Drähten und Stangen machen können wie wir, in dem sie das eigentliche Wesen des Vogels wahrnehmen könnten, so machen sie einen mit sichtbaren, in welchem der Vogel eingesperrt ist und seinem zu frühen tod entgegen singt. Sie sind auf diese Weise nicht unfühlsam für die stimme des Vogels, aber sie sind unfühlsam für sein Leiden. Dazu kommt noch, dass es der Schwäche und Eitelkeit des Menschen, besonders der Kinder, angenehm ist, eines Vogels, der durch seine Schwingen und seine Schnelligkeit gleichsam aus dem Bereiche menschlicher Kraft gezogen ist, Herr zu werden und ihn durch Witz und Geschicklichkeit in seine Gewalt zu bringen. Darum ist seit alten zeiten der Vogelfang ein Vergnügen gewesen, besonders für junge Leute; aber wir müssen sagen, dass es ein sehr rohes Vergnügen ist, das man eigentlich verachten sollte. Freilich ist es noch schlechter und muss ohne weiteres verabscheut werden, wenn man Singvögel nicht des Gesanges wegen fängt, sondern sie fängt und tötet, um sie zu essen. Die unschuldigsten und mitunter schönsten Tiere, die durch ihren einschmeichelnden Gesang und ihr liebliches Benehmen ohnehin unser Vergnügen sind, die uns nichts anders tun als lauter Wohltaten, werden wie Verbrecher verfolgt, werden meistens, wenn sie ihrem Triebe der Geselligkeit folgen, erschossen oder, wenn sie ihren nagenden Hunger stillen wollen, erhängt. Und dies geschieht nicht, um ein unabweisliches Bedürfnis zu erfüllen, sondern einer Lust und Laune willen. Es wäre unglaublich, wenn man nicht wüsste, dass es aus Mangel an Nachdenken oder aus Gewohnheit so geschieht. Aber das zeigt eben, wie weit wir noch von wahrer Gesittung entfernt sind. Darum haben weise Menschen bei wilden Völkern und bei solchen, die ihre Gierde nicht zu zähmen wussten, oder einen höhern Gebrauch von ihren Kräften noch nicht machen konnten, den Aberglauben aufgeregt, um einen Vogel seiner Schönheit oder Nützlichkeit willen zu retten. So ist die Schwalbe ein heiliger Vogel geworden, der dem haus Segen bringt, das er besucht, und den zu töten Sünde ist. Und selten dürfte es ein Vogel mehr verdienen als die Schwalbe, die so wunderschön ist und so unberechenbaren Nutzen bringt. So ist der Storch unter göttlichen Schutz gestellt, und den Staren hängen wir hölzerne Häuser in unsere Bäume. Ich hoffe, dass, wenn unseren Nachbarn die Augen über den Erfolg und den Nutzen des Hegens von Singvögeln aufgehen, sie vielleicht auch dazu schreiten werden, uns nachzuahmen; denn für Erfolg und Nutzen sind sie am empfänglichsten. Ich glaube aber auch, dass unsere Obrigkeiten das Ding nicht gering achten sollten, dass ein strenges Gesetz gegen das Fangen und Töten der Singvögel zu geben wäre, und dass das Gesetz auch mit Umsicht und Strenge aufrecht erhalten werden sollte. Dann würde dem menschlichen Geschlechte ein heiligendes Vergnügen aufbewahrt bleiben, wir würden durch die Länder wie durch schöne Gärten gehen, und die wirklichen Gärten würden erquickend da stehen, in keinem Jahre leiden, und in besonders unglücklichen nicht den Anblick der gänzlichen Kahlheit und der traurigen Verödung zeigen. Wollt Ihr nicht auch ein wenig unsere gefiederten Freunde ansehen?"
"Sehr gerne", sagte ich.
Wir standen vor dem Sitze auf und gingen mehr in die Tiefe des Gartens zurück.
Das vielstimmige Vogelgezwitscher durch den Garten und das helle Singen in unserer Nähe, welches mir gestern nachmittag, da ich es in das Zimmer hinein gehört hatte, seltsam gewesen war, erschien mir nun sehr lieblich, ja ehrwürdig, und wenn ich einen Vogel durch einen Baum huschen sah oder über einen Sandweg laufen, so erfüllte es mich mit einer Gattung Freude. Mein Begleiter führte mich zu einer Hecke, wies mit dem Finger hinein und sagte: "Seht."
Ich antwortete, dass ich nichts sähe.
"Schaut nur genauer", sagte er, indem er mit dem Finger neuerdings die Richtung wies.
Ich sah nun unter einem äusserst dichten Dornengeflechte, welches in die Hecke gemacht worden war, ein Nest. In dem Neste sass ein Rotkehlchen, wenigstens dem rücken nach zu urteilen. Es flog nicht auf, sondern wendete nur ein wenig den Kopf gegen uns und sah mit den schwarzen, glänzenden Augen unerschrocken und vertraulich zu uns herauf.
"Dieses Rotkehlchen sitzt auf seinen Eiern," sagte mein Begleiter, "es ist eine Spätehe, wie sie öfter vorkommen. Ich besuche es schon mehrere Tage und lege ihm die Larve des Mehlkäfers in die Nähe. Das weiss der Schelm, darum frägt er mich schon darnach, und fürchtet den Fremden nicht, der bei mir ist."
In der Tat, das Tierchen blieb ruhig in seinem Neste und liess sich durch unser Reden und durch unsere Augen nicht beirren.
"Man muss eigentlich ehrlich gegen sie sein", sagte mein Gastfreund; "aber ich habe keine Larve in der Hand, darum bitte ich dich, Gustav, gehe in das Haus und hole mir eine."
Der Jüngling wendete sich schnell um und eilte in das Haus.
Indessen führte mich mein Begleiter eine Strecke vorwärts, und zeigte mir neuerdings in einer Hecke unter Dornen ein Nest, in welchem eine Ammer sass.
"Diese sitzt auf ihren Jungen, die noch kaum die ersten Härchen haben, und erwärmt sie", sagte mein Begleiter. "Sie kann nicht viel von ihnen weg, darum bringt den meisten teil der Nahrung der Vater herbei. Nach einigen Tagen aber werden sie schon so stark, dass sie der Mutter überall hervor sehen, wenn sie sich auch zeitweilig auf sie setzt