nicht. Die Ironie, die in der Betonung seiner Worte liegt, ist das Zeichen eines geistigen Überschusses. Er spricht aus der Fülle, nicht aus der Armut. Sein dunkelblaues Auge spricht statt seiner, auch wenn er schweigt. Es spiegelt die ruhige herrschaft über einen schon angesammelten Erfahrungsschatz. Fein, vornehm und doch natürlich ist sein Benehmen. Die Art, wie er jetzt seine Cigarrentasche zieht und um die erlaubnis zum Rauchen bittet, hat einen so weltmännischen Schliff, dass sein Begleiter unversehens zu seinem Bedienten wird, obgleich er ihn wie einen intimsten Freund behandelt.
Da auch Benno von Asselyn bei der Erörterung über die Gegend, wo Castellungo läge, sich italienisch auszudrücken anfing, so wurde Biancchi sicherer und gestand allmählich, dass es ganz so im Ernst wäre, wie der Herr es im Scherze vermutet hätte. Er selbst wäre ein Römer, seines Zeichens ein Bildhauer und der älteste von drei Brüdern, die allerdings alle mit ihm in die Gefahren geraten gewesen wären, die plötzlich den Carbonaris gedroht hätten. Er hatte sich anfangs nach Piemont geflüchtet, in die Täler, die sich vom Col de Tende nordwärts bis nach Turin und Aosta an den Fuss der Alpen ziehen.
Die Waldensertäler! warf zu Lucindens Erstaunen der Begleiter Benno's von Asselyn mit halber stimme hinein.
Si! Si! sagte Biancchi mit schnellem Ton und erstaunend, dies Wort hier und aus solchem mund zu vernehmen. In Castellungo bei Coni! Ganz recht, in einem dorf, wo nur Ketzer wohnen? Bis 1821 ging's soso ... (er hielt die Hand vor die Augen und blinzelte durch die Finger, wie wenn er das Zeichen der Toleranz machte), aber Madre de Dio! Da Donner und Blitz in unsere "Baracca"! Die "Vendita" geschlossen – Napoleone Biancchi reissaus! ...
Ihr heisst Napoleone? fragte Benno von Asselyn und trat in Rücksicht auf seine der Heiligen Allianz angehörende Uniform zurück, als wollt' er ihm den Kampf anbieten.
Und mit derselben schlagenden Geberde, gleichsam die Kriegserklärung aufnehmend, wiederholte der alte Biancchi mit Nachdruck:
Napoleone Biancchi!
Als der Friede zwischen dem Kaiserreich und den hohen Verbündeten durch das lachen der Frauen wiederhergestellt war, erzählte der Alte, dass er seine Frau und Kinder hätte in Italien zurücklassen müssen. Er wäre erst nach der Schweiz geflüchtet, hätte sich dort zu ernähren gesucht, so gut es gegangen; seiner Frau hätte er nach Castellungo geschickt, was er erübrigte; dann, nach der Julirevolution, hätte er nach Italien zurückzukehren gewagt; er hätte sich zwar nicht aufs neue compromittirt, hätte aber doch, "da es auch in Italien nur Ein Rom gäbe", vorgezogen, wieder sein Wanderleben anzutreten. Nach Rom hätte er nicht gedurft: so wäre er nach Deutschland gekommen, wohne bei Frankfurt am Main und verdiene sich so viel, dass er sich ein solches Pferd halten könne wie das, das da eben seine Vorräte bergan ins rechtgläubige Land zöge.
Euere Frau kam Euch nicht nach? fragte Lucinde.
Signora, nein! antwortete Biancchi. Sie ist in Castellungo, hat einen Garten mit Oliven- und Maulbeerbäumen und einen Weinberg. Das Haus ist nicht gross genug für alle ihre Seidenwürmer. Sie verdient und spart für die Kinder. Frankfurt am Main hat ein schönes Klima, aber keine Seidenwürmer. Giuseppina schickt mir alle zwei Jahre einen Sohn herüber, erst den Camillo, der in Frankfurt das Geschäft führt, dann den Hortensio, der da die Peitsche in der Hand hält, jetzt den Catone, der hier mit mir geht und sich die Schuhe so schief tritt – Ecco, padrone, fa attentione! – und jetzt vor einigen Tagen erst die Porzia, die noch wenig Deutsch kann, ob sie's gleich von einem Einsiedler in Castellungo hätte lernen können. Wie heisst der Heilige unter den alten Eichen von Castellungo? wandte er sich an seine Tochter.
Signore Federigo! antwortete diese. Sie hatte die den Italienern eigene tiefe, fast rauhe stimme.
Benno von Asselyn bemerkte lächelnd und halblaut, aber für Lucinden hinlänglich vernehmbar:
Ja, Freund Biancchi, zähltet Ihr denn auch die Kinder richtig, dass Euch die Giuseppina nicht einmal mehr aus Italien herausschickt, als Ihr bei ihr zurückgelassen habt?
Biancchi versicherte, dass er ein vortreffliches Weib hätte, aber ihrer Seidenwürmer wegen müssten sie getrennt leben.
Nein, nein, Napoleone! fuhr Benno von Asselyn in seinem Scherze fort. Ich bewundere Euere Ruhe! Könnt Ihr zufriedene Nächte haben? Dieser Federigo! Wer ist das? Ein Deutscher, der unter den heiligen Eichen von Castellungo wohnt?
Sein Auge suchte dabei Porzia. Diese verständigte sich in dem wenigen Deutsch, das sie von jenem Einsiedler gelernt hatte, gerade mit dem mann, der ein Diener schien und doch etwas von den piemontesischen Waldensern gewusst hatte.
Der seine Stiefel schief laufende Catone schien dem Alten für etwaige väterliche Besorgnisse nicht ausreichender Wächter genug. Er suchte seiner Tochter näher zu kommen. So hörten diese kleinen scherzhaften Reibungen auf.
Benno von Asselyn wandte sich jetzt verbindlicher zu Lucinden. Er begann von der Maximinuskapelle und bald war Armgart von Hülleshoven erwähnt.
Ein liebliches Kind! Wie alt mag sie sein?
Ich denke, vierzehn ... fünfzehn Jahre ...
Von einem Mädchen, das man liebt, weiss man die Minute, wann sie geboren ist!
Das man liebt? In meiner Heimat drüben gibt es gar keine Liebe, fräulein! Man hat