Toilette, ihr Kampf mit sich selbst hatten lange gedauert.
Das Pfarrhaus lag dicht an der Kirche und dem Gottesacker.
Von letzterm trennte es nur ein bescheidener Gemüse- und Obstgarten.
Die Grenze, eine Mauer von grünen Hecken, war unverschlossen.
Nicht gering war die Neugier, mit der Lucinden Jung und Alt betrachtete.
Nur eine alte Frau, die im Pfarrgarten Kerbel und Salat zum Nachtessen sammelte, erhob sich von ihrem Bücken nicht. Ihr schienen vielleicht die Besuche elegant gekleideter Frauen bei ihrem Herrn weniger auffallend.
Und doch konnte Lucinde vor Bangen nicht zur Haustür hinein.
Der Eingang zum Garten stand offen.
Ungesehen betrat sie einen teil desselben, einen gewähltern, wo abgeblühter Jasmin und wilde Geisblattbüsche sich fast zu einem Laubengange einten ...
Hier war ein Sitz, auf dem noch Bücher lagen ...
In Bienenstöcken, an denen sie vorüber musste, schien es still, wenn auch ihrem scharfen Ohr nichts von dem Summen entging, von dem sie drinnen belebt waren ...
Im fast verstohlenen Vorüberhuschen wagte sie die Bücher, die Bonaventura vergessen zu haben schien, anzusehen ...
Sie schlug sie auf, neugierig auf die jetzige Geistesfährte des inneren Lebens dieses ihres – Feindes? War das Asselyn? Er liebte, w e n n er liebte, Paula! Er hasste, w e n n er hasste, Lucinden!
Sie fand einen Band von Goete's Gedichten. Dann eine ältere Liedersammlung: "Trutz-Nachtigall", von dem alten edlen Dichter Friedrich von Spee, einem Jesuiten.
Sie kannte einige der Weisen dieses letzteren Sängers, der sich durch seinen geistlichen Stand nicht hatte beirren lassen, die Sprache der Blumen, der Farben, der Töne und des eigenen Herzens als die gemeinsame Muttersprache aller geschaffenen Creatur mit den Weltlichen mitzureden und unter den Huldigungen, die seine inbrünstige Phantasie der überirdischen Liebe brachte, auch ein gut teil der Wonnen mitzufühlen, die die irdische gewährt.
Ertappt! lag in dem fast listigen blick ausgesprochen, mit welchem Lucinde beide Bücher an sich nahm und, um sich Mut zu fassen, beschloss, sie dem Pfarrer beim ersten Gruss einzuhändigen.
Im haus vorn, das nur aus einem, aber hochgelegenen Stockwerk und vielen bewohnbaren Dachkammern bestand, kündigte sich in der Küche schon die grösste Regsamkeit an.
Die eigentliche Führerin des Haushalts war wohl die über dem Salatbeete gebückte Matrone. Aber hier in der Küche stand, vom prasselnden Feuer beschienen, ein jüngeres dienendes Wesen und gab, angeredet um den Herrn Pfarrer, aus der Ferne kaum verständliche Antwort; Eierspeisen, um die es sich allein bei einem improvisirten Abendimbiss handeln konnte, gebieten Aufmerksamkeit auf Pfanne und Löffel; das wusste Lucinde wohl von ihren frühern missglückten Versuchen in diesem Fache.
Nun folgte sie der eigenen Führung und verliess sich auf ihr Ohr, das durch die Tür zur Rechten auch schon Männerstimmen hörte. Lauschen konnte sie nicht, wenn sie auch wollte, denn im gleichen Augenblick öffnete sich die Tür und Hedemann trat ihr entgegen, mit Schüsseln in der Hand und mit Gedecken. Er half an den Zurüstungen zum Nachtimbiss.
Wie staunte er, als ihm Lucinde alles ohne weiteres aus der Hand nahm und damit in die Küche ging!
Hedemann blieb stehen, hielt die Tür auf und sagte, zugleich bestätigend, dass man eben von ihr gesprochen:
Da ist ja jetzt das fräulein!
Bonaventura hatte Lucinden nach der Mitteilung der Frau von Gülpen zu Kocher am Fall schon in der Frühe erwarten dürfen.
Und wie ein Priester, der nach der beichte einer noch so grossen Sünde dem Sünder begegnen kann als hätte er nicht ein Wort von ihm vernommen, schritt er jetzt hinaus, begrüsste freundlich lächelnd Lucinden in der Küche, beschwichtigte das Erstaunen der alten, aus dem Garten zurückgekehrten Frau und führte sie dann wie eine unverfängliche, ihm willkommene alte Bekanntschaft mit Wohlwollen an der Hand in das Wohnzimmer zurück.
Ihre Hand zitterte in der ruhigen seinen.
Sie wollen zu meinem Onkel! begann er mit dem milden und weichen Tone, den Lucinde eben auf dem Friedhof gehört, dem Tone, den sie aus frühern zeiten kannte, ja aus zeiten schon, wo sie ihn selbst noch gar nicht gesehen; denn so konnte Serlo sprechen, wenn er auf dem Sopha lag, unbehelligt von seiner Frau und wehmütig auf die Vergangenheit und Zukunft blickend. Aber diese sanfte stimme kam hier vom Leben, von der Gesundheit, von einer Zukunft, die eine sichere und verbürgte war.
So wissen Sie –? erwiderte sie und schlug die Augen nieder, als wäre sie sich der Glut derselben bewusst ...
Sie reichte die Bücher dar und erzählte ihren Einfall in den Garten.
Dann gab sie Briefe ab, die sie von Priestern und Freunden Bonaventura's mitbrachte.
Dieser erbrach die Briefe, las sie und überliess Lucinden den weitern Erkennungen und Ueberraschungen und Verständigungen zwischen ihr und Benno.
Ob Bonaventura mit ganzer Teilnahme las? ... Ob er dies mit dem Gefühl tat: Da ist sie die Abgesandtin des himmels oder – der Hölle?
Man rüstete das Mahl. Benno plauderte über Armgart, über das Erstaunen derselben, dass sie Lucinden bloss aus den Schilderungen ihrer Freundin Paula erkannt und dann von Angelika Müller, der Lehrerin, die Richtigkeit ihrer Vermutungen bestätigt erhalten hatte, über diese Lehrerin, die wenig mehr über Lucinden gewusst zu haben schien, als dass sie einst auf einer Reise sie begleitet hätte – wusste sie mehr, so passte es schwerlich für die jungen