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Wanderer die in die Felsen rundum gehauene Landstrasse jetzt ganz vermeiden wollten, konnten sie bei der Unabsehbarkeit des immer bergan gehenden Weges quer über eine grosse, hier von kleinen Wasserrinnen, dort von Felsblöcken bedeckte Wiese Lucinden ganz den Weg abschneiden und ihr zuvorkommen.

Sie schlugen auch diesen Weg ein, scheinbar unbekümmert um die bald überholte Wandererin auf der staubigen Landstrasse. Lucinde pflückte vor Aufregung am Wege Kreuzkräuter und Rispengräser zu ihrem gewohnten Zerzupfen, das ihre natur immer als Ableiter zu bedürfen schien, um die in ihr arbeitende Unruhe zu dämpfen. Sie zog die Gräser und ihre Samenkolben durch die Finger, biss sogar ihre Spitzen ab, warf sie weg und pflückte dann wieder neue. Der Sonnenschirm, der ihr zur Stütze diente, schleuderte manchen Stein aus dem Wege; manchen andern, wenn er ein hübsches Geäder zeigte, hob sie auf, betrachtete ihn eine Weile und liess ihn gedankenlos wieder fallen.

Mit dem Knecht war sie schon lange in einem Gespräch. Menschen neben sich zu haben, ohne zu wissen, was sie sind, treiben, wollen, denken, war nie ihre Art gewesen. Allem Stummen musste sie irgendwie eine Sprache abgewinnen. Und der Knecht nahm an ihr ein gleiches Interesse. Auch ihm schien diese junge energische Dame eine Merkwürdigkeit. Wie Lucinde zerstörte aus Kraftgefühl und ungeduldiger Spannung auf ihr nächstes Schicksal, jetzt auf die schon hoch über ihr hinwegschreitenden Wanderer, so auch dieser. Blatt um Blatt zerzupfte er einen Zweig, den er in der Hand hatte, machte erst eine Rute daraus und warf sie zuletzt weg, auch sich, wie es schien, aus grübelnden Gedanken aufraffend und wieder dann zur Peitsche greifend ...

Die Umgebungen wurden waldig. Die Höhen endeten nicht; sie umkränzten mit dunklern und hellern grünen Schattirungen den des Stromes jetzt plötzlich beraubten blick. Die Tannen waren vorherrschend und einzelne Ausläufer der Waldungen gingen quer über den Weg und durchschnitten ihn.

Das ist der St.-Wolfgangberg! sagte der Kutscher, klatschte mit der Peitsche und grüsste ein Marienbild, das am Wege stand. Dann lud er das fräulein zum Sitzen ein. Sie würde ermüden und es ginge so wie eben noch viel zu lange fort.

Lucinde entdeckte aber gerade jetzt in ziemlicher Nähe die Wanderer, deren Mittelpunkt das junge, schlank aufgeschossene Mädchen geworden war. Schon wusste sie vom Kutscher, dass der Italiener mit zwei Söhnen und einer Tochter reiste; der zweite Sohn führte den Wagen, in dessen Kisten und Kasten die "Figuren" verpackt waren. Ihre kürzern Wege hatten sich an den Waldecken verfangen; sie mussten Schwenkungen machen, die sie aufhielten, und bald zwang sie die Landstrasse, mit ihr auf gleicher Linie zu bleiben. Endlich stiessen sie mit Lucinden zusammen und grüssten.

Sie haben gar keinen Vorteil von Ihrem Wagen, Signora! sagte der Italiener in gebrochenem Deutsch und hielt eine Zeit lang, die Wanderlustige grüssend, die Mütze in die Höhe.

Aber da seht, mein Gepäck hat Vorteil! erwiderte Lucinde zurückzeigend. Ist das Ihre Tochter?

Meine Tochter, Porzia Biancchi!

Porzia Biancchi? Ein stolzer Name! Freilich, sie wird in Rom geboren sein!

Nein, Signora! und sich an die Tochter wendend, fragte er italienisch:

War das schon in Castellungo?

Castellungo! erwiderte das junge Mädchen und errötete unter dem braunen Incarnat ihres nicht schönen, aber gefälligen Antlitzes.

Wie? nahm, Lucinden grüssend, der junge Soldat, Benno von Asselyn, das Wort. Ihr wisst nicht einmal, Meister Biancchi, wo Eure Tochter geboren wurde?

Nein, Signore! sagte der Italiener in gebrochenem Deutsch. Als sie zur Welt kam, waren die zeiten schlecht für mich! Ich lebte nicht in Italien!

Aha! Ihr wart auf der Flucht! sagte der Fragende, der etwas Festes, Sicheres und bei aller Lebendigkeit des Auges wieder Gelassenes hatte. Ich merke schon, dass Signor Biancchi ein alter Carbonaro ist! Trotzdem, dass er auf deutsch Weiss heisst und so weisse Pierrotkleider trägt, dass mein Königsrock ganz an ihnen abfärbt, gehörte er doch ohne Zweifel zu der schwärzesten Carbonarosorte, zu der Loge der sogenannten Kesselschmiede! Nicht wahr?

Der zwischen Freund und Diener noch gänzlich unbestimmt schwankende Träger des mit dem Säbel, wie ein Portefeuille mit dem Bleistift, zusammengehaltenen Mantels putzte die Gipsflecken ab, die der Sprecher allerdings schon auf seiner Uniform trug.

Biancchi aber sah diesen über seinen ihm imputirten Carbonarismus gross an, schien davon betroffen und half sich mit dem dem Italiener eigenen klugen und pfiffigen Ausdruck der Mienen und einem Gestus, der nicht mehr und nicht weniger sagen wollte als: Das ist einer! Der hat eine scharfe Nase!

In der Tat verdiente Benno von Asselyn eine Würdigung, die, sozusagen, über seine Uniform hinausging. Es ist ein Nachteil des Soldaten, dass auf ihn zu sehr das Horazische Nos numerus sumus ("Wir zählen nur") angewandt wird. Das Auge haftet an dem bunten Rock; der Mensch, das Individuum, das in ihm steckt, der Charakter, wird übersehen. Die Entwicklung des letzteren, das ist wahr, ist beim Krieger gehemmt, aber darum fehlt sie nicht. Dieser Freiwillige und Gemeine sass vielleicht erst heute unter der Schere des Friseurs, der ihm die Haare so kurz aus dem Nakken schnitt; sein Barbier rasirte ihm einen Kinnbart fort, den er ebenso wenig nach Kocher am Fall zum "Stabe" mitbringen durfte wie seine weisse Weste; aber einer im Dutzend ist dieser junge Mann