Rosenblüte bezeichnet hatte, auch der schönste gewesen. Von ihm an begann sie abzunehmen, und die Blumen fingen an zu welken, so dass man öfter die Leiter und die Schere zur Hand nehmen musste, um Verunzierungen zu beseitigen.
Auch zwei fremde Reisende waren in das Rosenhaus gekommen, welche sich eine Nacht und einen teil des darauf folgenden Vormittages in demselben aufgehalten hatten. Sie hatten den Garten, die Felder und den Meierhof besehen. In seine Zimmer und in die Schreinerei hatte sie mein Gastfreund nicht geführt, woraus ich die mir angenehme Bemerkung zog, dass er mir bei meiner ersten Ankunft in seinem haus eine Bevorzugung gab, die nicht jedem zu teil wurde, dass ich also eine Art Zuneigung bei ihm gefunden haben musste.
Gegen das Ende der Rosenblüte kam Eustachs Bruder Roland in das Haus. Da er sich mehrere Tage in demselben aufhielt, fand ich gelegenheit, ihn genauer zu beobachten. Er hatte noch nicht die Bildung seines Bruders, auch nicht dessen Biegsamkeit; aber er schien mehr Kraft zu besitzen, die seinen Beschäftigungen einen wirksamen Erfolg versprach. Was mir auffiel, war, dass er mehrere Male seine dunkeln Augen länger auf Natalien heftete, als mir schicklich erscheinen wollte. Er hatte eine Reihe von Zeichnungen gebracht, und wollte noch einen entfernteren teil des Landes besuchen, ehe er wiederkehrte, um den Stoff vollkommen zu ordnen.
Ehe Matilde und Natalie das Rosenhaus verliessen, musste noch der versprochene Besuch auf dem Gute des Nachbars, welches Ingheim hiess und von dem volk nicht selten der Inghof genannt wurde, gemacht werden. Es wurde hingeschickt, und ein Tag genannt, an dem man kommen wollte, welcher auch angenommen wurde. Am Morgen dieses Tages wurden die braunen Pferde, mit denen Matilde gekommen war, und die sie die Zeit über in dem Meierhofe gelassen hatte, vor den Wagen gespannt, der die Frauen gebracht hatte, und Matilde und Natalie setzten sich hinein. Mein Gastfreund, Gustav und ich, der ich eigens in die Bitte des Gegenbesuches eingeschlossen worden war, stiegen in einen anderen Wagen, der mit zwei sehr schönen Grauschimmeln meines Gastfreundes bespannt war. Eine rasche Fahrt von einer Stunde brachte uns an den Ort unserer Bestimmung. Ingheim ist ein Schloss, oder eigentlich sind zwei Schlösser da, welche noch von mehreren anderen Gebäuden umgehen sind. Das alte Schloss war einmal befestigt. Die grauen, aus grossen viereckigen Steinen erbauten runden Türme stehen noch, ebenso die graue, aus gleichen Steinen erbaute Mauer zwischen den Türmen. Beide Teile beginnen aber oben zu verfallen. Hinter den Türmen und Mauern steht das alte, unbewohnte, ebenfalls graue Haus, scheinbar unversehrt; aber von den mit Brettern verschlagenen Fenstern schaut die Unbewohnteit und Ungastlichkeit herab. Vor diesen Werken des Altertums steht das neue, weisse Haus, welches mit seinen grünen Fensterläden und dem roten Ziegeldache sehr einladend aussieht. Wenn man von der Ferne kommt, meint man, es sei unmittelbar an das alte Schloss angebaut, welches hinter ihm emporragt. Wenn man aber in dem haus selber ist und hinter dasselbe geht, so sieht man, dass das alte Gemäuer noch ziemlich weit zurück ist, dass es auf einem Felsen steht, und dass es durch einen breiten, mit einem Obstbaumwald bedeckten Graben von dem neuen haus getrennt ist. Auch kann man in der Ferne wegen der ungewöhnlichen Grösse des alten Schlosses die Geräumigkeit des neuen Hauses nicht ermessen. Sobald man sich aber in demselben befindet, so erkennt man, dass es eine bedeutende Räumlichkeit habe, und nicht bloss für das Unterkommen der Familie gesorgt ist, sondern auch eine ziemliche Zahl von Gästen noch keine Ungelegenheit bereitet. Ich hatte wohl den Namen des Schlosses öfter gehört, dasselbe aber nie gesehen. Es liegt so abseits von den gewöhnlichen Wegen, und ist durch einen grossen Hügel so gedeckt, dass es von Reisenden, welche durch diese Gegend gewöhnlich den Gebirgen zugehen, nicht gesehen werden kann. Als wir uns näherten, entwickelten sich die mehreren Bauwerke. Zuerst kamen wir zu den Wirtschaftsgebäuden oder der sogenannten Meierei. Dieselben standen, wie es bei vielen Besitzungen in unserem land der Brauch ist, ziemlich weit entfernt von dem Wohnhause und bildeten eine eigene Abteilung. Von da führte der Weg durch eine Allee uralter grosser Linden eine Strecke gegen das neue Haus. Die Allee ist ein Bruchstock von derjenigen, die einmal gegen die Zugbrücke des alten Schlosses hinauf geführt hatte; sie brach daher ab, und wir fuhren die übrige Strecke durch schönen grünen Rasen, der mit einzelnen Blumenhügeln geschmückt war, dem haus zu. Dasselbe war von weisslich grauer Farbe und hatte säulenartige Streifen und Friese. Alle Fenster, soweit die geöffneten Läden eine Einsicht zuliessen, zeigten von innen schwere Vorhänge. Als der Wagen der Frauen unter dem Überdache der Vorfahrt hielt, stand schon der Herr von Ingheim samt seiner Gattin und seinen Töchtern am Ende der Treppe zur Bewillkommung. Sie waren alle mit Geschmack gekleidet, so wie die Dienerschaft, die hinter ihnen stand, in Festkleidern war. Der Herr half den Frauen aus dem Wagen, und da wir mittlerweile auch ausgestiegen und herzugekommen waren, wurden wir von der ganzen Familie begrüsst und die Treppe hinauf geleitet. Man führte uns in ein grosses Empfangzimmer und wies uns Plätze an. Matilde und Natalie hatten zwar festlichere Kleider an, als sie im Rosenhause trugen, aber dieselben, so edel der Stoff war, zeigten doch keine übermässige Verzierung oder gar Überladung. Mein Gastfreund, Gustav und ich waren gekleidet, wie man es zu