, dennoch unendlich erhaben war über die Sphäre, in welche er Schlag neun Uhr Abends in irgendeiner wichtigen Function hier eintrat, lag auf der Hand.
War doch allen denen, die z.B. auch zu Kocher am Fall auf dem Amtause wie einst die ghibellinischen Landsknechte in Italien unter den conspirirenden Welfen sassen, ein gewisser Zug des Antlitzes gemeinsam, den man den einer stereotyp gewordenen Ironie nennen darf.
Dieser Zug, der dem Gefühl der Toleranz gegen ein absolut sich Ueberlebtabendes entsprach, milderte sich hier und dort schattirte sich, ja mischte sich z.B. bei dem Chef des Herrn Grützmacher, bei dem Gensdarmeriemajor Schulzendorf, der die Tafel des Dechanten zu St.-Zeno mit einer ausserordentlich feinen Zunge zu würdigen verstand, sogar mit einer Ergebenheit, die bis zu einer offenbaren Unterwürfigkeit gegen Römisches ging ... Denn wiederum ist es eine ganz eigentümlich bestätigte Tatsache, dass jener aufgeklärte blonde, urewig beamtische Menschenschlag zwischen Elbe und Oder auf fremdem Boden seine Kraft nicht immer mit besonderm Geschick zu behaupten versteht. Im Glück leicht übermütig, in Schwierigkeiten vor Uebermass entweder des Mutes oder der Einsicht nicht selten unentschlossen bis zum Zaghaften oder klug bis zum Ueberklugen, lässt sich diese angeborene, alles wissende und alles könnende Art oft von dem Fremdartigen imponiren, ja hat bei aller Hitze des Anlaufs und aller Sicherheit des steten Gutsagens für sich selbst oft schon in ältern und neuern Geschichten vollständig den Kopf verloren. Aber Grützmacher gehörte nicht zu diesem überläuferischen Geschlecht. Ihm war es nicht so ergangen wie hier manchem schon der aus dem land des absolut Blonden kam, in grösserm oder kleinerm Umfange diese Länder, die mit Rom noch etwas enger verwachsen sind als durch die Gipsfiguren Napoleone Biancchi's, regieren sollte und die Festigkeit des Willens allmählich verlor, indem er seine rauhe Art an dem schönsten aller Ströme, an den sanftesten Tälern, fröhlichsten Menschen, an Burgen und Nebengeländen, und vor allem an dem "Chrisam", zu dem alle Menschen geschworen haben, selbst die Türken und Heiden, der Blume des köstlichsten Weines, abmilderte. Aus vielen Gründen sollte ja gerade jetzt dem unverbesserlichen geist dieser Provinzen nicht geschmeichelt werden, sollte keine Widersetzlichkeit gegen die Anordnungen der Behörden ungerügt bleiben. Der Wachtmeister von Kocher am Fall, ohnehin ein geborener Jüterbogker, aus dem land, wo Tezel einst seinen Ablasshandel so empfindlich abgebrochen bekam, hielt unter allen römischen Verführungen einen festen protestantischen Widerstand, obgleich er nur auskommen musste mit monatlich 20 Talern Löhnung, etwas Montirungsgeld und einem jährlich durch 80 Taler "gutgetanen", d.h. selbst zu stellenden Pferde.
Sich umsehend und die für einen ehelos lebenden Geistlichen immerhin anmutig gemischte Gesellschaft mit jüterbogker Anti-Ablassironie würdigend, sagte er, es fiele ihm doch sehr auf, dass im wirtshaus die Leute beisammen sässen und von dem Begräbniss des alten Mevissen in einer Weise munkelten ...
Ob er denn hier laut sprechen dürfte? unterbrach er sich selbst.
Herr Wachtmeister! sagte der Geistliche, Sie brauchen hier auf niemand Rücksicht zu nehmen!
Herr Grützmacher wiederholte nun die Vermutung, die bereits am fuss der Maximinuskapelle Lucinde ausgesprochen. Dieselbe Vermutung war entweder durch den Knecht aus dem Weissen Ross hierher verpflanzt worden oder war aus den Köpfen der Bewohner von St.-Wolfgang selbst entstanden.
Ist es mit dem Sarge, schloss Grützmacher, nicht richtig, Herr Pfarrer, na, so erleben wir die Nacht Unrat!
Wie so? Was erleben wir? fragte Bonaventura.
Na! Na! lautete des Wachtmeisters vieldeutige Antwort.
Sie glauben, dass der Sarg erbrochen wird? hiess es allgemein.
Na natürlich! war die Antwort jüterbogker Logik.
Und es würde doch schade "sind", fuhr Grützmacher, sich den Knebelbart streichelnd, fort, wenn man "det olle Männiken" da unten in der ewigen Ruhe stören wollte!
Gewiss! sagte Bonaventura ernst, bestritt aber sowohl die Annahme, dass der alte Diener seines Vaters mehr besessen hätte, als was ihm von den Seinigen zufloss, wie die Möglichkeit einer Entweihung des Friedhofes von irgendwem in seiner Gemeinde.
hören Sie mal, Herr Pfarrer, bestritt Grützmacher mit grösserer Entschiedenheit, det alte Männiken soll oft was aus Italien 'rausgekriegt haben! Der Wirt vom Stern als Postalter tut auch so und druckst als wenn er manchmal gar von Papstens – bitte um Entschuldigung, Herr Pfarrer – eine Anweisung auf hundert Zecchinen, heisst es ja wohl in Rinaldo Rinaldini, herausgekriegt hat ...
Und was wünschen Sie denn nun, Herr Wachtmeister! fragte der Pfarrer, wider Willen lächelnd.
Eine förmliche Räubergeschichte! flüsterte Lucinde und Benno fiel ironisch ein:
Was kann er wünschen als Kant's "Kritik der reinen Vernunft"!
Der Wachtmeister betrachtete beide Sprecher von oben bis unten.
Lucinde, die jetzt in dem Wachtmeister fast einen alten Bekannten von Schloss Neuhof zu erkennen glaubte, beugte sich ins Dunkel nieder.
Aber Benno betrachtend, musterte der Wachtmeister das militärische Kleid desselben und sagte nicht ohne Schärfe:
Herr Musketier! Wie meinen Sie das?
Herr Wachtmeister! erwiderte Benno einlenkend und sich besinnend, dass er, wenn er zehnmal auch den Justinian studirt haben mochte, hier als Gemeiner einem mann gegenübersass, der ein silbernes Porteépée trug.
Er griff wie zum Salutiren an die Stirn ...
Ich meine, sagte er, Sie wünschen sowohl den klaren Beweis, dass die Leute sich geirrt haben, wie die Vorbeugung eines polizeilichen Frevels! Sie beantragen ganz einfach die Ausgrabung der Leiche!