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der Schulmeisterstochter religiöse Bildung voraussetzte. Er wusste wohl nicht, dass man sich nirgends mit dem lieben Gott weniger sorge macht als in Pfarr- und Schulhäusern. Da steht man mit dem Himmel auf dem Fuss des Empfangens im Négligé. Gebetet hatte Lucinde ausser vor und nach der Schule nur beim Eierkochen. Pflaumenweich liebte der Vater die Eier und dafür genügten zwei Vaterunser.

Der Wildling stand nach vier Wochen unter den Confirmandinnen.

An Wuchs ragte sie hier nicht mehr vor allen hervor; es gab ebenso aufgeschossene Blondinen und Brünetten wie sie, zu denen sich der Herr Superintendent nicht gar zu sehr zu bücken brauchte, wenn er ihnen Sonntags darauf den Kelch reichte; aber Lucinde war schon voll, kräftig in den Schultern, stark in den Hüften, und wenn auch im allgemeinen ihr scharfgeformter Kopf selbst noch nichtssagend war, so reizte sie das kindliche Wesen ihrer Umgebungen doch zu einem Umblick in der Kirche, der ihr ganz vorwitzig und weltlich stand. Manchem musste sie auffallen. Sie stand wie ein Heidenkind, zerstreut und ohne Andacht, obgleich ihre schwarzen Bänder auf Trauer deuteten. Zugegen war niemand, den sie kannte, ausser einer alten Magd aus dem haus, das der Stadtamtmann bewohnte. Diese hatte ihr ein vergoldetes Gesangbuch geliehen und sie auf ihrer kammer geschmückt, sodass sie hernach zur Frau Stadtamtmann hintreten konnte und deren ganzen Beifall erntete. Diese neue "gnädige Frau" schenkte ihr ein schwarzes Halsband von Sammt mit einer Stahlschnalle, die auf dem brünetten Halse funkelte wie eine Broche von Diamanten. Ja, als sie aus der Kirche zurückkam, wurde sie sogar mit Chocolade empfangen. Man war gut und freundlich gegen sie.

Es war eine sonderbare Welt, in die das nun fast funfzehnjährige Mädchen hier stündlich einblicken konnte. Die Gensdarmen gingen ab und zu, und der Stadtamtmann, der zwar ein für allemal im haus und wenigstens bei Tisch mit den Vorkommnissen seines Berufes verschont sein wollte, konnte es nicht dahin bringen, dass er ohne Behelligung bis zum Dessert kam. Lucinde bediente; auch wenn Gäste geladen waren. Sie besass zwar nicht viel Geschick und machte vieles verkehrt, doch wurde das alles nicht mehr mit der früher erlebten Strenge gerügt. Zerstreut musste sie schon dies ewige Rapportiren machen von dieser Dieberei und jener Gewalttat. Ihre Phantasie, die sehr lebhaft war, sah ringsumsie brauchte schon nur an die doppelten Namen der ihr vorerst entschwindenden "Frau Hauptmännin" zu denkendie Welt voll Lug und Trug, und da sich's dabei doch so behaglich essen und trinken liess, so erschreckte sie keine Tatsache, selbst kein Diebstahl, kein Mord mehr; sie schüttelte den Kopf darüber, dass die Dinge des Lebens alle so glatt, so höflich und vergnüglich vorwärts gingen, während tausend hände daran arbeiteten sie zu verwirren, man sah's nur so nicht auf den Promenaden, wenn sie mit den Kindern des Stadtamtmanns ausging und die Leute stillstanden und die Kinder bewunderten, d.h. sie selbst und ihre auffallende Erscheinung.

Eines Tages erlebte sie aber auch auf der Promenade, dass ein junges Mädchen, das halb bäuerisch, halb städtisch, aber schwarz gekleidet war, auf sie zustürzte.

Es war ja ihre nächstälteste Schwester Luise!

Sie trauerte. Um die Geschwister noch?

Um den Vater! Das liebe, freundliche, immer

chelnde Männlein war nicht mehr ... Luise weinte so laut, dass es ihr Lucinde verbot, "weil ja die Leute still stünden" ... Sie selbst war wieder nur erblasst wie damals, als sie plötzlich nicht mehr ihre drei Geschwister hatte. Indem kamen noch zwei andere beflorte Kinder von der andern Seite. Es waren August und Gustav, ihre Brüder. Die hatten das Haus des Stadtamtmanns aufgesucht, dort gehört, ihre Schwester wäre auf der Promenade mit zwei Kindern; nun hatten sie sich verteilt, und eins hatte von hier, das andere von dort gesucht. Der Vater war tot ... Und wie schmerzlich hatte er geendet! ... Er war in einen der vier kleinen Bäche gefallen, mit denen Langen-Nauenheim gesegnet ist ... Spät von dem Vorspann war er heimgekommen ... Kein Stern blinkte ... es war ein grosser Nebel gewesen, und da hatte er eine von den Brücken verfehlt. Erst Morgens hatten sie ihn gefunden, wie er dalag im kühlen grund, aufgehalten von den Wurzeln eines alten Weidenstamms.

Lucinde schüttelte düster den Kopf. Dann rief sie

mechanisch des Stadtamtmanns Kindern, die sie führte, ein scheltendes Wort; darauf fragte sie, ob die Geschwister schon gegessen hätten. Luise versicherte es und kam auf das schmerzliche Ende des Vaters zurück. Lucinde fragte, was aus dem haus, aus dem Garten, aus dem Gerät, den Hühnern, der Ziege, der grossen Wandkarte geworden wäre! Sie erfuhr, dass alles das teils dem staat, teils dem dorf, teils dem Wirt zum Vorspann und einer alten Frau gehörte, bei der sie schon lange oft ihre Betten in Versatz gegeben hatten, wenn sie auf ein paar zusammengerückten Schulbänken hatten schlafen müssen. Luise die wollte nun auch dienen, und die Kinder brächte man vielleicht in einer Fabrik unter. So hatte es der Gemeindevorstand in Langen-Nauenheim gesagt; sie sollten's einmal so versuchen, und "ging' es nicht, so würde wohl anders gesorgt werden". Gustav war acht Jahre. In einer Spinnerei vorm Tore suchte man Kinder schon von acht Jahren an