen Schwager bestimmt und konnte, ohne diesen vor aller Welt zu compromittiren, nicht zurückgenommen werden. Alt und schwach an Geist und Körper, hat er sie jedoch factisch seinem Sohne überlassen müssen, dem Präsidenten – deinem Stiefvater! Ein so loyaler Untertan wie dieser bietet natürlich alles auf, sowohl etwaige Ideen vom Kloster zu unterdrücken, wie den der ganzen Anzweiflung an dem Rechtsbestande dieser Familienanordnungen gewidmeten Scharfsinn meines Principals zu Schanden zu machen. Einstweilen wohnt Paula auf ihrem Sitze Westerhof und wird von dem Onkel und der Tante Armgart's so gehegt und gepflegt und geliebt, wie man bei uns zu lieben pflegt, fräulein! Alles nur durch ein unendlich seelenvolles Schweigen und das gemütvollst Bloserratenlassen! Wenn die Leute bei uns achtzig Jahre alt geworden sind und bald in die Grube gesenkt werden, rufen sie sich noch erst vom Todtenbett aus die vergessene Liebeserklärung nach. Gelebt haben sie nach der Liebe, gesprochen davon nie. Nicht wahr, Hedemann? Als Sie noch für meinen seligen Vater Borkenhagen bewirtschafteten, ich glaube nicht, dass er Ihnen je ein: Ich danke! gesagt hat.
Er hatte nicht Ursache dazu! erwiderte Hedemann. Unsere Abschlüsse waren schlecht genug!
Ein kühler Luftauch fuhr durch die Bäume, die den Friedhof begrenzten, und mahnte, dem Rufe des Wächters zu folgen, der die zehnte Stunde rief.
Bonaventura stellte der so in alte und neue Verhältnisse mit der grössten Spannung einblickenden Lucinde zur morgenden zeitigen Abfahrt das bereits im "Stern" bestellte Gefährt nochmals in Aussicht und bat sie den Onkel zu grüssen; in einigen Tagen würden Geschäfte auch ihn vielleicht nach Kocher hinaufführen.
Benno begleitete Lucinden bis zum Stern. Er versprach, sich mit Hedemann derselben Fahrgelegenheit zu bedienen und in der Frühe sich bei ihr einzufinden.
Dann kehrte er ins Pfarrhaus zurück, wo er