Mädchen – über den Doctor Laurenz Püttmeier, über Hegel's Lehrstuhl, über die metaphysische Drechselbank ...
Bonaventura behielt Zeit, beim Lesen auch sich zu sammeln und vielleicht jenes Bildes in seinem Gedächtniss zu gedenken ...
Er war seit acht Wochen Priester und sass zum ersten mal im Beichtstuhl ...
Es war ein uralter, von Eichenholz kunstvoll gearbeiteter. Ein alter Holzschnitzer hatte die Zieraten dieses Stuhles aus der geschichte des Sündenfalls entnommen. Der Stuhl drückte die Versuchung aus und die Erlösung. Adam und Eva standen links und rechts an den beiden Eingängen; der Priester sass wie im Baume der erkenntnis; ringsum ihn windet sich die Schlange. über ihm erhebt sich die Erlösung, der siegende Christus mit dem Kreuz und jene Maria, von der Friedrich von Spee, der Sänger der "Trutz-Nachtigall", erzählt hat, dass sie einst zu ihrem Sohne gesagt haben soll: "Musst du so leiden, so bitte den Vater, dass er mich früher hingehen lässt"; aber der Heiland erwiderte: "Zwei haben im Paradiese gesündigt, Adam und Eva! Zwei müssen auch die Marter leiden, ich und du!" ...
Und in diesem Beichtstuhl war es gewesen, dass beim ersten Beichtören die erste stimme, die zu Bonaventura gesprochen, ohne dass er die Beichtende sah, nach dem ersten Anmelden ihn anredete: Ehrwürdiger Priester! Ist es wahr, dass alles in Erfüllung geht, was wir, während ein Priester geweiht wird, von Gott erbitten? ... Bonaventura, ohne der stimme zu achten, die er hörte, versenkt in die ihm so heilige Bedeutung des Amtes, Mitwisser fremder Fehle und Mitträger fremder Schuld, Mitträger fremder Reue und Busse zu sein, hatte erwidert: So Sie um ein ewiges Gut gebeten haben, gewiss; doch würde es Ihnen Gott auch erfüllen in jeder andern Lage, wo Sie in Andacht zu ihm beten! Darauf hatte die stimme erwidert: Ich bat um ein Unmögliches, die Wiedererweckung eines toten, oder darf man annehmen, dass der Geist sich auch auf Erden schon unsterblich erneuert und in wechselnden äussern Gestalten doch derselbe bleibt, dieselben Wunder wirkt, dieselbe Liebe entzündet? ... Bonaventura hatte erwidert: Der Geist, der heilig ist, ist ausgesandt in alle Welt und ist nur einer! ... Wodurch heiligen wir eine Liebe? hatte die stimme noch scheuer gefragt; aber deutlicher kannte er die Sprecherin schon, als er das Wort gesprochen: Durch Entsagung! ... Er hatte diese stimme schon oft gehört, wenn er die ihm so dringend empfohlene Gräfin Paula besuchte. Er hatte ihr Interesse beobachtet, ihr Erglühen, wenn er nahte, ihre Eifersucht auf Paula. Er hatte sich in den Beichtstuhl gesetzt, ausgerüstet auf die schwierigsten Fälle, die die Moralteologie für das wichtigste und schwerste Amt des Priesters vorhergesehen, ausgerüstet auf alle Vorkommnisse der Herzenserleichterung, auf Ausreden und Ausweichungen aller Art, auch auf jene Zudringlichkeit der Mitteilung, die eine der lästigsten Erfahrungen gesuchter Seelsorger ist, auf die Plaudersucht, auf die Geheimnisskrämerei, auf ein sich mit der Wollust des Schmerzes selbst Preisgeben und die sich selbst geiselnde Vertraulichkeitssucht, ja a u f d i e E i t e l k e i t a u f d i e S ü n d e – er kannte alles, was sich schaudervoll Menschliches im Beichtstuhl zu entüllen pflegt; – aber dass ein zitternder, ihm bekannter und mit fühlbarem Atem sprechender weiblicher Mund so jetzt ihm in unverkennbarer Andeutung von einer ihn doch nur selbst betreffenden Liebe und mit einem fast herausfordernden Spott wieder, der ihn erbeben machte, davon in dieser Lage reden konnte, das war sogleich die stärkste Prüfung gewesen, die ihn traf ... Lehren Sie mich entsagen! war die Aufforderung Lucindens gewesen. Er hatte sie ermahnt zum inneren Gebet. kennen Sie das innere Gebet? ... Nein! hatte die ermattende Antwort gelautet ... Es ist die Sammlung aller Ihrer Gedanken auf Einen Punkt, die Ausmalung Ihrer Betrachtungen, als wären Sie bei dem, was Sie lesen, gegenwärtig! Wählen Sie dazu das Gebet des Herrn im Garten von Getsemane und nehmen Sie Veranlassung zur steten Wiederkehr Ihrer Betrachtungen bei dieser Stelle selbst bis zur Vergleichung der Darstellung, wie sie sich bei den verschiedenen vier Evangelisten findet! Setzen Sie diese inneren Betrachtungen über diese eine Stelle der Leidensgeschichte so lange fort, bis eine kleine Altarkerze niedergebrannt ist, die Sie an der Kirchentür draussen kaufen mögen! ... Dann sprach er sein Absolvo und die Gestalt, die er nicht gesehen, war verschwunden. Zur Mehrung aber seiner harten Prüfungen, und doch ihn unendlich beglückend, kniete auf der andern Seite dann als zweite seiner ersten Beichteroberungen Paula Camphausen ... Sie hatte einen ihrer freien Tage nützend, sein erstes Beichtkind sein wollen! ... Lucinde war ihr zuvorgekommen ... Paula klagte sich des Stolzes an auf die Bilder, die ihr zuweilen im Traum erschienen. Ich habe verboten, liebe Comtesse, erwiderte er, dass man Ihnen wiedererzählt, was Sie infolge einer krankhaften Verstimmung Ihrer Nerven im Schlafe sprechen! ... Es geschieht doch! erwiderte sie, und ich hör' es zu gern und es ängstigt mich! ... Auch hier verliessen Bonaventura gleich im Beginn dieser Wirksamkeit alle Vorgänger in der Kunst der Erteilung geistlicher Ratschläge ... und seltsam genug nimmt sich die Kirche auch aus in den Lücken, die