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soviel schaffen und "schanzen" mussten, waren nicht eben rauh. Sie sagte, da die in einem Fiaker folgende Frau von Buschbeck sich auf die Feinheit und Schonung derselben berief, dass sie es bei ihrem Vater "nicht nötig gehabt hätte". Nur ihre Haltung entsprach nicht dem schlanken Wuchse. Sie senkte den Kopf ... so aber, wie wenn eine schwere Aehre sich an einem langen Halme wiegt.

Der Stadtamtmann sprach von ihrer Familie .... Erst jetzt erfuhr sie ein schreckliches Unglück aus Langen-Nauenheim.

drei ihrer Geschwister, und das liebe Hannchen darunter, waren schon seit Jahresfrist tot! Im Zeitraume von drei Tagen hatte sie das Scharlachfieber, das in der Gegend wütete, hinweggerafft ... Die Alte hatte den Brief des Vaters aufgefangen und den Inhalt verschwiegen, weil sie die wirkung des Kummers auf den Fleiss und die Arbeit fürchtete!

Wie Lucinde diese Nachricht hörte, stürzten ihr seltsamerweise keine Tränen aus den Augen ... Nur schrecklich erblasste sie ... Der Stadtamtmann liess das wankende Mädchen sich auf einen Stuhl setzen; man konnte eine Ohnmacht befürchten ... Der blick, den Lucinde bei dieser Nachricht auf die böse Frau warf, war furchtbar ... Ihre sonst so dunkeln Augen sahen in diesem Moment weiss aus, und die böse Zunge der stadtberüchtigten Frau, die der Verzweiflung nahe war, kein Mädchen bekommen zu können, und in diesem Fluche fast mit wirklichem Schmerz eine angezettelte Verschwörung sah, war gegen sie völlig verstummt.

Als der Stadtamtmann Lucinden erstens einen Lohn und die Auszahlung ihrer Ersparnisse gesichert, dann die Frau Hauptmännin, die er indessen sonderbarerweise immer nur fräulein von Gülpen nannte, aufs entschiedenste ermahnt hatte, die Langmut der "überhaupt gegen sie so duldsamen" städtischen Behörden nicht zu erschöpfen, wurde Lucinde von ihm befragt, ob sie nicht zu ihrem Vater und zu ihren Geschwistern zurück wolle?

Sie sass starr und antwortete nicht.

Dann erwähnte der Stadtamtmann unter den Unterlassungssünden, die sich "fräulein von Gülpen" gegen sie hatte zu Schulden kommen lassen, auch die unterbliebene und doch von ihr versprochene anständige Confirmation. Gleichsam aber, als wenn sich Lucinde fürchtete, nun in Langen-Nauenheim noch erst confirmirt und dort unter die ihr wohlbekannten Buben und Mädchen gesetzt zu werden, antwortete sie auf die wiederholte Frage, ob sie mit der immerhin beträchtlichen Summe von nahezu funfzig Talern, die ihr zuerkannt wurde, nach Langen-Nauenheim zu ihrem Vater und ihren auf drei zusammengeschmolzenen Geschwistern zurückkehren wolle, mit einem ernsten, bedachtsamen und fast kalten Kopfschütteln: Nein!

Das ist's ja! brach die zitternde Tyrannin aus. Das Leben auf der Strasse, die Promenaden, die Offiziere, das Schlendern, das Gaffen ...

Ruhe, fräulein! unterbrach der Stadtamtmann.

Frau von Buschbeck oder fräulein von Gülpen musste sich entfernen, nachdem sie mit zitternden Händen einen Revers zur Zahlung von funfzig Talern und Auslieferung aller Sachen Lucindens unterschrieben hatte. Sie ging mit krampfhaftem Zusammenschlagen ihrer Ober- und Unterkiefern, doch nicht ohne eine Art von Würde und Vornehmheit. Man hatte ihr da, wo man ihre Lebensverhältnisse näher zu kennen schien, zwar den Titel einer Frau geraubt, den einer Adeligen aber lassen müssen.

Draussen empfing sie das Hohngeschrei zusammengelaufener Menschen. Sie war die Bekannte, Stadtkundige, die Frau: bei der niemand dienen wollte!

Sie stürzte in ihren Fiaker, doppelt schwer aufseufzend; denn ihr Geiz sagte ihr wieder: Himmel, du hast den Fiaker vorher zu bezahlen vergessen! Nun rechnet dir der auch noch die halbe Stunde an, die er vor dem Stadtause hat warten müssen!

4.

Der Stadtamtmann war in der Lage, gerade ein Mädchen zu bedürfen.

Er bot Lucinden an, zu seiner Frau zu ziehen. Für die Confirmation versprach er unverzüglich sorge zu tragen.

Sie nickte einfach: Ja! sass bis auf weiteres im Nebenzimmer des Amtssaales eine halbe Stunde allein, setzte im geist einen Brief auf, den sie an ihren Vater schreiben wollte, und folgte dann dem Stadtamtmann, als er sein Vormittagsgeschäft hinter sich hatte, in einiger Entfernung in seine wohnung.

Die Polizeidiener ersparten ihr die Gefahr, noch einmal zur gnädigen Frau, wie sie lachend titulirt wurde, zurückzukehren, und versprachen ihr alles Ihrige abzuholen und nachzubringen.

Lucinde schaute und hörte hinein wie in eine fremde Welt. Dass sie einer schrecklichen, abscheuerregenden, wie es hiess und auch später im Wochenblatt unter der Rubrik Polizeibericht zu lesen war, "zuchtauswürdigen" Behandlung entronnen war, ... das fühlte sie eigentlich selbst nicht so lebendig. Sie liess sich's von den Leuten nur sagen und nahm's dann hin, wie die es wollten.

Die Frau Stadtamtmann hatte nichts gegen die Anordnungen ihres Gatten einzuwenden. Nur schien ihr die Zumutung, das neue Mädchen erst confirmiren lassen zu müssen, umständlich. Indessen sagte sie zu. "Henriettens" Anblickdieser veränderte Name blieb auch hiertat ihr wohl. Die Frau Stadtamtmann war gerade in der Hoffnung und sorgte dafür schönen Formen zu begegnen. Der Anblick des anziehenden, schlanken und gesunden Mädchens tat ihr wohl.

Es kommt oft vor, junge Confirmandinnen zu sehen, die nur gleich am Altar stehen bleiben sollten, um sich den Ehesegen geben zu lassen. Auch Lucinde war auf besondere Bitte des Amtmanns schon nach vier Wochen ein solcher Spätling unter den lieblichen weissgekleideten Kindern mit ihren Rosaschärpen und Myrtensträusschen. Der Superintendent gestattete die schnelle Beförderung, da er von