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die sich unter den Latten und Sparren der Dächer oder Dachvorsprünge ansiedeln, nicht zerstören, damit sie diese Vögel hinziehen."

Während dieses Gespräches waren wir in dem Gange der Gastzimmer zu der Tür gekommen, die in Gustavs wohnung führte. Mein Gastfreund fragte, ob ich diese wohnung nicht jetzt besehen wollte, und wir traten ein.

Die wohnung bestand aus zwei Zimmern, einem Arbeitszimmer und einem Schlafzimmer. Beide waren, wie es bei solchen Zimmern selten der Fall ist, sehr in Ordnung. Sonst war ihr Geräte sehr einfach. Bücherkästen, schreibe- und Zeichnungsgeräte, ein Tisch, Schreine für die Kleider, Stühle und das Bett. Der Jüngling stand fast errötend da, da ein Fremder in seiner wohnung war. Wir entfernten uns bald, und der Bewohner machte uns die leichte, feine Verbeugung, die ich gestern schon an ihm bemerkt hatte, weil er uns nicht mehr begleiten, sondern in den Zimmern zurückbleiben wollte, in welchen er noch Arbeit zu verrichten hatte.

"Ihr könnet nun auch die Gastzimmer besuchen," sagte mein Begleiter, "dann habt Ihr alle Räume unseres Hauses gesehen."

Ich willigte ein. Er nahm ein kleines silbernes Glöcklein aus seiner tasche und läutete.

Es erschien in kurzem eine Magd, von welcher er die Schlüssel der Zimmer verlangte. Sie holte dieselben, und brachte sie an einem Ringe, von welchem einzelne los zu lösen waren. Jeder trug die Zahl seines Zimmers auf sich eingegraben. Nachdem mein Beherberger die Magd verabschiedet hatte, schloss er mir die einzelnen Zimmer auf. Sie waren einander vollkommen gleich. Sie waren gleich gross, jedes hatte zwei Fenster, und jedes hatte ähnliche Geräte wie das meine.

"Ihr seht," sagte er, "dass wir in unserem haus nicht so ungesellig sind und bei dessen Anlegung schon auf Gäste gerechnet haben. Es können im äussersten Notfalle noch mehr untergebracht werden, als die Zimmer anzeigen, wenn wir zwei in ein Gemach tun, und noch andere Zimmer, namentlich die im Erdgeschosse in Anspruch nehmen. Es ist aber in der Zeit, seit welcher dieses Haus besteht, der Notfall noch nicht eingetreten."

Als wir an die östliche Seite des Hauses gekommen waren, an die Seite, die seiner wohnung gerade entgegengesetzt lag, öffnete er eine Tür, und wir traten nicht in ein Zimmer wie bisher, sondern in drei, welche sehr schön eingerichtet waren und zu lieblichem Wohnen einluden. Das erste war ein Zimmer für einen Diener oder eigentlich eine Dienerin; denn es sah ganz aus wie das Zimmer, in welchem die Mädchen meiner Mutter wohnten. Es standen grosse Kleiderkästen da, mit grünem Zitz verhängte Betten, und es lagen Dinge herum, wie in dem Mädchenzimmer meiner Mutter. Die zwei anderen Gemächer zeigten zwar nicht solche Dinge, im Gegenteile, sie waren in der musterhaftesten Ordnung; aber sie wiesen doch eine solche Gestalt, dass man schliessen musste, dass sie zu Wohnungen für Frauen bestimmt sind. Die Geräte des ersten waren von Mahagoniholz, die des zweiten von Zedern. Überall standen weichgepolsterte Sitze und schöne Tische herum. Auf dem Fussboden lagen weiche Teppiche, die Pfeiler hatten hohe Spiegel, ausserdem stand in jedem Zimmer noch ein beweglicher Ankleidespiegel, an den Fenstern waren Arbeitstischchen, und in der Ecke jedes Zimmers stand von weissen Vorhängen dicht und undurchdringlich umgeben ein Bett. Jedes Gemach hatte ein Blumentischchen, und an den Wänden hingen einige Gemälde.

Als ich diese Zimmer eine Weile betrachtet hatte, öffnete mein Begleiter im dritten Zimmer mittelst eines Drückers eine Tapetentür, die sich den Blicken nicht gezeigt hatte, und führte mich noch in ein viertes, kleines Zimmer mit einem einzigen Fenster. Das Zimmerchen war sehr schön. Es war ganz in sanft rosenfarbener Seide ausgeschlagen, welche Zeichnungen in derselben, nur etwas dunkleren Farbe hatte. An dieser schwach rosenroten Seide lief eine Polsterbank von lichtgrauer Seide hin, die mit mattgrünen Bändern gerändert war. Sessel von gleicher Art standen herum. Die Seide, grau in Grau gezeichnet, hob sich licht und lieblich von dem Rot der Wände ab, es machte fast einen Eindruck, wie wenn weisse Rosen neben roten sind. Die grünen Streifen erinnerten an das grüne Laubblatt der Rosen. In einer der hinteren Ecken des Zimmers war ein Kamin von ebenfalls grauer, nur dunklerer Farbe mit grünen Streifen in den Simsen und sehr schmalen Goldleisten. Vor der Polsterbank und den Sesseln stand ein Tisch, dessen Platte grauer Marmor von derselben Farbe wie der Kamin war. Die Füsse des Tisches und der Sessel so wie die Fassungen an der Polsterbank und den anderen Dingen waren von dem schönen veilchenblauen Amarantolze; aber so leicht gearbeitet, dass dieses Holz nirgends herrschte. An dem mit grauen Seidenvorhängen gesäumten Fenster, welches zwischen grünen Baumwölbungen auf die Landschaft und das Gebirge hinaussah, stand ein Tischchen von demselben Holze und ein reichgepolsterter Sessel und Schemmel, wie wenn hier der Platz für eine Frau zum Ruhen wäre. An den Wänden hingen nur vier kleine, an Grösse und Rahmen vollkommen gleiche Ölgemälde. Der Fussboden war mit einem feinen grünen Teppiche überspannt, dessen einfache Farbe sich nur ein wenig von dem Grün der Bänder abhob. Es war gleichsam der Rasenteppich, über dem die Farben der Rosen schwebten. Die Schürzange und die anderen Geräte an dem Kamine hatten vergoldete Griffe, auf dem Tische stand ein goldenes Glöcklein.

Kein Merkmal in dem Gemache zeigte an, dass es bewohnt sei. Kein Geräte war verrückt, an dem Teppiche zeigte sich keine Falte und an