nahm wieder die lächelnde Miene jener aufgeklärten Überlegenheit an, die gewissermassen hier als landesüblicher Regierungsausdruck gelten konnte und geradezu so viel sagte als: Wir dulden euch und die wunderlichen Schwächen eurer Kirche und tun dies, weil ihr ja eben nichts dafür könnt!
Da auch Hedemann, der erst den lebhaftesten Anteil verraten hatte, jetzt an die dunkeln Fenster getreten war und an die Scheiben trommelte, stand Grützmacher gewissermassen als Sieger über allen.
Meine Meldung, sagte er denn auch vollkommen befriedigt, meine Meldung ist Ihnen zu rasch gekommen, Herr Pfarrer! Beschlafen Sie's noch! Morgen reden wir weiter davon! Ich wünsche ja selbst, dass die Leute Vernunft annehmen! Ich will noch 'mal ins Wirtshaus hinüber und sagen, was Sie über den Sarg des alten Mannes denken! Vielleicht nehmen die Menschen auf Ihr Wort Raison an, Herr Pfarrer! Also, gute Nacht denn allerseits! ... Gute Nacht, Hedemann! warf er noch hintennach hinein wie zum Zeichen besonderer Vertraulichkeit mit einem ihm gewissermassen Gleichgestellten.
Renate leuchtete und fragte ihn wahrscheinlich draussen um Näheres über "die Nichte der Frau von Gülpen".
Als sein Säbel- und Sporenschritt verklungen waren, hörte man nur, dass Renate von aussen die Fensterladen anlegte. Hedemann schloss sie von innen.
Die drückende Schwüle, die in dem kleinen Zimmer in der Luft wie geistig herrschte, veranlasste Benno zu dem Ausruf:
Ich stecke mir eine Cigarre an und wache die Nacht draussen auf dem grab!
Dass wir so töricht wären! sagte Bonaventura. Dass wir durch unser Beispiel einen solchen Glauben bestärkten!
Dennoch traten sie alle hinaus in den Hof und dann in den Garten, von wo aus man zum Friedhof gelangen konnte.
Die Spätsommernacht war mild und geheimnissvoll. Ringsum war es still geworden; nur irgendein schlafgestörtes Kind machte ein Nachbarhaus lebendig oder von den Bergen her ächzte der Hemmschuh eines verspäteten Fuhrwerks. Im Bienenhause schlief alles wie in den Gebüschen ringsum; nur die kleine Welt der auf Raub gehenden Insekten huschte vor den Fusstritten der Vorübergehenden scheu am Boden hin.
Auf dem Friedhofe lagen die Gräber mit ihren überdachten weissen und schwarzen, von welk gewordenen Blumen geschmückten Kreuzen und vergoldeten Glorienstrahlen schweigsam und feierlich. Seitab lag der im ersten Aufwurf begriffene neue Hügel, bewacht nur vom flimmernden Sternenheer, dem wir die toten so nahe gerückt glauben.
Bonaventura, Benno, Hedemann, Lucinde fanden alles, wie sich erwarten liess, ungestört.
Die Eingangspforte war geschlossen.
Ihre Empfindungen mussten die verschiedenartigsten sein; nur darin einigten sich alle, dass diese stille Welt um sie her sicher für immer mit dem Leben abgeschlossen hatte.
Unter diesen Schläfern sollte noch einer etwas vergessen oder mitgenommen haben, was zu den Sorgen und Mühen dieser Erde gehörte?
Bonaventura sagte:
Im ersten Augenblick der sich nahenden Todesgewalt mag die Verzweiflung, dass man noch mit dem Leben so tausendfach sich verwickelt weiss, mit äusserster Anstrengung gegen den kalten Engel ringen, der uns dem Dasein entreissen will; hat er aber einmal die gewaltige Rechte um uns geschlungen und fühlen wir, dass wir keinen Widerstand mehr leisten können, so erscheint uns gewiss jeder Besitz und jedes Entbehren gering! Der alte Mevissen erwartete schon seit sechs Wochen mit Bestimmteit seinen Heimgang!
Die feierliche Stimmung gab Lucinden Zeit, sich in Benno's Worte zu finden, dass sie eine Nichte der Frau von Gülpen wäre. Sie war erfahren genug, bald einzusehen, dass damit nur ein Deckmantel gemeint sein konnte, unter dem sie unter dem dach eines Geistlichen wohnen durfte. Sie hielt jetzt diese Angelegenheit keiner Frage mehr wert.
Hätten wir die Gräfin Paula bei uns! sagte sie, als sie sich von dem grab entfernten und Bonaventura Benno's Vorhaben, die Nacht über wirklich das Grab zu hüten, entschieden ablehnte.
Warum? hiess es.
Dann sässe der alte Mevissen vielleicht leibhaftig auf dem Hügel dort und man könnte ihn fragen, ob er dem wirklich in seinem Stroh soviel Geld versteckt hätte!
Die ekstatischen Zustände der Gräfin Paula waren allen bekannt genug und auch Bonaventura bestätigte die Fähigkeit derselben, über Gräbern Schatten zu sehen, die andere Augen nicht sähen.
Dabei überraschte den Pfarrer keineswegs die Möglichkeit, dass Lucinde nach allem Vorangegangenen so kurzweg den verhängnissvollen Namen aussprechen und, wie wenn nichts mit ihm wäre, ihn ins Gespräch ziehen konnte. Er wusste, wie weit Lucindens Verstellungskunst ging. Er war auch nach Empfang der überraschenden Anzeige aus der Dechanei zu Kocher am Fall in der Tat von ihr wieder auf alles gerüstet.
Wissen Sie nicht, wie es der Gräfin geht? fragte er Lucinden, als man sich nach einigem Staunen über eine so weit gehende Sehergabe der Gräfin in der Annahme einer Täuschung und der Unmöglichkeit, überhaupt Geister in sichtbarer Gestalt anzunehmen, bald geeinigt hatte.
Stehen denn Sie in keiner Verbindung mit ihr? fragte Lucinde erstaunt und mit schneidender Schärfe.
Wie sollte ich? erwiderte Bonaventura gelassen.
Seit zwei Jahren erfuhr ich nichts mehr von ihr! fuhr er fort. Sie wird auf Westerhof wohnen und sich vorbereiten, die Gattin des Grafen Hugo von SalemCamphausen zu werden!
Alle schwiegen wie zur Bestätigung.
Lucinde entgegnete:
Also eine Altarkerze im Dome der Heiligen, eine Rose von Jericho will dem Glauben ihrer Väter verloren gehen! Wie? Der kalte Luftzug des Verstandes, der Frost des Zweifels soll sie tödten! Ich hörte, dass man alles aufbietet, diese Verbindung mit einem Luteraner unmöglich zu machen!
Bonaventura verharrte im Schweigen und blickte fragend auf Hedemann, der