so erhielt der Knabe nicht nur ein Handbuch der Naturwissenschaft, sondern lernte den Stoff selber schon durch das Aufschreiben und Ausbessern. Was sich Gustav angeeignet hatte, wurde zu zeiten gleichsam in freundlichen Gesprächen durchgenommen. Die Sprache des Unterrichtes war stets so einfach und klar, dass ich meinte, ein Kind müsse diese Dinge verstehen können. Mir fiel es jetzt erst recht auf, wie ungehörig manche Lehrer in der Stadt in dieser Wissenschaft verfahren, welche sie gewissermassen in eine wissenschaftliche Necksprache kleiden, die ein Schüler nicht versteht, und mit welcher sie die Matematik so in eins verflechten, dass beide beides nicht sind und ein Ganzes auch nicht darstellen. Ich sah, dass Gustav auch die Rechnung auf die Naturlehre anwandte, aber wo er es tat, erkannte ich, dass er es stets mit Sachkenntnis und klarheit tat, und dass er immer die Rechnung nicht als Hauptsache, sondern hier als Dienerin der natur betrachtete. Ich urteilte aus meinen eigenen früheren arbeiten, dass er auch in diesem Fache einen gründlichen Unterricht erhalten haben musste. Ich fragte ihn einmal darnach, und erfuhr, dass auch hierin sein Ziehvater sein Lehrer gewesen sei.
Ich besuchte später auch den Unterricht in der Länderkunde. Hier fiel mir auf, dass gezeichnete Karten gebraucht wurden, welche alle den nämlichen Massstab hatten, so dass Russland in einer ausserordentlich grossen, die Schweiz in einer sehr kleinen Karte dargestellt war. Mir leuchtete der Zweck dieser Massregel ein, damit nämlich bei der lebhaften jugendlichen Einbildungskraft ein Bild der Grössenverhältnisse dauernd eingeprägt werde. Ich erinnerte mich bei dieser gelegenheit einer Wette, die wir Kinder um eine Kleinigkeit über die Frage abgeschlossen hatten, ob Philadelphia nicht beinahe so südlich wie Rom liege, was die meisten mit lachen verneinten. Eine herbeigebrachte Karte zeigte, dass es südlicher als Neapel liege. Allgemein sagten damals auch die grossen Leute, die zugegen waren, dass bei Kindern dieser Irrtum durch die Raumverhältnisse, in denen unsere gewöhnlichen Karten gezeichnet seien, veranlasst werden musste. Die Karten, welche Gustav gebrauchte, waren von dem Zeichner im Schreinerhause nach Karten unserer sogenannten Atlasse verfertiget worden.
Ich fragte meinen Gastfreund, ob Gustav auch geschichte lerne, worauf er erwiderte: "Man nimmt sehr häufig mit jungen Schülern gleich zur Erdbeschreibung auch geschichte vor; ich glaube aber, dass man hierin unrecht tut. Wenn man in der Erdbeschreibung nicht bloss die geschichtliche Einteilung der Erde und Länder vor Augen hat, was ich auch für einen Fehler halte, sondern wenn man auf die bleibenden Gestaltungen der Erde sieht, auf denen sich eben durch ihren Einfluss verschiedenartige Völker gebildet haben, so ist die Erde ein Naturgegenstand, und Erdbeschreibung zum grossen Teile ein Bestandteil der Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaften sind uns aber viel greifbarer als die Wissenschaften der Menschen, wenn ich ja natur und Menschen gegenüber stellen soll, weil man die Gegenstände der natur ausser sich hinstellen und betrachten kann, die Gegenstände der Menschheit aber uns durch uns selber verhüllt sind. Man sollte meinen, dass das Gegenteil stattaben solle, dass man sich selber besser als Fremdes kennen solle, viele glauben es auch; aber es ist nicht so. Tatsachen der Menschheit, ja Tatsachen unseres eigenen Innernwerden uns, wie ich schon einmal gesagt habe, durch leidenschaft und Eigensucht verborgen gehalten oder mindestens getrübt. Glaubt nicht der grösste teil, dass der Mensch die Krone der Schöpfung, dass er besser als alles, selbst das Unerforschte sei? Und meinen die, welche aus ihrem Ich nicht heraus zu schreiten vermögen, nicht, dass das All nur der Schauplatz dieses Ichs sei, selbst die unzähligen Welten des ewigen Raumes dazu gerechnet? Und dennoch dürfte es ganz anders sein. Ich glaube daher, dass Gustav erst nach Erlernung der Naturwissenschaften zu den Wissenschaften des Menschen übergehen soll, und dass er da ungefähr die Reihe beobachten soll: Körperlehre, Seelenlehre, Denklehre, Sittenlehre, Rechtslehre, geschichte. Hierauf mag er etwas von den Büchern der sogenannten Weltweisheit lesen, dann aber muss er in das Leben selber hinaus kommen."
Zum Unterrichte für Gustav waren gewisse Stunden festgesetzt, welche der alte Mann nie versäumte, andere Stunden waren für die Selbstarbeit bestimmt, welche Gustav wieder gewissenhaft hielt. Die übrige Zeit war zu freier Beschäftigung überlassen.
In solchen zeiten waren wir manches Mal in dem Lesezimmer. Mein Gastfreund kam auch öfter, und gelegentlich auch Eustach oder der eine und der andere Arbeiter. Für Gustav waren nach der Wahl seines Lehrers die Bücher, die er lesen durfte, bestimmt. Er benutzte sie fleissig, ich sah aber nie, dass er nach einem anderen langte. Eustach und die anderen Leute hatten freie Auswahl, und natürlich ich auch. Da ich das erste Mal in diesem haus war, hatte ich es getadelt, dass das Bücherzimmer von dem Lesezimmer abgesondert sei, es erschien mir dieses als ein Umweg und eine Weitschweifigkeit. Da ich aber jetzt länger bei meinem Gastfreunde war, erkannte ich meine Meinung als einen Irrtum. Dadurch, dass in dem Bücherzimmer nichts geschah, als dass dort nur die Bücher waren, wurde es gewissermassen eingeweiht, die Bücher bekamen eine Wichtigkeit und Würde, das Zimmer ist ihr Tempel, und in einem Tempel wird nicht gearbeitet. Diese Einrichtung ist auch eine Huldigung für den Geist, der so mannigfaltig in diesen gedruckten und beschriebenen Papieren und Pergamentblättern entalten ist. In dem Lesezimmer aber wird dann der wirkliche und der freundliche Gebrauch dieses Geistes vermittelt, und seine Erhabenheit wird in unser unmittelbares und irdisches Bedürfnis gezogen. Das Zimmer ist auch recht