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einiger Zeit kam auch der Vater. Es war heute in dem Stübchen, in welchem die alten Waffen hingen, und um welches der Efeu rankte, zum Abendessen aufgedeckt worden. Man hatte sogar bis gegen Abend die Fenster offen lassen können. Da während meines Ganges in die Stadt mein Koffer und meine Kisten von dem Schiffe gekommen waren, konnte ich die Geschenke, welche ich von der Reise mitgebracht hatte, in das Stübchen schaffen lassen: für die Mutter einige seltsame Töpfe und Geschirre, für den Vater ein Ammonshorn von besonderer Grösse und Schönheit, andere Marmorstücke und eine Uhr aus dem siebenzehnten Jahrhunderte, und für die Schwester das gewöhnliche Edelweiss, getrockneten Enzian, ein seidenes Bauertüchlein und silberne Bruskettlein, wie man sie in einigen Teilen des Gebirges trägt. Auch was man mir als Geschenke vorbereitet hatte, kam in das Stüblein: von der Mutter und Schwester verfertigte arbeiten, darunter eine Reisetasche von besonderer Schönheit, dann sämtliche Arten guter Bleifedern, nach den Abstufungen der Härte in einem Fache geordnet, besonders treffliche Federkiele, glattes Papier, und von dem Vater ein Gebirgsatlas, dessen ich schon einige Male Erwähnung getan, und den er für mich gekauft hatte. Nachdem alles mit Freuden gegeben und empfangen worden war, setzte man sich zu dem Tische, an dem wir heute abend nur allein waren, wie es nach und nach bei jeder meiner Zurückkünfte nach einer längeren Abwesenheit der Gebrauch geworden war. Es wurden die speisen aufgetragen, von denen die Mutter vermutete, dass sie mir die liebsten sein könnten. Die Vertraulichkeit und die Liebe ohne Falsch, wie man sie in jeder wohlgeordneten Familie findet, tat mir nach der längeren Vereinsamung ausserordentlich wohl.

Als die ersten Besprechungen über alles, was zunächst die Angehörigen betraf, und was man in der jüngsten Zeit erlebt hatte, vorüber waren, als man mir den ganzen gang des Hauswesens während meiner Abwesenheit auseinandergesetzt hatte, musste ich auch von meiner Reise erzählen. Ich erklärte ihren Zweck und sagte, wo ich gewesen sei, und was ich getan habe, ihn zu erreichen. Ich erwähnte auch des alten Mannes, und erzählte, wie ich zu ihm gekommen sei, wie gut ich von ihm aufgenommen worden sei, und was ich dort gesehen habe. Ich sprach die Vermutung aus, dass er seiner Sprache nach zu urteilen aus unserer Stadt sein könnte. Mein Vater ging seine Erinnerungen durch, konnte aber auf keinen Mann kommen, der dem von mir beschriebenen ähnlich wäre. Die Stadt ist gross, meinte er, es könnten da viele Leute gelebt haben, ohne dass er sie hätte kennen lernen können. Die Schwester meinte, vielleicht hätte ich ihn auch der Umgebung zu Folge, in welcher ich ihn gefunden habe, schon in einem anderen und besonderen Lichte gesehen und in solchem dargestellt, woraus er schwerer zu erkennen sei. Ich entgegnete, dass ich gar nichts gesagt habe, als was ich gesehen hätte, und was so deutlich sei, dass ich es, wenn ich mit Farben besser umzugehen wüsste, sogar malen könnte. Man meinte, die Zeit werde die Sache wohl aufklären, da er mich auf einen zweiten Besuch eingeladen habe, und ich gewiss nicht anstehen werde, denselben abzustatten. Dass ich ihn nicht geradezu um seinen Namen gefragt habe, billigten alle meine Angehörigen, da er weit mehr getan, nämlich mich aufgenommen und beherbergt habe, ohne um meinen Namen oder um meine Herkunft zu forschen.

Der Vater erkundigte sich im Laufe des Gespräches genauer nach manchen Gegenständen in dem haus des alten Mannes, deren ich Erwähnung getan hatte, besonders fragte er nach den Marmoren, nach den alten Geräten, nach den Schnitzarbeiten, nach den Bildsäulen, nach den Gemälden und den Büchern. Die Marmore konnte ich ihm fast ganz genau beschreiben, die alten Geräte beinahe auch. Der Vater geriet über die Beschreibung in Bewunderung und sagte, es würde für ihn eine grosse Freude sein, einmal solche Dinge mit eigenen Augen sehen zu können. Über Schnitzarbeiten konnte ich schon weniger sagen, über die Bücher auch nicht viel, und das wenigste, beinahe gar nichts, über Bildsäulen und Gemälde. Der Vater drang auch nicht darauf und verweilte nicht lange bei diesen letzteren Gegenständendie Mutter meinte, es wäre recht schön, wenn er sich einmal aufmachte, eine Reise in das Oberland unternähme und die Sachen bei dem alten mann selber ansähe. Er sitze jetzt immer wieder zu viel in seiner Schreibstube, er gehe in letzter Zeit auch alle Nachmittage dahin und bleibe oft bis in die Nacht dort. Eine Reise würde sein Leben recht erfrischen, und der alte Mann, der den Sohn so freundlich aufgenommen habe, würde ihn gewiss herzlich empfangen und ihm als einem Kenner seine Sammlungen noch viel lieber zeigen als einem andern. Wer weiss, ob er nicht gar auf dieser Reise das eine oder andere Stück für seine Altertumszimmer erwerben könnte. Wenn er immer warte, bis die dringendsten Geschäfte vorüber wären, und bis er sich mehr auf die jüngeren Leute in seiner Arbeitsstube verlassen könne, so werde er gar nie reisen; denn die Geschäfte seien immer dringend, und sein Misstrauen in die Kräfte der jüngeren Leute wachse immer mehr, je älter er werde, und je mehr er selber alle Sachen allein verrichten wolle.

Der Vater antwortete, er werde nicht nur schon einmal reisen, sondern sogar eines Tages sich in den Ruhestand setzen und keine Handelsgeschäfte weiter vornehmen.

Die Mutter erwiderte, dass dies sehr gut sein, und dass ihr dieser Tag wie