Stacheln können zu einer wahren Zierde und zu einer Bewaffnung dienen, und die Blüten sind verwunderlich wie Märchen. In einem Monate würdet Ihr sehr schöne sehen, jetzt sind sie noch zu wenig entwickelt."
Ich sagte ihm, dass ich schon Blüten gesehen habe, nicht bloss solche, die, wie schön sie seien, doch überall wachsen, sondern auch andere, die selten sind, und solche, die mit der Schönheit den lieblichen Duft vereinen. Ich sagte ihm, dass ich in früheren zeiten Pflanzenkunde getrieben habe, zwar nicht in Bezug auf Gartenpflege, sondern zu meiner Belehrung und Erheiterung, und dass die Kaktus nicht das Letzte gewesen wären, dem ich eine Aufmerksamkeit geschenkt habe.
"Wenn der Herr alte Sachen sammelt," sagte er, "so wäre es wohl auch recht, wenn er dies auch mit alten Pflanzen täte. Im Inghofe ist in dem Gewächshause ein Cereus, der stärker als ein Mannesarm samt seiner Bekleidung ist. Er geht an der Wand empor, biegt sich um und wächst an der Decke des Hauses hin, an welcher er mit. Bändern befestigt ist. Der untere teil ist schon Holz geworden, dass man Namen eingeschnitten hat. Ich glaube, es ist ein Cereus peruvianus. Sie schätzen ihn nicht so hoch, und der Herr sollte den Cereus kaufen, wenn man auch wegen seiner Länge drei Wägen aneinander binden müsste, um ihn herüber bringen zu können. Er ist gewiss schon zweihundert Jahre alt."
Ich antwortete auf diese Rede nicht, um ihm seine Zeitrechnung in Hinsicht der Kaktuspflege in Europa nicht zu stören.
Ich dankte ihm, da ich endlich alles gesehen hatte, für seine Mühe, und verliess das kleine Haus. Er verabschiedete sich sehr freundlich und mit vielen Verbeugungen.
Ich ging nun zu dem Eingangsgitter, durch welches mein Gastfreund mich gestern hereingelassen hatte, weil ich auch ausserhalb des Gartens ein wenig herumsehen wollte. Ein Arbeiter, welcher in der Nähe beschäftigt war, öffnete mir die Tür, weil ich die Einrichtung des Schlosses nicht kannte, und ich trat in das Freie. Ich ging auf der Seite des Hügels, auf welcher ich gestern heraufgekommen war, in mehreren Richtungen herum. Wenn ich auch die Gegend des Landes, in der ich mich befand, im allgemeinen sehr wohl kannte, so hatte ich mich doch nie so lange in ihr aufgehalten, um in das Einzelne eindringen zu können. Ich sah jetzt, dass es ein sehr fruchtbarer, schöner teil sei, der mich aufgenommen hatte, dass sich anmutige Stellen zwischen die Krümmungen der Hügel hineinziehen, und dass ein dichtes Bewohntsein der Gegend etwas sehr Heiteres erteile. Der Tag wurde nach und nach immer wärmer, ohne heiss zu sein, und es war jene Stille, die zur Zeit der Rosenblüte weit mehr als zu einer anderen auf den Feldern ist. In dieser Zeit sind alle Feldgewächse grün, sie sind im Wachsen begriffen, und wenn nicht viele Wiesen in der Gegend sind, auf welchen zu jener Zeit die Heuernte vorkömmt, so haben die Leute keine Arbeit auf den Feldern, und lassen sie allein unter der befruchtenden Sonne. Die Stille war wie in dem Hochgebirge; aber sie war nicht so einsam, weil man überall von der Geselligkeit der Nährpflanzen umgeben war.
Der Klang einer fernen Dorfglocke und meine Uhr, die ich herauszog, erinnerte mich daran, dass es Mittag sei.
Ich ging dem haus zu, das Gitter wurde mir auf einen Zug an der Glockenstange geöffnet, und ich ging in das Speisezimmer. Dort fand ich meinen Gastfreund und Gustav, und wir setzten uns zu Tische. Wir drei waren allein bei dem Mahle.
Während des Essens sagte mein Gastfreund: "Ihr werdet Euch wundern, dass wir so allein unsere speisen verzehren. Es ist in der Tat sehr zu bedauern, dass die alte Sitte abgekommen ist, dass der Herr des Hauses zugleich mit den Seinigen und seinem Gesinde beim Mahle sitzt. Die Dienstleute gehören auf diese Weise zu der Familie, sie dienen oft lebenslang m demselben haus, der Herr lebt mit ihnen ein angenehmes gemeinschaftliches Leben, und weil alles, was im staat und in der Menschlichkeit gut ist, von der Familie kommt, so werden sie nicht bloss gute Dienstleute, die den Dienst lieben, sondern leicht auch gute Menschen, die in einfacher Frömmigkeit an dem haus wie an einer unverrückbaren Kirche hängen, und denen der Herr ein zuverlässiger Freund ist. Seit sie aber von ihm getrennt sind, für die Arbeit bezahlt werden und abgesondert ihre Nahrung erhalten, gehören sie nicht zu ihm, nicht zu seinem kind, haben andere Zwecke, widerstreben ihm, verlassen ihn leicht, und fallen, da sie familienlos und ohne Bildung sind, leicht dem Laster anheim. Die Kluft zwischen den sogenannten Gebildeten und Ungebildeten wird immer grösser; wenn noch erst auch der Landmann seine speisen in seinem abgesonderten Stübchen verzehrt, wird dort eine unnatürliche Unterscheidung, wo eine natürliche nicht vorhanden gewesen wäre."
"Ich habe", fuhr er nach einer Weile fort, "diese Sitte in unserem hiesigen haus einführen wollen; allein die Leute waren auf eine andere Weise herangewachsen, waren in sich selber hineingewachsen, konnten sich an ein Fremdes nicht anschliessen, und hätten nur die Freiheit ihres Wesens verloren. Es ist kein Zweifel, dass sie sich nach und nach in das Verhältnis würden eingelebt haben, besonders die Jüngeren, bei denen die Erziehung noch wirkt; allein ich bin so alt, dass das Unternehmen weit