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Land zu wandern und überall die Erzeugnisse ihrer Industrie zu den wohlfeilsten Preisen anzubieten.

Nun ja, sagte Bonaventura, gerade jetzt, wo man wieder beweisen muss, dass es in unserer Kirche eine unsterbliche Ehre ist, die Märtyrerkrone gewonnen zu haben!

Durch eine Ideenverbindung, die nicht ausgesprochen zu werden brauchte, weil jeder sie für sich selbst ergänzte, kam man auf Vorkommnisse des kirchlichen Lebens überhaupt. Hedemann fragte, ob nicht Bonaventura der morgenden, zu Kocher am Fall stattfindenden Besprechung einer grossen Anzahl von Geistlichen beiwohnen würde?

Bonaventura erwiderte zögernd mit der einfachen Frage:

Bei Beda Hunnius?

Sein Vetter verstand, was er sagen wollte, und unterbrach die Angabe der Gründe, warum sich der Pfarrer solchen Verschwörungen gegen die Regierung entzöge, mit den parodirten Worten des Tell:

Doch, was ihr tut, lasst ihn aus eurem Rat!

Er kann nicht lange prüfen oder wählen;

Bedürft ihr seiner zur bestimmten Tat,

Dann ruft den Tell, es soll an ihm nicht fehlen!

Diese Worte erheiterten die etwas gedrückte Stimmung.

Auch Bonaventura sagte mit einem Lächeln, das seinen Zügen einen unwiderstehlichen Ausdruck vertrauenerweckender Güte gab:

Hätt' ich gedacht, dass ich heute noch bei Erwähnung der Schweiz lachen würde! Den ganzen Tag über war ich in die Erinnerungen verloren, die sich an unsern alten braven Mevissen knüpfen!

Das bereits gleich nach erster Begrüssung von Benno und Hedemann berührte Tema wurde aufs neue aufgenommen. Man sah, dass es sich um den Tod eines Mannes handelte, der einer ganzen, weitverzweigten Familie wert gewesen war. Da er aber auch an den Tod Friedrich's von Asselyn, des Vaters Bonaventura's, Gemahls der jetzigen Frau von WittekindNeuhof, erinnerte, so konnte sich niemand gedrungen fühlen, bei dem gegenstand allzu lange zu verweilen. Nur Lucinde ... diese hatte schon seit lange das System, keine Wunde zu schonen, keinen Schmerz zu umgehen, alles gerade so zu nehmen, wie es ist. So sprach sie auch hier, ohne die geringste Besorgniss, ihre Umgebungen zu verwunden oder aufzuregen.

Ich höre ja auch, dass dieser Mann in einem Sarge begraben ist, den er sich selbst gezimmert hat?

Ja, sagte Bonaventura, er fing diese Arbeit an nach einer Predigt, die ich am letzten Allerseelentage hielt! "Wir leben den Tod!" – diesen Spruch eines Weisen behandelte ich und ich mag es wohl in zu lebhaften Bildern getan haben! Unser ganzes Dasein verwandelte meine leider oft noch gar schulmässige Rhetorik in ein grosses Leichentuch. Die Sterne waren die silbernen Verzierungen desselben, der Mond die Krone auf dem grab, ja alle Blumen, selbst die Rosen und Lilien, verwandelten sich in Palmenzweige und Todtenkränze. Von da an traf ich ihn in seinem Höfchen beim Hobeln von Bretern und wie ich ihn einmal über den Zaun fragte, was es geben sollte, war's erst ein Bett; am Tage darauf sah ich, dass es ein Sarg wurde. Nun musste man ihn in seiner Grille gehen lassen. Das Alter lässt sich nicht viel mehr von seinen Vorsätzen ausreden, am wenigsten den Ausdruck seines Kummers.

Unwillkürlich musste Lucinde bei diesen Worten ihres Pavillons in Schloss Neuhof gedenken und der alten Stammers, bei denen sie gewohnt hatte.

Auch Hedemann nickte Beifall ...

Benno wandte sich, nach dessen älteren zu fragen ... den älteren eines Fünfundvierzigjährigen ...

Um die aus ihr unbekannten Ursachen nach wenig ausweichenden Worten entstehende drückende Stimmung freier zu machen, erwähnte Lucinde das im Weissen Ross vernommene Gerücht von Schätzen, die wohl gar der alte Mevissen könnte mit sich genommen haben.

dafür erntete sie aber eine strafende Erwiderung der gerade im Abräumen begriffenen Renate.

Ei was, sagte diese, wer spricht denn solche Lästerungen nach! Schätze mit ins Grab nehmen! Wer nur das gottlose Gerücht aufgebracht hat! Sein ganzer Schatz ist sein gutes Herz gewesen! Mit dem ruht er in Gottes Schoos und Schutz ... und wenn man in den Wirtshäusern anders spricht, sollt' es wenigstens hier bei einem geweihten Priester nicht wiederholt werden und über einen solchen Schimpf so still bleiben wie drübenim grab!

Mit der peinlichen Stille, die auf diese entrüsteten Worte Renatens, die gleichfalls eine alte Dienerin des Hauses Asselyn gewesen war wie der Verstorbene, folgte und von Bonaventura eben unterbrochen werden sollte, um der so abgetrumpften Lucinde eine Genugtuung wenigstens des Anstandes zu geben, stand in fast gespenstischem Widerspruch ein klopfen, das plötzlich vernommen wurde.

Frau Renate, die am ehesten gegen die Voraussetzung einer unheimlichen Tatsache hätte gerüstet sein sollen, liess vor Schreck fast einen ihrer Teller fallen.

Hedemann und Benno waren schon aufgestanden.

Sie gingen ans Fenster, wo sich das Pochen erneuert hatte.

4.

Der am Fenster Pochende war aus dem Stern der Gensdarm gewesen.

Der Wachtmeister! hiess es schon beruhigter. Der

ganze kleine Kreis kannte ihn.

Was bringen Sie uns, Herr Grützmacher? fragte

Bonaventura, während man schon die Haustür öffnete.

Der eintretende Gensdarmenwachtmeister Grütz

macher bildete in seiner wohlgenährten breitschulterigen Gestalt, seinem blondgrauen Knebelbart, glänzend gebräuntem Antlitz, seinem klirrenden Sarras und seinem Helm zu dem stillen Abendimbiss eines katolischen Priesters einen schroffen Gegensatz.

Dass Herr Grützmacher sich auf einem Standpunkte

wusste, der selbst bei gering nachhaltender Kraft seiner Katechismuserinnerungen, bei etwas gründlich vergessener Geometrie aus seiner, als er noch bei der Artillerie stand, weiland besuchten Compagnieschule, bei einem dunkeln Gefühl verklungener Sagen über die Lehre von den Brüchen benannter und unbenannter Zahlen