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sich gern und bleibt hübsch vernünftig!

Sie sind also auch aus dem Land des Plattdeutschen?

kennen Sie das?

Lucinde schwieg. Sie merkte, dass man sie an der Maximinuskapelle entweder für eine andere gehalten haben musste oder wenigstens an Benno von Asselyn nicht mitgeteilt hatte, was allenfalls Angelika Müller von ihr wusste. Hatte doch Paula von Dorste-Camphausen ein Jahr lang, wo sie auf dem Streckbett lag, nie in ihr die ehemalige Bewohnerin von Schloss Neuhof erkannt. Wie hätte dies Armgart tun können, die um fünf bis sechs Jahre jünger war?

Wenn Sie, sagte Benno, Armgart's Heimat kennen, so werden Sie überall, wo der Himmel graublau, die Luft von einem ewigen brandigen Nebel erfüllt ist, einem Nebel ...

Ha! Was ist das? unterbrach er sich plötzlich und rief:

Hedemann! Hedemann! Man möchte ja glauben, wir wären hier auf der roten Erde?

Er deutete auf die Landschaft hinaus.

Linker Hand drang den Wanderern aus einer Abdachung des berges ein brandiger Geruch entgegen. Hinter den Bäumen sah man den Himmel weiter von einem grauen Nebel überzogen.

Hedemann! wiederholte Benno, sich seinem wandernden Begleiter zuwendend. Wo kommt hier Haarrauch her?

Der angerufene Hedemann erläuterte, dass die Leute hier das verkrüppelte Knieholz der Eichen abbrechen, abrinden, die Rinde den Gerbern als Lohmaterial verkaufen; die Wurzeln der Stämme, diese selbst, die Abfälle, das Gras und das rings wachsende Kraut würden dann verbrannt und die Asche als Dünger ausgestreut, sodass wenigstens für Gerste und Hafer ein künftiger Anbau auf solchen mit doppeltem Nutzen ausgerodeten Walddistricten sich ermöglichen liess.

Also kein Haarrauch! sagte auf diese Erläuterung hin Benno fast elegisch.

Man sah die Feuerstellen, von denen aus sich der Rauch verbreitete.

Mein fräulein! nahm er darauf seine Rede wieder auf; Sie wissen vielleicht nicht, dass bei uns drüben die Sümpfe nicht austrocknen können, ohne nicht oft in Brand zu geraten. Die Flammen sieht man nicht, aber die Erde dampft und brennt immer fort von diesem unterirdisch glühenden Torf. Ihnen würde es drüben sein, als wenn Sie verurteilt wären, Ihr Leben lang in einer stube mit einem rauchenden Ofen zu leben. Uns aber ist dieser Rauch ein Arom wie Patschouli. Wir ziehen ihn schon mit der Geburt ein und wenn wir in der Ferne stürben, würden wir glauben Paradiesesluft zu atmen, wenn plötzlich neben uns ein Kohlenbecken hingestellt würde und man darauf etwa ein Stück alten Pappendeckels langsam und feierlich anzündete. Wenn unsere Landsmannschaft auf der Universität jährlich ihren grossen Commers abhielt, bestand das Bouquet des Abends, nachdem der Landesvater gesungen, darin, dass wir die Fenster aufrissen und den Qualm eines draussen angezündeten Haufens Torf einatmeten. Dann fielen wir uns in die arme und stiessen zwischen Tränen und Schluchzen Ausrufungen und Freudengeschreie aus, als wenn die Römer sich dem Teutoburger wald nahten und wir unsere Aexte und Streitkolben um die langen blonden Locken schwängen, weil es zum Kampfe ging für Freiheit, Vaterland und Buchweizengrütze! Das ist nämlich unser Nationalessen, fräulein! Schon Tusnelde soll es gekocht haben, wenn sie wünschte, dass Arminius guter Laune war.

Lucinde glaubte Klingsohrn zu hören; selbst Jérôme stand vor ihr ... Dennoch war Benno von Asselyn ein völlig anderer. Auch die Erwähnung der blonden Locken passte gar nicht auf ihn, da sein Haar schwarz war und sein ganzes Wesen eher südländisch als nordisch schien.

Sie wollte dies auch aussprechen, aber der Rauch, der von dem verwüsteten feld herüberdrang, erstickte ihr fast die stimme. Auch setzten sich eben die Italiener sämmtlich in ihren Wagen und auch Lucindens Kutscher hielt, weil der Weg nun bergab ging, sein Ross an und öffnete den Schlag. Ihre Einladung an Benno und Hedemann, sich mit einzusetzensoweit es neben ihr und auf dem Bocke Platz gabwurde von diesen artig abgelehnt.

So rollte sie von dannen.

All ihr Denken schien jetzt tief innenwärts gewandt. Sie schlug den Schleier über ihren Hut, weniger um sich gegen den vom raschen Herabrollen des Wagens aufwirbelnden Staub zu schützen, als um ungestörter denken und träumen zu können.

Ja, es war ihr doch, als begann sie jetzt zum zweiten mal zu leben, aufzuwachen im grab, eine Auferstehung von den toten!

drei Jahre einer nicht etwa erfahrungsarmen, aber doch sehr in sich selbst bedingten Zeit lagen hinter ihr. Sie hatte sie an den Streckbetten der Jugend zugebracht. Eine Dulderin war sie nicht; sich beugen, sich gefangen geben hätte sie nur da gekonnt, wo ein stärkerer Arm sie fasste, wenn auch nur ein Serlo, der sie regiert hatte, obgleich er ein Sterbender gewesen ... Eine Zeit lang reichte aus den Wolken ein solcher Arm; sie suchte ihn zu fassen, sich an ihm zu halten; es war das erste leidenschaftlich bewegte Jahr ihres Wirkens im "Correctionshause der natur" gewesen. Diese Hoffnung schlug fehl und die Getäuschte brauchte zwei Jahre, sich zu sammeln und ins Leben zurückzufinden. Man hatte sie unter den Kindern gewähren lassen, nachdem sie über die Krisis, um Paula's von Dorste-Camphausen willen entfernt zu werden, durch den plötzlichen Tod des Vaters derselben, des Grafen Joseph auf Westerhof, glücklich hinweggekommen war. Denn Paula, die die Menschen in zwei Klassen schied, in solche, die ihre Nerven gleichsam mit der Hand von oben nach unten strichen und sanft auf sie wirkten, und solche, die sie von unten nach oben strichen und