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Mevissen war ein armer Häusler gewesen, lebte von kleinen arbeiten der Tischlerei, die er in jungen Jahren gelernt hatte, ehe er dem Vater Bonaventura's auf jener Reise folgte, von der Friedrich von Asselyn nicht wieder zurückkehrte. In leiser Andeutung und nicht etwa sein eigenes Leid zu sehr hervorstellend, kam der junge Redner auf diese allen ihn Umstehenden bekannten Vorgänge. Er pries den Anteil, die Hingebung, die Treue des Verstorbenen, die er dem Vater und dann ihm selbst bewiesen. Er sprach, angeregt von der Erinnerung an jene Zeit, wo ihm als Knaben zum ersten mal das Bild seines in einem Schneeabgrunde des grossen St.-Bernhard todtgefundenen Vaters entgegentrat und seine Neigung für den geistlichen Beruf entschied, über die dunkeln Kerkerwände des Todes, über die stille Gemeinsamkeit, in der die Leiber ruhen und einst schon so in alter römischer Zeit, in den Katakomben, die Gebeine der heimlich begrabenen Märtyrer ruhten ... über den Sarg, den sich der alte Freund seiner Jugend und des ganzen Dorfes selbst gezimmert und in dem er wie in einem Bett nächtlich schon gleich manchem Heiligen geschlafen hätte; – er verglich den Tod mit dem Schlummer, seiner Erquickung, seinen Träumen, seinem Erwachen. All diese Gedankenreihen folgten sich natürlich, ohne Prunk, mit einfachen Bildern, in jener sich auf Sprüche der Bibel und der Kirchenväter stützenden Redeweise, die den Zusammenhang des eigenen Ichs, das sich nicht vordrängen soll, mit der Lehre und den Beispielen des kirchlich Gebotenen nicht vergisst und allem Abschweifen persönlicher Einfälle durch bestimmt vorgezeichnete Formeln und Gebete ein Ende macht.
Dreimal besprengte dann der Priester den Sarg mit Weihwasser, schwang über ihm das Rauchfass, warf drei Händen voll Erde auf ihn und endete mit den Worten:
Aus der Erde hast du mich gebildet; mit Fleisch hast du mich umkleidet;. erwecke mich wieder, mein Erlöser!
Nach dem "Amen!" war die Handlung vorüber; die Menge zerstreute sich; der von Bonaventura unter den niederhängenden, weitschattenden Wallnussästen kaum bemerkte Wagen rollte weiter; Lucinde wusste nicht, wie sie unter den Eindrücken, die ihr Inneres bestürmten, in dem wirtshaus des Ortes ankam.
Aus Blech geschnitten, hing über der Tür desselben neben der grossen Einfahrt des bescheidenen Hauses ein Stern ...
Das Verlangen nach einem Zimmer war bald befriedigt, der Kutscher wurde bezahlt und Lucinde war mit ihren Reiseeffecten, aber auch mit der schweren Aufgabe allein, dem Priester, der sie kannte, aber auch ganz kannte, wie sie war, wie sie sich selber vielleicht nicht kannte, nach zwei Jahren wieder entgegenzutreten.
In dem kleinen raum, hinter dem Fenster mit den zerkritzelten grünblauen Scheiben, in der Umgebung an den Wänden hängender Schildereien, die in Litographieen und mit Wasserfarben jene überschwenglichen mystischen Anschauungen eines durch alle Himmel ausgebreiteten Rosenkranzes als einer Welterrschaft der über der Erdkugel und dem mond tronenden Mutter Gottes, mit der Sonne selbst als Strahlenkrone, darstellten, lange zu verweilen, wäre ihrem unruhigen Charakter nicht möglich gewesen.
St.-Wolfgang war ein freundliches, angenehmes, jetzt sogar durch die sich zerstreuende Menge belebtes Dorf.
Das war in allen Winkeln und den vor dem wirtshaus zum Stern ausmündenden Gässchen des Ortes eine Rückkehr zur Freude am Dasein! Doch verwunderte sie diese nicht. Auch diese Eigenschaft ihres neuen Glaubens kannte die Convertitin schon, dass in ihm nach dem Tribut, den man den himmlischen Pflichten gezollt, eine muntere Rückkehr zur Freude am Irdischen gestattet sein sollte.
In einem an das Wirtshaus sich lehnenden Obstgarten mit Bänken und Tischen bemerkte sie schon manche Gruppe, die sich gebildet hatte, um an dem trefflichen Wein der Gegend sich zu erquicken. Auch der Knecht, der erst am andern Morgen zurückkehren zu wollen erklärt hatte, da er behauptete, sein Gaul hätte sich unterwegs einen Stein eingetreten und bedürfte der Ruhe, stand schon mit angezündeter Pfeife unter den Gästen, zu denen sich, in leichter gelüfteter Kleidung, wie wenn er entweder hier wohnte oder doch übernachtete, und gleichfalls mit brennender kurzer Pfeife, der Gensdarm gesellte, der oben am Berge die Passirscheine revidirt hatte.
Die Sonne vergoldete nur noch die Zifferblätter des Kirchturms und zeigte die Abendstunde, die bald auch von der Glocke zur Abhaltung der Vespergebete gemeldet wurde. Lucinde hatte gelernt, dass in diesem Augenblick des Angelusgebets ringsum die ganze Erde, so weit katolische Christen wohnen, gleichsam ein Gürtel von Gebeten walle, dem sich kein Gläubiger entziehen dürfte. Sie kannte das Angelus sogar in lateinischer Sprache. Doch folgte sie, da sie sich allein wusste, dem Beispiel des zuweilen zu ihr hinaufschielenden Gensdarmen unten, der seinerseits, der Landeskirche angehörend, mit seiner Pfeife ruhig an die Salatbeete schritt, die den Obstgarten begrenzten, während die Männer an den Tischen die Häupter neigten. Auch sie betete nicht, sondern ordnete vor dem in jedenfalls unabsichtlicher Satire wie vor Jahren in Eibendorf mit einer kleinen Pfauenfeder geschmückten matten Spiegel ihre Toilette, band die Flechten ihres Haares fester, glättete einen grossen, weitängenden Spitzenkragen, unter dessen Fall die zierlichste Taille sich verbarg, legte ihr goldenes Kreuz in passende Ordnung, wählte ein weniger zerknittertes Taschentuch aus dem geöffneten Koffer, entnahm ihm einige gesiegelte Briefe, steckte diese zu sich, setzte den Hut auf und schickte sich zu einem unendlich seligen und doch ebenso wieder schweren, vielleicht tief demütigenden Gange an.
Beim Pfarrer konnte inzwischen vielleicht auch schon durchs Bonaventura's Vetter und seinen Begleiter Hedemann ihr Kommen angezeigt worden sein; denn die Ceremonie, ihre