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, schien, in ihr Ohr, als sie nicht wenig überrascht wurde von dem plötzlich innehaltenden Fluss der kleinen Sprecherin, die, die schönen dunkelbraunen Augen aufgerissen, auf sie zutrat und sie mit einem nur durch Verlegenheit abgebrochenen lauten und erschreckten: Ach! fast anredete.

Der Mut weiter zu sprechen fehlte zwar, die Verlegenheit etwas Ungehöriges getan zu haben überwog, aber die Kleine wandte sich im Weitergehen dem Soldaten so vertraulich und schnell zu, dass Lucinde wohl sah, wie sie entweder mit jemand anderm eine auffallende Aehnlichkeit hatte oder auch dieser Kleinen wirklich bekannt sein musste.

Indem kamen die übrigen Pensionsmitglieder zurück. Lucinde mochte zunächst dem an sich für sie selbst interesselosen fräulein Müller nicht begegnen. Sie zog vor, sich zu entfernen. Das junge Mädchen aber, das sich denn also doch, wie man nun sah, in keiner verbotenen Zwiesprache befunden hatte, sprang in die Reihen ihrer Gefährtinnen zurück und steckte so den Kopf mit den Köpfen der andern zusammen, dass sie nun sämmtlich neugierig auf Lucinden hinblickten; alle taten, als müssten sie in ihr eine ihnen längst bekannte Erscheinung wiederfinden.

Das war Lucinden jetzt zu viel. Während die Führerinnen mit dem eleganten Soldaten sprachen, der mit Zuvorkommenheit und Lebhaftigkeit Auskunft über die Kapelle und die Gegend gab, suchte sie, von fräulein Müller unbemerkt, den Ausgang.

Dem draussen harrenden Wächter sagte sie:

Geschwister waren das doch wohl nicht?

Nein! war die einfache, kurze Antwort.

Der Kleinen scheint an mir etwas aufzufallen. Wer ist sie?

Ein fräulein von Hülleshoven ...

Hülleshoven? Armgart von Hülleshoven?

Armgart von Hülleshoven! bestätigte der Gefragte.

Dann ist der junge Mann Benno von Asselyn?

Zu Befehl!

Ich denke, Herr von Asselyn ist advokat?

Allerdings.

Wie kommt er zur Uniform?

Herbstübung ...

Damit brach der Mann ab. Man hatte ihn entweder gerufen oder er glaubte vielleicht nur, dass man dies getan. Von dem jungen Paar schien er kein Auge zu verlieren.

Lucinde war wie in einer Betäubung. Ihr Entschluss war allerdings: Du wagst dich noch einmal in dein altes Leben zurück, siehst heller, was dir früher dunkel erschien, erschrickst vor keiner Begegnung mehr und wär' es vor der der alten Hauptmännin von Buschbeck, ja vor der Oskar Binder's nichtin ihrem neuen religiösen Bekenntniss lag die ausserordentlichste Kraft dieses Sichsicherfühlensund dennoch wälzte sich ihr schon centnerschwer aufs Herz, sich zu sagen: Armgart von Hülleshoven gehörte dem Kreisen von Schloss Neuhof an! Sie war eine der innigsten Beziehungen der Comtesse Paula! Sie kann noch den Kindeseindruck bewahrt haben von jener Pagode im Schlossteich, in die ich damals zu dem Federvieh aufgestiegen bin! ... Benno von Asselyn war ein Cousin des Pfarrers zu St.-Wolfgang, jenes Bonaventura, bei dessen verhängnissvoller Priesterweihe sie vor einigen Jahren mit einer Entscheidung für ihr ganzes Leben zugegen gewesen war.

Am fuss des Hügels fand sie ihr Wägelchen. Es war leichtester Art, nur für zwei Personen, die sich im Fall eines Regens vorn durch ein aufgeschlagenes Halbverdeck schützen konnten. Indess behielt das Wetter seine gleiche Anmut. Nur die Sonne senkte sich allmählich. Schon mochte es inzwischen über fünf Uhr geworden sein.

Ein Knecht aus dem Weissen Ross führte das leichte Gespann. Erst ging es um den Ort herum und die Anfänge der landeinwärts gehenden Strasse rasch hinaus. Den vollen Genuss der üppigen, wie ein Garten ausgebreiteten Gegend konnte nur der Staub hindern. Die Bäume am Wege trugen schwer an ihrer Aepfellast. In den Gärten prangten jene Blumen, die im Spätsommer durch Glut der Farbe ersetzen, was ihnen schon an Duft fehlt. Bienenstöcke standen unter Bedachungen mit jener geheimnissvollen Bienenkorbstille, die nicht ahnen lässt, was alles, und vollends nach Klingsohr's Teorie, in ihnen vorgeht. Wonnig war der Rückblick auf das verlassene Oertchen, den im Luftäter blauglänzenden Strom, der sich in immer anmutigern Windungen dem Auge darbot, je mehr sich die Strasse emporzog.

Jetzt wurde die Strasse steiler. Die Berge, die zwischen dem Strom und St.-Wolfgang lagen, waren höher, als sie das Ansehen gehabt hatten. Der Knecht stieg aus und zuletzt auch Lucinde, so sehr der Knecht versicherte, dass es nicht nötig wäre. Doch war im Gehen und Stillstehen der Rückblick auf den immer noch sichtbaren Strom besser zu geniessen.

Inzwischen bemerkte Lucinde, dass zwei der Bekanntschaften, die sie an der Maximinuskapelle gemacht hatte, ihr folgten. Auf kürzerm, die Landstrasse durchschneidenden Fusswege waren ihr Benno von Asselyn und sein Begleiter schon ziemlich nahe gekommen.

Sie unterhielten sich mit einer Reisegesellschaft, in der Lucinde den Gipsfigurenhändler, seinen Sohn und ein junges, schlank aufgeschossenes Mädchen erkannte, das Armgart von Hülleshoven nicht sein konnte. Ihre Vorräte hatten die Verkäufer nicht mehr bei sich und fast schien es, als wenn ein langsam vor ihrem eigenen Wagen hinziehender Einspänner den Italienern gehörte. Dieser Wagen war so weiss gepudert wie die kurze graue Jacke und die Manchesterhose, die der Alte und sein Knabe trugen. Das junge Mädchen aber war geschützt von einem grossen breitrandigen Strohhute und schien die Frau oder die Tochter des Italieners zu sein, der seine lebhafte Rede mit Gesticulationen unterstützte.

über das kahle Gestein hinweg, das mit dünnem Heidekraut und spärlichem, von weidenden Ziegen ausgerupften Grase bedeckt war, gab es für die fünf Fusswanderer leicht zu erklimmende Nebenwege, auf denen in kurzer Zeit wenigstens Lucindens Gefährt erreicht sein konnte; ja, wenn die