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Auch die Ammer flog bei unserer Annäherung nicht auf, sondern sah uns ruhig an.

So zeigte mir mein Begleiter noch ein paar Nester, in denen Junge waren, die, wenn sie sich allein befanden, auf das Geräusch unserer Annäherung die gelben Schnäbel aufsperrten und Nahrung erwarteten. In zwei anderen waren Mütter, die bei unserem Herannahen nicht aufflogen. Da wir im Vorbeigehen noch eins trafen, bei welchem die Eltern äzten, liessen sich diese nicht von ihrem Geschäfte abhalten, flogen herzu, und nährten in unserer Gegenwart die Kinder.

"Ich habe Euch jetzt Nester gezeigt, die noch bevölkert sind," sagte mein Gastfreund, "die meisten sind schon leer, die Jugend flattert bereits in dem Garten herum und übt sich zur Herbstreise. Die Nester sind zahlreicher, als man vermutet, wir besuchen nur die, die uns bei der Hand sind."

Indessen war Gustav mit der verlangten Larve gekommen und gab sie dem alten mann in die Hand. Dieser ging zu der Hecke, in welcher das Nest des Rotkehlchens war, und legte die Larve auf den Weg daneben. Kaum hatte er sich entfernt und war zu uns getreten, die wir in der Nähe standen, so schlüpfte das Rotkehlchen unter den untersten Ästen der Hecke heraus, rannte zu der Larve, nahm sie, und lief wieder in die Hecke zurück.

Ich weiss nicht, welche tiefe Rührung mich bei diesem Vorfalle überkam. Mein Gastfreund erschien mir wie ein weiser Mann, der sich zu einem niedreren Geschöpfe herablässt.

Auch der Jüngling Gustav war sehr heiter, und zeigte Freude, wenn er in die Büsche blickte, in denen eine wohnung war. Es war mir dies ein Beweis, dass das Zerstören der Vogelnester durch Wegnahme der Eier oder der Jungen und das Fangen der Vögel überhaupt den Kindern nicht angeboren ist, sondern dass dieser Zerstörungstrieb, wenn er da ist, von Eltern oder Erziehern hervorgerufen und in diese Bahn geleitet wurde, und dass er durch eine bessere Erziehung sein Gegenteil wird.

Wir schritten weiter. In einer kleinen Fichte, die am rand des Gartens stand, zeigten sie mir noch eine Finkenwohnung, die an dem Stamme in das Geflechte teils hervorgewachsener, teils künstlich eingefugter Äste und Zweige gebaut war. An anderen Bäumen sahen wir auch in die aufgehängten Behälter Vögel aus- und einschlüpfen. Mein Begleiter sagte, dass, wenn ich nur länger hier wäre, mir selbst die Sitten der Vögel verständlicher werden würden.

Ich erwiderte, dass ich schon mehreres aus meinem Reisen im Gebirge und aus meinen früheren Beschäftigungen in den Naturwissenschaften kenne.

"Das ist doch immer weniger," sagte mein Gastfreund, "als was man durch das lebendige Beisammenleben inne wird."

Es wurden einige Behälter, die mit aus Ruten geflochtenen Seilen an Bäumen befestigt waren, und von denen man wusste, dass sie nicht mehr bewohnt seien, herabgenommen und auseinander gelegt, damit ich ihre Einrichtung sähe. Es war nur eine einfache Höhlung, die aus zwei halbhohen Stücken bestand, die man mittelst Ringen, die enger zu schrauben waren, aneinanderpressen konnte.

"Kein Singvogel", sagte mein Begleiter, "geht in ein fertiges Nest, es mag nun dasselbe in einer früheren Zeit von ihm selber oder einem anderen Vogel gebaut worden sein, sondern er verfertigt sich sein Nest in jedem Frühlinge neu. Deshalb haben wir die Behälter aus zwei Teilen machen lassen, dass wir sie leicht auseinander nehmen und die veralteten Nester heraus tun können. Auch zum Reinigen der Behälter ist diese Einrichtung sehr tauglich; denn wenn sie unbewohnt sind, nimmt allerlei Ungeziefer seine Zuflucht zu diesen Höhlungen, und der Vogel scheut Unrat und verdorbene Luft und würde eine unreine Höhlung nicht besuchen. Im letzten Teile des Winters, wenn der Frühling schon in Aussicht steht, werden alle diese Behälter herabgenommen, auf das sorgfältigste gescheuert und in Stand gesetzt. Im Winter sind sie darum auf den Bäumen, weil doch mancher Vogel, der nicht abreist, Schutz in ihnen sucht. Die alten Nester werden zerfasert und gegen den Frühling ihre Bestandteile mit neuen vermehrt in dem Garten ausgestreut, damit die Familien Stoff für ihre Häuser finden."

Ich sah im Vorübergehen auch die Kletterstäbchen in den Wassertonnen, und im Gebüsche fanden wir das kleine rieselnde Wasserlein.

Als wir uns auf dem Rückwege zum haus befanden, sagte mein Begleiter: "Ich habe noch eine Art Gäste, die ich füttere, nicht dass sie mir nützen, sondern dass sie mir nicht schaden. Gleich in der ersten Zeit meines Hierseins, da ich eine sogenannte Baumschule anlegte, nämlich ein Gärtchen, in welchem die zur Veredlung tauglichen Stämmchen gezogen wurden, habe ich die Bemerkung gemacht, dass mir im Winter die Rinde an Stämmchen abgefressen wurde, und gerade die beste und zarteste Rinde an den besten Stämmchen. Die Übeltäter wiesen sich teils durch ihre Spuren im Schnee, teils weil sie auch auf frischer Tat ertappt wurden, als Hasen aus. Das Verjagen half nicht, weil sie wieder kamen, und doch nicht Tag und Nacht jemand in der Baumschule Wache stehen konnte. Da dachte ich: die armen Diebe fressen die Rinde nur, weil sie nichts Besseres haben, hätten sie es, so liessen sie die Rinde stehen. Ich sammelte nun alle Abfälle von Kohl und ähnlichen Pflanzen, die im Garten und auf den Feldern übrig blieben, bewahrte sie im Keller auf, und legte sie bei Frost und hohem Schnee teilweise auf die Felder ausserhalb des Gartens. Meine Absicht wurde belohnt