das wir als Bierzeichen adoptirt haben, sich in die alten Wälder verlor, in denen einst dem Wodan Menschenopfer gebracht wurden ... Die Lehrerin schien auch auf Veranlassung der obenerwähnten goldenen Teller eben mit dem Erläutern der Symbolik des Kreises beschäftigt und sah Lucinden nicht.
Diese fühlte sich vielleicht noch nicht stark genug, das volle Antlitz ihrer Vergangenheit wieder zu ertragen .. sie verliess die Kapelle und flüchtete sich fast in die warme und erquickende Luft zurück.
Ihr Wagen war noch nicht zu erblicken. So wandte sie sich der Altane der Kirche zu und nahm Platz auf einer der steinernen Bänke, die die schönste Aussicht boten. Sinnend über den Mut, den sie haben wollte, dicht so wieder an alles anzustreifen, was schon einmal für sie verhängnissvoll geworden war, sah sie kaum, wie nah unter ihr der belebte Strom mit seinen malerischen Ortschaften sich schlängelte, wie in der Ferne die Berge in ansehnliche Höhen stiegen und links und rechts zwei schroff emporgetürmte Felsen mit den Trümmerresten zweier alten Burgen wunderherrlich aufragten.
Nach einer Weile und während die Schülerinnen des Pensionats in der Kirche wieder einen neuen Gesang angestimmt hatten, bemerkte sie, dass sie auf der Altane nicht allein war.
dicht an der von Epheu beschatteten Mauer der Kapelle standen in eifrigem Gespräch ein Soldat und ein ohne Zweifel zu dem lindenwerter Pensionat gehöriges junges Mädchen. In einiger Entfernung hielt sich ein Aelterer, nicht gerade ein Diener, auch kein Erzieher, aber jemand, der gleichsam zu wachen schien, dass das Zwiegespräch der beiden andern weder gestört noch vielleicht zu vertraulich wurde.
Das junge Mädchen trug die Kleidung des Pensionats, einen dunkelblauen leichten Sommerstoff, einen runden italienischen Strohhut und eine tasche zur Aufbewahrung wahrscheinlich der Dinge, die das Englische fräulein unterwegs nicht zum Unterhalt kaufen mochte; überm Arm hing noch ein leichter Sommershawl. Sie war eine von den ältern der kleinen Karavane, deren Mitglieder, sah man sie einzeln, gereifter erschienen als in der Gesammteit. Das Gute haben ja richtig geleitete weibliche Pensionate, dass die jungen Mädchen durch ihr Beisammensein sich länger kindlich erhalten und jene gefährliche Krisis der ersten erwachenden Temperamentsvorgänge glücklicher überwinden als in der die Frühreife zeitigenden, wenn auch traulichern Wärme des älterlichen Hauses.
Auch das junge Mädchen, das vielleicht sechzehn Jahre schon zählte, machte Lucinden einen Eindruck, als müsste sie es schon gesehen haben. Es war eine Erscheinung von eigentümlichem Reiz; nicht zu gross, aber wohlgebaut und von einer Lebhaftigkeit im Auseinandersetzen, einer Innigkeit im Genuss dieser vertraulichen Zwiesprache mit dem jungen Krieger, die Lucinden sogleich so bitter lächeln machte, als hätte sie sagen mögen: Du kleiner Fratz, dergleichen erlebten wir einst ja auch! ... Sie mochte jedoch die Glücklichen, die sich vielleicht vor dem Englischen fräulein und Angelika Müller sicher glaubten, nicht stören ... auch kamen ihr die Züge des Mädchens bekannt vor. Auf dem Streckbett konnte sie sie nicht gesehen haben und doch fiel ihr sogleich Paula von DorsteCamphausen ein.
Der Soldat war kein Offizier, sondern ein gewöhnlicher Gemeiner; aber Lucinde wusste schon, dass es hier zu land sogenannte Freiwillige gab, die nur eine kurze Zeit der allgemeinen Militärpflicht genügten. Ihnen schien der junge Mann mit seinem schwarzen Bärtchen auf der Oberlippe und dem kurzgeschnittenen, aber vollen Haarwuchs anzugehören. Er war gross, hatte etwas Festes und Bestimmtes und erinnerte Lucinden an den seiter verschollenen Klingsohr, nur hatte er nicht das Wüste und Unschöne desselben. Etwas Studentisches schien ihr noch das grüngelbweisse Band, das er trotz der Montur, die offen stand, über seiner weissen Piquéweste hinweg trug; doch konnte er wohl kaum noch der Universität angehören, falls überhaupt die Voraussetzung der sogenannten Freiwilligkeit die richtige war.
Der Wächter in der Ferne schien jedenfalls ein Stück vom echten Soldaten, aber auch zugleich ein Stück vom Jäger, ein Stück vom Landwirt, vom Bauer, selbst vom Bedienten, von allem etwas. Mit einem zusammengerollten Militärmantel, an dem ein Säbel befestigt war, ohne Zweifel Requisiten des jungen Kriegers, stand er an dem Eingange zum kleinen Garten, rechts und links lugend auf die Landstrasse und nur im geheimen auf das plaudernde Paar. Im Regen und Sturm scheint er noch besser an seinem platz zu sein; sein gerötetes Antlitz hat das Vierekkige der Kopfform eines mit Ohrringen geschmückten Steuermannes auf hoher See. Wer weiss, ob diese Unruhe, die sich bald auf das eine, bald auf das andere Bein stellen muss, nicht von der Gewöhnung an die Schwankungen eines schiffes kommt! Der blick, den der Wächter, so eigentümlich prüfend und den Mund in Falten ziehend, über den Strom auf einem neuen Dampfer wirft, der gerade anhält, um mehr Besucher der Maximinuskapelle auszusetzen, als heute die "Prinzessin Marianne" gebracht hatte, ist gerade wie der eines Mannes, der die vollkommene Berechtigung gehabt hätte, ebenso gut wie der geschniegelte Kapitän drüben, der Salzwasser vielleicht nie gekostet hat, "Stop" zu rufen.
Lucinde suchte auch diese Gestalt irgendwo in ihrem Jugendwahntraume, wie sie ihr vergangenes Leben nannte, unterzubringen. Wie musste sie erstaunen, als sie bemerkte, dass sie selbst es werden sollte, durch die plötzlich das stille harmonische Concert dieser drei Menschen unterbrochen wurde! Sie erblickte eben in der Ferne ihren Einspänner, erhob sich von der Bank, auf der sie ausgeruht hatte, und streifte an dem durch die kleinen Gartenanlagen daherkommenden Paare vorüber. Noch fielen einige der Worte des Gesprächs, das sich von seiten des Mädchens in einer kindlich harmlosen Welt zu bewegen