, erinnerte an ihren Einspänner und wollte gehen.
Das Erbieten des, wie sie sah, nicht ungebildeten Wirtes, sie zu führen, lehnte sie mit der ihr wiederkehrenden Bestimmteit ab. Der freundliche, von seinem gast, wie selten von einem solchen flüchtigen Ankömmling unterhaltene Mann hätte sie gern hätte gern, wie er selbst sagte, noch vom Sarg des alten Mevissen mit ihr gesprochen; aber sie hatte gezahlt, übergab zur Verladung vorn auf das Gefährt ihren Koffer, sah sich noch um, ob sie nichts vergessen hatte, und verliess, ohne weitere gemütliche Anknüpfung mit der neuen Bekanntschaft, den Garten. Sie begab sich zwischen einer Reihe kleiner Sträucher und dem mit ruhigem Sonnenglanz überwobenen, von berg- und talwärts gehenden Schiffen belebten Strom auf den am Ende des Ortes liegenden Hügel zur Kapelle des heiligen Maximinus. Fast war's, als hätte der fromme Gesang sie gemahnt, ihrem bizarren und skeptischen Humor endlich Einhalt zu tun.
Vor einem am Aufgang zur Kapelle am Kreuz hängenden Erlöser wollte sie sich auch in Andacht verneigen, sah aber auf der unter ihm befindlichen Bank den Gipsfigurenhändler und seinen Sohn sich ausruhen.
Jener rief ihr freundlich winkend und die Stirn trocknend zu:
Fa caldo!
kommt Ihr nicht ins Land hinein? fragte sie und zeigte über die Berge.
Si, Signora!
Nach Kocher am Fall?
Si! Si!
Kennt Ihr dort die Dechanei? An der Katedrale St.-Zeno?
Der Italiener schien aufs angenehmste an einen seiner besten Kunden erinnert, den Dechanten von Asselyn.
Un compratore dei Santi? fragte sie scherzend.
Der Italiener schüttelte den Kopf und machte eine schlaue Miene, als wenn der Dechant einen völlig andern Geschmack hätte.
Lucinde horchte der Charakteristik des Dechanten von Kocher am Fall, sagte aber jetzt fast wie eine Fromme:
kommt zu Lucinde Schwarz in Kocher am Fall! Ich wohne in der Dechanei des heiligen Zeno! Ich will Euch den Moses da des Michel Angelo abkaufen!
Der Italiener nickte befriedigt.
Lucinde stieg zur Kapelle empor.
2.
Wie sie den wiederbeginnenden Klängen des Marianischen Lobgesangs folgend an noch einigen Leidensstationen vorüberging, musste sie den schönen und malerisch gelegenen neuen Bau bewundern.
Alles, was nur die gotische Architektur zugleich an bedeutungsvollen wie lieblichen Elementen besitzt, war hier in einer reizenden Gesammtwirkung vereinigt. Wie hingehaucht stand das halb rötliche, halb hellgrüne Sandsteingebilde und verlor sich mit vier schlanken Türmen, als wäre es befiedert, in die blaue Luft. Spitzbogenfenster, Spitzgiebel, Spitzdächer, alles war verziert mit steinernen Blumen und Blättern. Grosse durchbrochene Steinrosen schmückten die Türen und Seitenwände. Ein terrassenförmiger kleiner Garten umgab die obere Spitze des Kreuzes, in dessen Form auch der ganze Bau sich erhob. Dieser Garten lud den müden Wanderer ein in den Schatten breitästiger Linden. Bienen summten, Käfer schwirrten. Einem Schmetterlinge nur brauchte Lucinde nachzugehen, der sie mit seinem Flatterfluge an die Pforte des festgegründeten schönen Gottestempels, des Asyls des Unsterblichkeitsglaubens, fast ausdrükklich zu geleiten schien.
Die kleinen Sängerinnen waren verstummt. Sie befanden sich in der Kirche, die auch Lucinde betrat. Der Raum war drinnen eng. Zusammengedrückt schien das Ganze noch mehr zu werden durch eine fast zu reiche Verschwendung von Gold und Farbe. Lucinde fühlte sogleich, dass alles hier fast zu sinnlich, zu laut, zu unmittelbar auf den Eintretenden eindrängte; sie schlug indess die Augen nieder, besprengte sich mit dem geweihten wasser und kniete, fast geräuschvoll, an den Marmorstufen des Altars nieder.
Nachdem sie, wie andachtversunken, ihr Gebet verrichtet, erhob sie sich und musterte die Malereien. Auch zu einer Krypte stieg sie nieder, die ihr nicht minder beengend, fast furchterregend vorkam. Eine besondere Aufforderung zur Gottesandacht lag nicht in dem Eindruck dieses inneren eines so gefälligen Aeussern. Doch senkte sie die Wimpern und verriet keine Kritik.
Die kleinen Mädchen der Pension von Lindenwert, wohl ihrer zwölf bis sechzehn an der Zahl, liessen den engen Raum des Gotteshauses von ihrer Neugier und Zerstreuteit nicht wenig widerhallen. Eine dem Orden der Englischen fräulein angehörende Nonne und eine weltliche Lehrerin waren ihre Führer. Zuletzt verloren sich alle in eine Seitennische, in der sich noch das Gerüst eines Malers befand, dessen Pensum in der Ausschmückung der Wände hinter dem der andern Künstler zurückgeblieben war. Auch er malte um die Heiligen grosse goldene Teller in jenem Geschmack der sich in seiner Absicht allzu sehr verrät. Will man durch die Vorgänge der heiligen geschichte das Gefühl der Andacht wecken, so müssen sie uns nicht als Wunder, sondern mit dem Zauber der Natürlichkeit und noch heute täglich möglichen Wirklichkeit entgegentreten.
Bei näherm Hinblick auf das Pensionat, das sich neugierig an den arbeitenden Maler wie verlor, schrak Lucinde zusammen. So nahe schon hatte sie sich ihren nächsten Zielen nicht geglaubt! Diese führten sie, wie sie ausdrücklich gewollt hatte, mitten in alles wieder zurück, was sie in ihren ersten Jugendtagen, vor dem Sinken ihres Sternes und dem neuen Aufgang in der ortopädischen Anstalt halb bewusstlos erlebt hatte. Nun erkannte sie schon in der weltlichen Lehrerin jene Angelika Müller, mit der sie einst vor sechs bis sieben Jahre ihre Reise nach Hamburg gemacht hatte. War also der Prophet von Eschede, Dr. Laurenz Püttmeier; noch immer ohne Hegel's Lehrstuhl für seine matematische Philosophie? Beim Anblick dieser damals schon nicht mehr jungen, jetzt vollends verblühten, armen geistigen Tagelöhnerin trat ihr der tote Jérôme vor die Augen, wie er sitzen konnte und Würfel und Dreiecke schnitzelte und über jenes bekannte Pentagramm,