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Nimmermehr! rief Bonaventura mit geröteter Wange. Der Greis ist in allen Formen der Kirche und mit Ehren in die Grube gefahren! Er hatte den Sarg sich selbst gezimmert, hat darin aus einer Grille, die in seiner Frömmigkeit ihren Grund hatte, geschlafen ... Als er verblichen war, nahmen freundliche händeDa! Ich brauche nur auf Frau Renate zu verweisen! – ihn von seinem gewohnten Lager, ordneten die rohe Polsterung ... alle senkten wir ihn in die Grube mit dem Segen und den Weihen der Kirche ... wie kann ich jetzt um eines törichten Wirtshausgeredes willen einen heiligen Vorgang gleichsam wieder rückgängig machen wollen!

Na! Na! Na! Na! beschwichtigte Grützmacher gutmütig den Eifer des Geistlichen und die allzu düstere Auffassung.

Warten Sie es doch ab! vermittelte Hedemann.

Abwarten, Hedemann? Die Polizei soll vorbeugen! sagte Grützmacher zu Hedemann fast vertraulich.

Dann aber, um den Pfarrer nicht zu erzürnen und sich selbst beherrschend, fuhr er fort:

Herr Pfarrer, überlegen Sie sich, was da am Ende das Beste sein wird! Entweder Sie buddeln den "ollen Jungen" selber heraus oder es tun's hernach andere ... Und geschieht dieses, na dann, dann sehen Sie, krieg' ich wieder 'ne Naseso lang, wie neulich von wegen Mittwoch nach Jubilate!

Sie sind ein vortrefflicher Staatsdiener, Herr Wachtmeister! sagte Benno.

Ja, Herr Musketier, erwiderte der Wachtmeister, der Ironie nicht achtend, sagen Sie lieber, ich habe bloss Nachsicht mit dem Herrn Pfarrer, weil er früher selber doppeltes Tuch getragen hat als Lieutenant!

Fähnrich! Fähnrich! verbesserte Bonaventura. Weiter bracht' ich es nicht, Wachtmeister! Jetzt bin ich noch immer Fähnrich! Ich trage die Fahne meiner Kirche!

Den scherzhaften Ton der Erwiderungen festaltend, trat Grützmacher dem Pfarrer näher, klopfte ihm auf die Schulter und sagte wie in intimster Vertraulichkeit;

Lassen Sie ihn ausbuddeln! Was?

Nein, lieber Wachtmeister!

Ich bekomme eine Nase wie wegen Jubilate

Ich teile sie dann ...

Sie haben gut teilen! Ihnen gibt der Heilige Vater in Rom Zulage! Je mehr Sie von uns Nasen kriegen, desto schöner stehen Sie auf dem seiner Conduitenliste! Aber unsereins! Fünf lebendige Kinder! Eine kränkliche Frau! Zwei hintereinander gefallene Pferde! Das bringt einen Gensdarmen Mattäus am letzten! ... Buddeln Sie ihn aus!

Wachtmeister! Sie hätten ruhig den Vorfall von Mittwoch nach Jubilate melden sollen! sagte Bonaventura.

Ne, Herr Pfarrer! Warum ewig die Stänkereien machen!

Man hätte dann oben gesehen, wie die Leute es aufnehmen, wenn wir Feiertage bekommen, die gar nicht in unserm Kalender stehen!

Also danken Sie mir's nicht einmal? Machen Rebellion und ich zeige Sie nicht an, Herr von Asselyn? Sie wissen, wie gut wir in Kocher standen, als Sie bei uns Kaplan waren! Neulich sagte noch Frau Leilieber Gott, das arme Twall1 wird nicht mehr lange machen! – als die Rede davon war, dass sie schon ein Dutzend mal getan hat als wenn sie sterben wollte: Ich wache auch nur darum immer wieder "uf", weil mir 's ist als müsst' ich die letzte Zehrung (so heisst's ja wohl?) vom Herrn von Asselyn, d.h. junior ... bekommen! Seniordem wünsch' ich's nicht, dass Mutter Lei sich in der Nacht empfiehlt oder gar Morgens, wo die Federn am wärmsten sind!

Ihre freundliche Gesinnung tut mir und uns allen sehr wohl, lieber Herr Wachtmeister! sagte der Pfarrer und gab Grützmachern die Hand. Aber melden Sie nur ruhig meine Fehler! Es ist trostlos genug, dass alle Schwächen, alle Gebrechen, die, da wir alle Menschen sind, bei den Geistlichen von sieben Millionen Katoliken nicht ausbleiben können, an den Centralsitz eines andersgläubigen Regiments gemeldet und dort in den Archiven aufbewahrt werden zum Amusement Ihrer Consistorialräte! Können wir etwas dafür, dass die Leute jeden Mittwoch nach Jubilate an den Kirchtüren stehen und lärmen und sich weigern dem Rufe der Glocken zu folgen, und Drohungen ausstossen, die ich diesmal erst beschwichtigte, als ich im Ornat unter sie trat und ihnen sagte: Ein Hochamt ist zu jeder Zeit dem Herrn genehm und wir werden unsere Knie dann gewiss beugen, wenn wir Gott um eine gute Ernte und um die Abwendung von Unwetter und Hagel bitten wollen!

Da kam aber, fuhr Grützmacher fort, mein Kamerad Müller von Stockhofen drüben und hörte, wie geschrieen und gelärmt wurde und wie sie riefen, dass die richtige Hagelschadenmesse erst in ein paar Wochen stattfände und wie sie sich von Ketzern keine Feiertage vorschreiben liessen! Ich ritt gerade auf Inspection durch, bekomm's von Müllern brühwarm, soll's "pläng carrière" Landratn anzeigen und hab' das nun nicht getan! Wie gesagt, die Nase war s o lang! Und deshalb ... buddeln Sie den Alten heute lieber noch als morgen 'raus! Tun Sie mir's zu Liebe!

Bonaventura bot Grützmachern wiederholt die Hand, dann auch ein Glas Wein, blieb aber bei seiner Weigerung.

Grützmacher hatte schon lange Lucinden fixirt.

Und noch mehr, als diese mit einer fast herausfordernden Miene sagte:

Was ist denn aber das? Ein neuer Feiertag?

Benno erklärte:

Es ist merkwürdig mit unserm allergnädigsten König und Herrn! Es ist gewiss ein ganz