ihre reiche Vergangenheit für die reichere Gegenwart offen lassen muss! Was soll sie sagen, wenn nicht die grossen Männer der alten Kirchengeschichte, ein Gregor, ein Bernhard von Clairvaux in Dingen, die diese begreifen konnten, zu ihr sprechen, sondern solche neueste Erlasse der päpstlichen Curie, bei denen man immer fürchten muss, Galileo Galilei und die Bibel fallen sich wiederum an und ringen im Kampfe! Der Magnetismus als Heilmittel war damals vor der heiligen Pönitentiarie noch Streitfrage; jetzt hat ihn ein Erlass derselben verworfen. Bonaventura half sich damals in seiner Erwiderung an Paula mit der Erinnerung an das Hochgefühl der Märtyrer und sagte, wie einst der arme verbitterte Schauspieler Serlo gesagt hatte, dass man Freude empfinden dürfe an sich selbst, setzte aber hinzu, nur müsse man über jedes Verdienst die Ehre Gott geben. Um die ihm unendlich werte junge Freundin von der gefährlichen Sehergabe, deren Ruf schon die ganze Stadt erfüllte, ja die ihn selbst zum Spott der Neider und Feinde, die er schon hatte, sogar mit dem Bischofshut geschmückt hatte, zu heilen, riet er ihr an, kein einziges geistliches Werk mehr zu lesen, auch kein einziges Werk der nur den religiösen Sinn exaltirenden barmherzigen Liebe zu üben, sondern weltliche Schriften und weltliche Beschäftigungen – – So hatte er in wahrhafter Versuchung und wie zwischen "Himmel und Hölle" damals in der Mitte das wichtigste Werk seines Berufs begonnen, sich selbst darauf eine schwere innere geistliche Strafe für etwa dabei obwaltende eigene Schuld auferlegt ... und in diesem Augenblick fuhr diese Erinnerung und die an das ganze Jahr überhaupt, das er noch in jener Stadt verleben musste, wie mit einem einziges schrillen Septimenaccord durch seine Seele.
Und zwischen alledem klapperten im Nebenzimmer Teller, kam die alte Renate, die Wirtschafterin, und liess ihre Gebäcke duften – sie hatte für beiderlei Geschmack gesorgt: Eierkuchen mit und ohne Schnittlauch – wurden die Stühle herangerückt und die Plätze verteilt und auch schon der Kork einer Weinflasche wurde von Hedemann gezogen ... Das Leben fasst oft das Unscheinbarste in Gold und Silber und wie oft die wahren Glanzgeschmeide unsers inneren in Kupfer und Blei!
Beim ersten Zuspruch zum bescheidenen Mahle ergab sich, dass Lucinde einen Wagen finden würde, der sie morgen früh nach Kocher am Fall bringen sollte.
Benno und Hedemann erklärten sie begleiten zu wollen.
Benno hatte sich nur bei dem Stabe des Truppenteils, zu dem er gehörte, einige Tage zu stellen; lange Uebungen fanden in diesem Jahre der Teuerung und einer in der ganzen Provinz herrschenden Aufregung wegen nicht statt. Er erklärte sich davon um so befriedigter, als er bei einem der ersten Advocaten der Gegend, in der Residenz des Kirchenfürsten der Provinz, arbeitete und seine juristische Laufbahn mit Eifer zu verfolgen schien.
Bonaventura kam auf die ihm von Lucinden mitgebrachten Schreiben zurück und auf deren Verfasser. Entweder nahmen sie seine Aufmerksamkeit wirklich in Anspruch oder sie gaben ihm nur willkommene gelegenheit, sich über die Wiederbegegnung mit Lucinden zu sammeln. Lucinde hatte, noch ehe sie sich zu Tisch gesetzt, schon mit Renaten einen Strauss angebunden über einen Spiegel, von dem sie einige Fliegenflecke mit dem Taschentuch abwischte. Frau Renate bemerkte diese Einmischung in ihre eigene Lebensaufgabe ohne besonderes Wohlgefallen ... Morgen wäre Putztag und das fräulein brauchte sich nicht zu incommodiren, sagte sie spitz ... Lucinde replicirte, sie möchte sich beruhigen, ein Spiegel könne ja in einer Pastorei nur ein wenig beachteter Gegenstand sein ... Worauf wiederum Renate: Ei sie möchte doch nicht glauben, dass sie die einzige Dame wäre, die hier schon vorgesprochen! ...
Benno, dessen scharfes Auge das Interesse Lucindens für seinen Cousin bald übersah, flüsterte Renaten das schwerlich von der Matrone verstandene Wort Mephisto's zu: "Du ahnungsvoller Engel du!"
Man hatte auf den Tisch noch eine kleine Studirlampe gesetzt. Ihr Deckel warf einen dunkeln Schattenring über die Mienen der dem bescheidenen Mahle Zusprechenden.
Renate sass nicht darunter, wohl aber Hedemann. Dieser war, wie der Knecht beim Bauer, wie der Edelknappe beim Ritter, Diener und Freund zugleich, ganz im Charakter jenes Landes, das nach Benno's Erzählung im Höhenrauch seinen ewig blauen ionischen Himmel findet. Hedemann durfte ebenso das Wort führen, wie er auch das Brot vorschnitt. Von den Italienern, die durch den Ort durchgefahren waren, sagte er:
Sie sind aus Frankfurt eigens mit ihren Waaren verschrieben worden!
Hedemann! rief Benno. Mit ihren Waaren! Gegenstände heiliger Verehrung Waaren! Man sieht, wie lange Sie sich im ketzerischen Amerika umgetrieben haben! Hoffentlich kehren Sie an Porzia's Hand zur Rechtgläubigkeit zurück! Bona, hast du nicht noch eine alte italienische Grammatik übrig? Ich glaube, Hedemann verlegt sich auf Lingua Toscana in Bocca Romana. Porzia Biancchi scheint es ihm angetan zu haben!
Lucinde schürte den Scherz und erbot sich, da Hedemann in Kocher am Fall wohnte, wenn er wollte, zum förmlichen Unterricht.
Hedemann erwiderte seufzend:
Ein Schüler von fünfundvierzig Jahren!
Wer mit fünfundvierzig Jahren noch lieben kann, ist zu allen Dingen gelehrig! erwiderte Lucinde, die ein sittsames Verschleiern und nur leises Berühren zarter Gegenstände nicht in ihrer Art hatte.
Hedemann verweilte in der Tat mit Anteil bei den Lebensverhältnissen dieser Italiener, bei ihrer leichten Art, das Leben aufzufassen, ihrer Kunst, wo und wie nur irgendmöglich, dem Leben Gewinn zu entlehnen, und wieder kam er bei der Tatsache an, dass sie eigens wären aufgefordert worden, gerade jetzt ins