sie aufregten und beunruhigten, Paula erkannte in Lucinden zuletzt ein Wesen, das sie, wenn sie länger vereint blieben, zum Steine hätte umwandeln, ja tödten müssen ... Sie sagte dies selbst niemals, nur die Beobachtenden fühlten dies, und vor allem entschied Bonaventura von Asselyn, der junge Priester, die Trennung, entschied sie in demselben Augenblicke, wo sie sich durch die Rückkehr Paula's zu den Ihrigen und unter die Vormundschaft des Kronsyndikus von Wittekind, ihres Oheims, von selbst vollzog ... Zwei Jahre brauchte Lucinde, um diese Kämpfe zu verwinden, und es war vielleicht ihre beste Zeit, die Zeit wenigstens, wo man ihr Wesen ertragen konnte; sie war die eifrigste Kirchengängerin, wurde von den Geistlichen in Schutz genommen und hatte sogar Gönnerinnen, was ihr von Frauen bisher im Leben noch nicht geschehen war. Da schlug eines Tages der Name einer Frau von Gülpen an ihr Ohr. fräulein! rief sie berichtigend in ihrer Erstarrung auf. Aber: F r a u von Gülpen! hiess es. Sie war die langjährige Freundin eines Dechanten von Asselyn zu Kocher am Fall, einem Städtchen ältesten Ursprungs und zwanzig Meilen weit von dem Ort ihres gegenwärtigen Wirkens ... Asselyn! war der zweite elektrische Schlag. Der Onkel jenes erstandenen Serlo? ... Frau von Gülpen suchte für Kocher am Fall eine Gesellschafterin ... Die Gesellschafterin der Gesellschafterin eines Geistlichen ... Er hiess Asselyn! Sie Gülpen! ... So entschied sie sich und alle ihre Pulse schlugen und tausend wilde Stimmen riefen in ihr: Ja, rauschet noch einmal auf, ihr Pforten der Vergangenheit! Jetzt will ich unter euch hintreten wie eine Königin! Will Trotz bieten jedem Auge, das verwundert mich anstarrt! Dies Kreuz hier auf der Brust entsühnt jede Schuld! Das geweihte wasser an jeder Kirchentür reinigt meinen Ruf von jedem Flecken! Wiedergeboren bin ich und gesetzt durch das Blut des Erlösers und der Martyrer! Wer mich anschuldigt, der sehe, ich breche zuerst den Stab über mich! Nichts berührt mich vom Vergangenen auch nur bis zum Saum meines Kleides! Wo ist eine Anklage wider mich? Ich will sie hören! Dann aber habe ich Anklagen wider euch! Entlarven kann ich Mörder, aufstöbern aus Schlupfwinkeln Heuchler ... Eine Siegerin komm' ich, nachdem ich so tiefe Niederlagen erlitten ... Und die letzte Niederlage, an die sie dabei dachte, war nicht etwa jener Tag, wo sie die Jungfrau von Orleans gespielt.
So gestimmt trat sie noch heute vom Dampfboot.
Klopfte ihr aber schon das Herz, als sie hörte, St.-Wolfgang läge zwei Meilen ins Land hinein, erschreckte sie der blosse Anruf eines Kindes, das sie wiederzuerkennen schien, wogte und stürmte es in ihr bei der Begegnung mit Benno, beugte sie alles, was ihr fremd, neu war und doch mit dem, was sie wiedersehen wollte, im Zusammenhange stand, so kam sie sich jetzt schon wieder als eine Magd, nicht als Königin vor, jetzt, wo sie sich dem Orte näherte, von dem man ihr aus Kocher am Fall geschrieben hatte:
Sie werden, meine Liebe, nur nötig haben, vom
Dampfboot aus einen Einspänner bis S.t-Wolfgang
zu nehmen. Dort ist schon unser Neveu, Herr Pfar
rer von Asselyn, unterrichtet und hält einen Wagen
in Bereitschaft, Sie in unsern Kreis zu führen! Ge
wisse Bedingungen gleich anfangs mündlich! In
der Hauptfrage sind wir einverstanden.
Petronella von Gülpen.
Die Gülpen, die sie kannte, hatte Brigitte geheissen ...
Jetzt blickte sie auf. Die Gegend hatte sich verändert. Vor ihr lag, von den Abendsonnenstrahlen nur noch in seinen obern Rändern erhellt, ein schönes tiefes Tal, das wie eine Muschel mit grünen Streifen in die rings sich verlierenden Berge auslief. Aus dem tiefsten grünen Kern des freundlichen Anblicks ragte die Spitze eines Kirchturms, von dem ein Läuten ertönte. Je mehr, vom Hemmschuh aufgehalten, der Wagen niederwärts rollte, desto reicher wurde wieder die Vegetation, desto voller und edler der Baumschlag, desto weiter die Fläche, von der schon längst das in gleichmässigem Anbau gewonnene Getreide geerntet war. Die Landschaft trug nicht den fast italienischen Charakter derjenigen, die sich um den grossen poetischen Strom ausgebreitet; aber auch der betrübende Anblick eines rings von Bergen umschlossenen Gebirgsdorfes, den man fast auf der Herfahrt hätte erwarten dürfen, bestätigte sich nicht. Gärten kamen die Rebe schmiegte sich nicht nur an einem Spalier den Häusern an, sondern wuchs an sonnigen Abdachungen selbst noch in mancher gefälligen Einzelpflanzung.
Das Läuten bedeutete ohne Zweifel, dass jenes schon im Weissen Ross besprochene Begräbniss in vollem Gange war. Auch Stimmen singender Kinder drangen aus dem Tal empor, zuweilen unterbrochen von einem Klingeln, das den Moment der wohl gerade vor dem Altar bei geöffneten Kirchtüren stattfindenden Einsegnung der Leiche bezeichnete.
Indem riefen ihr die nachrollenden Italiener hinterwärts ein Lebewohl zu. Sie deuteten auf ein Wirtshaus am Wege, wo sie ihren schwerer ziehenden Gaul füttern wollten.
Vergessen Sie nicht – Il Michelangelo! rief Napoleone als guter Kaufmann ihr nach.
Beim Dechanten! antwortete sie, aber schon unvernehmbar.
Catone zog seine kalkige Mütze, Porzia verneigte sich und machte eine Handbewegung. Sie jedoch sah nichts mehr. Ihr schwindelten die Sinne ...
An dem wirtshaus standen Handwerksbursche, Bauern in Kitteln und Blousen, manche mit Militärmützen, die sich wie Benno von Asselyn zu den Uebungen einstellten; ein