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unwahrscheinlich vor und schon hatte er eine weitere Ausführung der Vermutung begonnen, als er durch einen langgezogenen Ruf dicht in der Nähe unterbrochen wurde.

Man hörte die Worte rufen:

Figuri kauf! Figuri kauf!

Ein italienischer Gipsverkäufer ging mit einem Knaben unten an der Balustrade vorüber und bot hinaufgrüssend seine Waare an, die er und sein Begleiter auf den Köpfen trugen. Diese Leute setzen bekanntlich voraus, dass man in einem Postwagen selbtsechs reisen kann und doch noch Platz findet, sich die Gruppe des Laokoon mitzunehmen. In Venedig rennen die Fischer den Fremden nach und bieten ihnen Frutti di Mare an, Seespinnen, Quallen und Krebse, die man, frisch wie sie vom Lido kommen, in ein Taschentuch binden und in seinem Hotel sich kochen lassen soll.

Miracolo! rief Lucinde den ältern Italiener an, ihres Gesprächs über den Sarg und die wirkung auf den Wirt vom Weissen Ross nicht weiter achtend, Miracolo! Si vede che venite direttamente dalle Santa Casa di Loretto!

Sie deutete auf die nur mit Gegenständen religiöser Verehrung geschmückten beiden Tragbreter der Verkäufer.

Und noch ehe der Italiener erwiderte, fuhr sie fort:

Nessuna Minerva! Ne Amore col arco! Tutti santi del Cielo!

Nach der keine Antwort schuldig bleibenden Weise seines volkes erwiderte der Figurenhändler bejahend und lächelnd:

Si! Si, Signora! Siamo in un mondo pieno di peccati!

Sein Kleiner rief dazwischen:

Figuri kauf!

Lucinde erhob sich und betrachtete die Heiligen und Muttergottesbilder, die teils von geringem künstlerischen Wert und bunt bemalt waren, teils aber auch schönere Leistungen darboten, unter anderm die heilige Agnese aus der Kirche Santa-Agnese vor den Toren Roms, den Moses Michel Angelo's, auch den altberühmten fast schon um seine Zehen geküssten Apostel Petrus aus der Peterskirche in Rom, der indessen leicht ein alter Janus sein kann mit dem Schlüssel nicht des himmels, sondern des Tempels zu Krieg und Frieden.

Lucinde machte ihn gar zu einem Jupiter, worauf der Italiener in seiner Sprache erwiderte:

Mag sein, Signora! Aber jetzt ist er getauft und ein so guter Christ wie wir!

Inzwischen gingen beide schon einem Trupp Engländer entgegen, der soeben von der Maximinuskapelle herunterkam.

Der Wirt hörte allen diesen kurzen, aphoristischen Aeusserungen mit erhöhtem Interesse zu. Als er Lucinden einige bessere Birnen ausgesucht hatte und anbot, fragte sie:

Gibt es heuer ein gutes Jahr?

Schon setzte sie sich den Hut auf.

Die Frucht war leidlich! hiess es. Aber der Wein misrät! Die Leute erwarteten nichts Besseres!

Wie so? fragte sie und band sich die blauen Bänder in eine Schleife.

Wir haben hier einen Aberglauben, antwortete der Wirt. Am Himmelfahrtstage wird ein Crucifix vom grund der Kirche mit einer eisernen Kette in die Höhe gezogen. So viel mal die Kette dabei knackt, so viel Taler wird der Malter Weizen kosten. Heuer knackte es achtzig mal. Es wird eine teuere Zeit!

In welcher Kirche geschieht dergleichen?

Aufrichtig, in keiner! Aber immer in jeder benachbarten! Ueberall nennt man eine andere Kirche und geschehen ist's in keiner!

Brav! sagte Lucinde lachend. Das ist ja das ganze Wesen der Offenbarung und des Wunders auch!

Ohne aber diesen Satz weiter auszuführen, fragte sie nach ihrer Zeche, ihrem Fuhrwerk und dem Wege auf St.-Wolfgang.

Der Wirt wäre gern auf alle diese ihre sprungweisen Andeutungen, vorzugsweise aber auf das Begräbniss in einem mit Tresorscheinen und Staatspapieren gefüllten Sarge zurückgekommen ...

Jetzt gab es aber wieder eine neue Störung.

Es schlich ein Knabe die Stufen des Gartens herauf und veranlasste nun ihn selbst zu dem Anruf:

Scher' er sich weg mit seiner Fuchserei!

Der barfüssige Knabe zog sich eine Stufe zurück.

Dabei hielt er einen kleinen, nicht sogleich erkennbaren Gegenstand hin und suchte die Fremde dafür zu interessiren.

Was hat er denn? fragte Lucinde. Fuchserei? Armer Junge! Was kann er für seine roten Haare!

Da sitzt ihm der Fuchs nicht! fiel der Wirt ein, dem selbst die Röte seines Antlitzes und der gute Wein, wie in jener Gegend vielen, bis in den Bart und in die Spitzen seines nur noch dünnen Hauptaars gedrungen zu sein schien.

Die Dame ist keine Engländerin! Mach' er nur fort! fügte er hinzu.

Was hat er denn? fragte Lucinde.

Der Wirt wollte verhindern, dass Lucinde von dem Knaben in einem projectirten Handel betrogen wurde.

Der Spitzbube, sagte er, während der Knabe noch immer stand, verkauft alte römische Münzen, wie sie die Leute hier finden wollen. Sie sind aber nicht echt!

Lucinde, sogleich voll Heiterkeit der Nikolaus Carstens'schen Liebhaberei in Hamburg gedenkend, rief den Knaben zurück Schon hatte sie einige wie uralt erscheinende mit grünem Rost beschlagene Kupfermünzen in der Hand und fand sie von einem so unbezweifelbaren Schein der Echteit, dass sie für den Knaben Partei nahm und dem Wirt die Münzen entgegenhielt mit den Worten:

Die wären nicht echt? ...

Woher sind die Münzen? wandte sie sich an den Knaben zurück.

Der Knabe zeigte in die Berge, die sich mit dem grünen Schmuck des Rebstocks bekleideten ...

Da hast du sie gefunden?

Mein Vater! hiess es leise und unsicher.

Der Wirt drohte und meinte:

Wenn Sie's glauben wollen, mir recht! Für zehn Groschen lässt er ihnen das ganze Münzcabinet seines Alten!

Der Knabe hatte fünf Münzen. Lucinde betrachtete sie und fand sie sämmtlich täuschend antik. Sie