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Verhältnisse nicht genau.

Alles dieses hatte mir das Hoffräulein gesagt.

"Siehst du, meine liebe Henriette," sprach die alte Frau, "wie sich die Dinge in der Welt verändern. Du weisst es noch nicht, weil du noch jung bist, und weil du nichts erfahren hast. Das Niedrige wird hoch, das Hohe wird niedrig, eines wird so, das andere wird anders, und ein drittes bleibt bestehen. Dieser Risach ist sehr oft in unser Haus gekommen. Da uns der Vater noch zuweilen in dem alten Doktorwagen, den er hatte, und der dunkelgrün und schwarz angestrichen war, spazieren fahren liess, ist er nicht einmal, sondern oft auf dem Kutschbocke gesessen, oder er ist gar, wenn wir im Freien fuhren und uns die Leute nicht sehen konnten, hinten aufgestanden wie ein Leibdiener, denn der Wagen des Vaters hat ein Dienerbrett gehabt. Wir waren kaum anders als Kinder, er war ein junger Student, der wenig Bekanntschaft hatte, dessen Herkunft man nicht wusste, und um den man auch nicht fragte. Wenn wir in dem Garten auf dem Landhause waren, sprang er mit den Brüdern auf den hölzernen Esel, oder sie jagten die Hunde in das wasser, oder setzten unsere Schaukel in Bewegung. Er brachte deinen Vater zu meinen Brüdern als Kameraden in das Haus. Man wusste damals kaum, wer schöner gewesen sei, Risach oder dein Vater. Aber nach einer Zeit wurde Risach weniger gesehen, ich weiss nicht warum, es vergingen manche Jahre, und ich trat mit deinem Vater in den heiligen Stand der Ehe. Die Brüder waren als Staatsdiener zerstreut, die Eltern waren endlich tot, von Risach wurde oft gesprochen, aber wir kamen wenig zusammen. Der Vater begann seine Tätigkeit hauptsächlich erst dann, als Risach schon ausgetreten war. Da sitze ich jetzt nun wieder, aber in einem anderen Teile der Burg, dein Vater hat die Erde verlassen müssen, du bist nicht einmal mehr ein Kind, dienst deiner hohen gütigen Herrin, und da von Risach die Rede war, meinte ich, es seien kaum einige Jahre vergangen, seit er die Schaukel in unserem Garten bewegt hat."

Ich fragte, ob nicht Risach eine Besitzung im Oberlande habe.

Man sagte mir, dass er dort eine habe.

Ich wollte nicht weiter fragen, um nicht die ganze Darlegung meiner Einkehr in diesem Sommer machen zu müssen.

Als ich aber nach haus gekommen war, erzählte ich die heutige Begegnung meinen Angehörigen bei dem Mittagsessen. Der Vater kannte den Freiherrn von Risach sehr gut. Er war in früherer Zeit mehrere Male mit ihm zusammengekommen, hatte ihn aber jetzt schon lange nicht gesehen. Als Anhaltspunkte, dass mein Beherberger in dem Rosenhause der Freiherr von Risach gewesen sei, dienten, dass ich ihn, wenn mich nicht in der Schnelligkeit des Fahrens eine Ähnlichkeit getäuscht hat, selber gesehen habe, dass er im Oberlande eine Besitzung hat, dass er wohlhabend sei, was mein Beherberger sein müsse, und dass er hohe Geistesgaben besitze, die mein Beherberger auch zu haben scheine. Man beschloss, in dieser Sache nicht weiter zu forschen, da mein Beherberger mir seinen Namen nicht freiwillig genannt habe, und die Dinge so zu belassen, wie sie seien.

Ausser diesen zwei begebenheiten, die wenigstens für mich von Bedeutung waren, ereignete sich nichts in jenem Winter, was meine Aufmerksamkeit besonders in Anspruch genommen hätte. Ich war viel beschäftigt, musste oft Stunden der Nacht zu Hilfe nehmen, und so ging mir der Winter weit schneller vorüber, als es in früheren Jahren der Fall gewesen war. Im allgemeinen aber befriedigten mich besonders die Hilfsmittel, die eine grosse Stadt zur Ausbildung gibt, und die man sonst nicht leicht findet.

Als die Täge schon länger wurden, als die eigentliche Stadtlust schon aufgehört hatte, und die stillen Wochen der Fastenzeit liefen, fragte ich eines Tages Preborn, weshalb er mir denn die Gräfin Tarona nicht gezeigt habe, die er so liebe, die so schön sein soll, und zu deren Gewinnung er meinen Beistand angerufen habe.

"Erstens ist sie keine Gräfin," antwortete er mir, "ich weiss nicht genau ihren Stand, ihr Vater ist tot, und sie lebt in der Gesellschaft einer reichen Mutter; aber das weiss ich, dass sie nicht von Adel ist, was mir sehr zusagt, da ich es auch nicht binund zweitens ist sie und ihre Mutter in diesem Winter nicht in die Stadt gekommen. Das ist die Ursache, dass ich sie dir nicht zeigen konnte, und dass du gelegenheit fandest, einen Spott gegen mich zu richten. Du musst sie aber vorerst sehen. Alle, denen heuer Schönheiten gesagt worden sind, alle, die man gerühmt hat, alle, die geblendet haben, sind nichts, ja sie sind noch weniger als nichts gegen sie."

Ich antwortete ihm, dass ich nicht spotten, sondern die Sache einfach habe sagen wollen.

Wie sich der Frühling immer mehr näherte, rüstete ich mich zu meiner Reise. Ich wollte heuer früher reisen, weil ich mir vorgenommen hatte, ehe ich in die Berge ginge, einen Besuch in dem Rosenhause zu machen. Mit jedem Jahre wurden meine Zurüstungen weitläufiger, weil ich in jedem Jahre mehr Erfahrungen hatte und meine Entwürfe weiter hinaus gingen. Heuer hatte ich auch beschlossen, umfassendere Zeichnungswerkzeuge und sogar Farben mitzunehmen. Wie es mit jeder Gewohnheit ist, war es auch bei mir. Wenn ich mich in jedem