Ich mahnte in ein paar Tagen darauf den Gärtner an unsern verabredeten gang nach Ingheim. Er freute sich über meine Achtsamkeit, wie er es nannte, und an einem freundlichen Nachmittage gingen wir in das Schloss hinüber. Wir sagten die Ursache unseres Besuches und wurden mit Zuvorkommenheit aufgenommen. Wir gingen sogleich in das Gewächshaus, und es war in Wirklichkeit eine sehr schöne und zu ansehnlicher Grösse ausgebildete Pflanze, zu der mich der Gärtner Simon geführt hatte. Ich kannte nicht genau, wie weit sich diese Pflanzen überhaupt entwikkeln, und welche Grösse sie zu erreichen vermögen; aber eine grössere habe ich nirgends gesehen. Dass man sie in Ingheim nicht viel achte, erkannte ich ebenfalls; denn der Winkel des Gewächshauses, in welchem sie in freiem Boden stand, war der vernachlässigteste, es lagen Blumenstäbe, Bastbänder, welke Blätter und dergleichen dort, und man hatte ihn mit Gestellen, auf welchen andere Pflanzen standen, verstellt, dass sein Anblick den Augen entzogen werde. Man konnte den grünen Arm dieser Pflanze wohl an der Decke des Hauses hingehen sehen, ich hatte aber dort hinauf bei meiner ersten Anwesenheit nicht geschaut. Mein Begleiter erkannte jetzt, dass es ein Cereus peruvianus sei, und erklärte mir seine Merkmale. Sonst aber konnten wir keine Kaktus in Ingheim entdecken. Nach mancher Aufmerksamkeit, die uns in dem schloss noch zu teil wurde, begaben wir uns gegen Abend wieder auf den Rückweg, und ich tröstete meinen alten Begleiter mit den Worten, dass ich glaube, dass es nicht schwer sein werde, diese Pflanze in das Rosenhaus zu bringen. Dort würde sie die Sammlung ergänzen und zieren, während sie in Ingheim allein ist. Auch wird man wohl einem Wunsche meines Gastfreundes willfährig sein, und ich werde die Sache schon zu fördern trachten.
Nach kurzer Zeit traten wir unsern Weg zum Besuche in dem Sternenhofe an. Dieses Mal fuhr ausser Eustach auch Gustav mit. Die Grauschimmel wurden vor einen grösseren Wagen gespannt, als wir in den Hochlanden gehabt hatten, und wir fuhren mit ihnen über den Hügel hinab. Es war sehr früh am Morgen, noch lange vor Sonnenaufgang. Wir fuhren auf der Hauptstrasse gegen Rohrberg zu, und fuhren endlich auf der Anhöhe an dem Alizwalde empor. Da die Pferde langsam den Weg hinan gingen, sagte mein Gastfreund: "Es ist möglich, dass Ihr im vorigen Jahre an dieser Stelle Matilden und Natalien gesehen habt. Sie erzählten mir, als sie zum Besuche der Rosenblüte zu mir kamen, und ich ihnen von Euch, von Eurer Anwesenheit bei mir und von Eurer an dem Morgen ihrer Ankunft erfolgten Abreise sagte, dass sie einem Fussreisenden auf der Alizhöhe begegnet seien, der dem ungefähr gleich gesehen habe, den ich ihnen beschrieben."
Plötzlich war es mir ganz klar, dass wirklich Matilde und Natalie die zwei Frauen gewesen waren, welchen ich an jenem Morgen an dieser Stelle begegnet bin. Mir waren jetzt deutlich dieselben Reisehüte vor Augen, die sie auch dieses Mal aufgehabt hatten, ich sah die Züge Nataliens wieder, und auch der Wagen und die braunen Pferde kamen mir in die Erinnerung. Darum also war mir Natalie immer als schon einmal gesehen vorgeschwebt. Ich hatte ja sogar damals gedacht, dass das menschliche Angesicht etwa der edelste Gegenstand für die Zeichnungskunst sein dürfte, und hatte sie als unbeholfner Mensch, der im Zurechtlegen aller Eindrücke geschickter ist als in dem der menschlichen, doch wieder aus meiner Vorstellungskraft verloren. Ich sagte zu meinem Gastfreunde, dass er durch seine Bemerkung meinem Gedächtnisse zu Hilfe gekommen sei, dass ich jetzt alles klar wisse, und dass mir auf dieser Anhöhe Matilde und Natalie begegnet seien, und dass ich ihnen, da der Wagen langsam den Berg hinab fuhr, nachgesehen habe. "Ich habe es mir gleich so gedacht", erwiderte er. Aber auch etwas anderes fiel mir ein, und machte, dass mein Angesicht errötete. Also hatte mein Gastfreund von mir mit den Frauen gesprochen und mich sogar beschrieben. Er hatte also einen Anteil an mir genommen. Das freute mich von diesem mann sehr.
Als wir auf der Höhe des berges angekommen waren, liess mein Gastfreund an einer Stelle, wo das Seitengebüsch des Weges eine Durchsicht erlaubte, halten, stand im Wagen auf und bat mich, das gleiche zu tun. Er sagte, dass man an dieser Stelle das Stück des Alizwaldes, das zu dem Asperhofe gehöre, übersehen könne. Er wies mir mit dem Zeigefinger an den Farbunterschieden des Waldes, die durch die Mischung der Buchen und Tannen, durch Licht und Schatten und durch andere Merkmale hervorgebracht wurden, die Grenzen dieses Besitztumes nach. Als ich dies genugsam verstanden und ihm auch mit dem Finger ungefähr die Stellen des Waldes gezeigt hatte, an denen ich schon gewesen war, setzten wir uns wieder nieder und fuhren weiter.
Es war bei dieser gelegenheit das erste Mal gewesen, dass ich aus seinem mund den Namen Asperhof gehört habe, mit dem er sein Besitztum bezeichnete.
Nach kurzer Fahrt trennten wir uns von der nach Osten gehenden Hauptstrasse und schlugen einen gewöhnlichen Verbindungsweg nach Süden ein. Wir fuhren also dem Hochgebirge näher. Am Mittage blieben wir eine ziemlich lange Zeit zur Erquickung und zum Ausruhen der Pferde, auf deren Pflege mein Gastfreund sehr sah, in einem einzeln stehenden Gastofe, und es war schon am Abende in tiefer Dämmerung, als mir mein Gastfreund die Umrisse des Sternenhofes zeigte. Ich war schon zweimal in der Gegend gewesen, erinnerte mich sogar im allgemeinen auf das Gebäude,