Gensdarm revidirte von seinem Gaule aus Wanderbücher und Passirscheine. Die Italiener zogen schon ihre Papiere in der Ferne ...
Beim Anblick der Fuhrleute, die wohl hier, um über den Wolfgangsberg zu kommen, Vorspann nahmen, kam ihr eine Erinnerung an die Bäche von LangenNauenheim ...
Sie nahm ihre Handtasche, öffnete und zog ein schwarzes Buch mit Goldschnitt hervor, schlug es auf und schickte sich an zu lesen.
Die Worte des heiligen Bernhard las sie:
"Unsere Gedanken an selig Entschlafene sind Funken, durch welche unsere eigenen Seelen gehoben und entzündet werden" ... Worte, die den Anfang einer Betrachtung über die toten bildeten.
Sie ganz zu lesen war sie zu erregt.
Die Litaneien wurden in dem Ausdruck ihrer Sätze immer deutlicher.
Schon war der Leichenzug aus der Kirche auf dem Gottesacker angekommen, schon war eine zahlreiche Bevölkerung um den aufgeworfenen Grabeshügel versammelt ...
Lucinde befahl mit stockender stimme, dass während der heiligen Handlung sie still hielten ...
Jetzt trennte sie nur noch eine niedrige Mauer von dem Friedhofe ...
Der Wagen hielt unter dem bergenden Schatten eines breitastigen Nussbaums ...
Vor ihr stand im weissen Messgewande, unter Knaben im Chorrock, die brennende Kerzen trugen und das dampfende Weihrauchfass schwangen, Bonaventura von Asselyn.
Seit drei Jahren sah sie, an ihn gedenkend, nicht mehr Serlo.
Längst war er – Er selbst!
3.
Nach den Segnungen, die dem Sarge schon in der wohnung des Verstorbenen zu teil geworden, nach den Weihen vor dem Altar spricht soeben eine sanfte wohllautende stimme noch vor der Einsenkung in die Grube Worte, die zu dem Ceremoniel der Kirche die eigenen Empfindungen des Redners bringen.
Man konnte die Rede, die der am Fussende des Sarges stehende, von dem letzten Abendsonnenglanz beleuchtete Priester sprach – der Entschlafene selbst musste dem Brauche der Kirche gemäss gegen Osten blikken –, deutlich vernehmen.
Sein Aeusseres hatte sich wenig verändert. Es waren dieselben, nur gefestigtern Züge, die Lucinden vor drei Jahren an eine Geistererscheinung, an Serlo's Tod als Traum oder an dessen Auferstehung, glauben liessen.
Es war dieser mildeste aller Priester, den sie selbst hatte weihen sehen mit Joseph Niggl und Beda Hunnius – sie hatte diese Namen so fest behalten wie die Unterscheidungslehren der Confessionen, in denen sie sechs Wochen später geprüft wurde zu ihrem Uebertritt.
Heute standen keine jungen Kleriker, sondern weissgekleidete Kinder, Knaben und Mädchen, um Bonaventura.
Er war es wieder, Er, ein Jahr lang die Liebe und das Entzücken der ganzen Stadt, aus der sie nun erst kam, kommen durfte!
Selten lag auch wohl auf dem Antlitz eines Jünglings so viel Adel, so viel Glanz und Glorienschein schon in jungen Jahren ...
Bonaventura von Asselyn, der einst angesehenen, weitverbreiteten und aus dem Friesischen stammenden Familie dieses Namens angehörend, hatte aus einer durch Familienverhältnisse, vorzugsweise ein unglückliches Ende seines Vaters und die Neuvermählung seiner Mutter, deren einziger Sohn er war (mit dem Oberregierungsrat Friedrich von Wittekind-Neuhof), genährten Schwärmerei den Offizierstand, in den er, bisher Zögling der nahe gelegenen Universität, eben eintreten sollte, mit dem geistlichen Seminar vertauscht und war nach dem südlichen Deutschland gegangen, um in Kreisen strengerer und ungehinderterer Katolicität seine Bildung zu vollenden. In der Stadt, wo ihm der Bischof die Weihe gab, hätte er am Altar und im Beichtstuhl die grössten Erfolge gewinnen können, aber er zog erst die Kaplanei bei seinem edlen Wohltäter, dem Dechanten von St.-Zeno im nahen Kocher am Fall, dem Bruder seines Vaters, dann eine kleine bescheidene idyllisch gelegene Landpfarre vor.
Lucinde fand dieselbe Erscheinung wie sonst, nur männlicher, fester, ernster. Sein Wuchs war schlank wie die Tanne, das Haupt leise übergebeugt, doch edel und freiblickend und auch jetzt in die mit rosigen Wolken sich säumende Ferne wie in das Jenseits schauend. Wie weich und weiss mussten diese hände sein, die in massvoller Bewegung die bedeutendern Gedanken seiner Rede unterstützten! Wie schön stand dem leise geröteten Antlitz der milde Schwärmerblick, der aus dem tiefsten inneren der Seele zu kommen schien! Wie schien er in gläubiger Zuversicht das Ewige leibhaftig vor sich zu sehen!
Ein sinnend Haupt! Ein edel Angesicht!
Ein Auge, das sogleich zum Herzen spricht!
Das Haar wie Rabenfedern! Unbeschnitten
So weit es strenge Priesterregeln litten!
Ein Leiden in der Miene, still entsagend!
Ein Bitteblick wie des Erlösers Flehn,
Da er zum Vater sprach im Garten klagend:
Lass' diesen Kelch an mir vorübergehn!
Die Stirne rund, die Wange ein Oval!
Bald blass, bald von der Seele Glutenstrahl
Mild überhaucht mit frischen Rosenlichtern!
So leuchtend nur bei Denkern und bei Dichtern!
So stand Bonaventura einst vor des Erzählers
und, übermannt vom Stoffe, die Feder niederlegte ...
Bonaventura von Asselyn sprach von dem Verstorbenen wie von einem heimgegangenen Freunde. Er nannte den alten Joseph Mevissen, dem zu Liebe, weil gerade der hier wohnte, er diese Pfarrei besonders gern gewählt, einen Führer seiner Jugend, nannte ihn den Diener seines verstorbenen und, wie alle Welt um ihn her wusste, auf einer Alpenreise so furchtbar unglücklich verkommenen Vaters. Jene Tatsächlichkeit, die in den Reden katolischer Geistlichen oft masslos die Grenzen des Schicklichen überschreitet, die aber auch, richtig angewandt, ebenso das oft nur allzu Allgemeine der protestantischen Predigtweise vermeidet, war hier begründet durch den allgemeinen Anteil und die eigene dankverpflichtete Stellung des Redners zu dem Abgeschiedenen