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Zeichnungen fehlerlos waren, auch an den Bauwerken keinen Fehler gehabt haben. Es gewannen durch diesen Umstand die Zeichnungen in meinen Augen noch mehr, da er gerade ihre grosse Treue bewies.

Auch ein eigentümlicher Gedanke kam mir bei der Betrachtung dieser Zeichnungen in das Haupt. Ich hatte nie so viele Zeichnungen von Bauwerken beisammen gesehen, so wie ich Bauwerke selber nicht zum gegenstand meiner Aufmerksamkeit gemacht hatte. Da ich nun alle diese Laubwerke, diese Ranken, diese Zacken, diese Schwingungen, diese Schnecken in grosser Abfolge sah, erschienen sie mir gewissermassen wie Naturdinge, etwa wie eine Pflanzenwelt mit ihren zugehörigen Tieren. Ich dachte, man könnte sie eben so zu einem gegenstand der Betrachtung und der Forschung machen wie die wirklichen Pflanzen und andere Hervorbringungen der Erde, wenn sie hier auch nur eine steinerne Welt sind. Ich hatte das nie recht beachtet, wenn ich auch hin und wieder an einer Kirche oder an einem anderen Gebäude einen steinernen Stengel oder eine Rose oder eine Distelspitze oder einen Säulenschaft oder die Vergitterung einer Tür ansah. Ich nahm mir vor, diese Gegenstände nun genauer zu beobachten.

"Diese Zeichnungen sind lauter Abbildungen von wirklichen Bauwerken, die in unserem land vorhanden sind", sagte mein Begleiter. "Wir haben sie nach und nach zusammen gebracht. Kein einziges Bauwerk unseres Landes, welches entweder im Ganzen schön ist, oder an dem Teile schön sind, fehlt. Es ist nämlich auch hier im land wie überall vorgekommen, dass man zu den Teilen alter Kirchen oder anderer Werke, die nicht fertig geworden sind, neue Zubaue in ganz anderer Art gemacht hat, so dass Bauwerke entstanden, die in verschiedenen Stilen ausgeführt und teils schön und teils hässlich sind. Die Landkirchen, die auf verschiedenen Stellen in unserer Zeit entstanden sind, haben wir nicht aufgenommen."

"Wer hat denn diese Zeichnungen verfertigt?" fragte ich.

"Der Zeichner steht vor Euch", antwortete mein Begleiter, indem er auf den jungen Mann wies.

Ich sah den Mann an, und es zeigte sich ein leichtes Erröten in seinem Angesichte.

"Der Meister hat nach und nach die Teile des Landes besucht", fuhr mein Gastfreund fort, "und hat die Baugegenstände gezeichnet, die ihm gefielen. Diese Zeichnungen hat er in seinem buch nach haus gebracht, und sie dann auf einzelnen Blättern im Reinen ausgeführt. Ausser den Zeichnungen von Bauwerken haben wir auch die von inneren Ausstattungen derselben. Seid so gefällig und zeigt auch diese Mappe, Eustach."

Der junge Mann legte die Mappe, die wir eben betrachtet hatten, zusammen, und tat sie in ihre Lade. Dann nahm er aus einer anderen Lade eine andere Mappe, und legte sie mir mit den Worten vor: "Hier sind die kirchlichen Gegenstände."

Ich sah die Zeichnungen in der Mappe, die er mir geöffnet hatte, an, wie ich früher die der Bauwerke angesehen hatte. Es waren Zeichnungen von Altären, Chorstühlen, Kanzeln, Sakramentshäuschen, Taufsteinen, Chorbrüstungen, Sesseln, einzelnen Gestalten, gemalten Fenstern und anderen Gegenständen, die in Kirchen vorkommen. Sie waren wie die Zeichnungen der Baugegenstände entweder ganz in Schwarzstift ausgeführt oder teils in Schwarzstift, teils in Farben. Hatte ich mich schon früher in diese Gegenstände vertieft, so geschah es jetzt noch mehr. Sie waren noch mannigfaltiger und für die Augen anlockender als die Bauwerke. Ich betrachtete jedes Blatt einzeln, und manches nahm ich noch einmal vor, nachdem ich es schon hingelegt hatte. Als ich mit dieser Mappe fertig war, legte mir der Meister eine neue vor und sagte: "Hier sind die weltlichen Gegenstände."

Die Mappe entielt Zeichnungen von sehr verschiedenen Geräten, die in Wohnungen, Burgen, Klöstern und dergleichen vorkommen, sie entielt Abbildungen von Vertäflungen, von ganzen Zimmerdecken, Fenster- und Türeinfassungen, ja von eingelegten Fussböden. Bei den weltlichen Geräten war viel mehr mit Farben gearbeitet als bei den kirchlichen und bei den Bauten; denn die Wohngeräte haben sehr oft die Farbe als einen wesentlichen Gegenstand ihrer Erscheinung, besonders wenn sie in verschiedenfarbigen Hölzern eingelegt sind. Ich fand in dieser Sammlung von Zeichnungen Abbildungen von Gegenständen, die ich in der wohnung meines Gastfreundes gesehen hatte. So war der Schreibschrein und der grosse Kleiderschrein vorhanden. Auch der Tisch, an dem noch in der Schreinerstube gearbeitet wurde, stand hier schon fertig vor uns auf dem Papiere. Ich bemerkte hiebei, dass nur die Platte klar und kräftig ausgeführt war, das Gerüste und die Füsse minder, gleichsam schattenhaft behandelt wurden. Ich erkannte, dass man so das Neue, was zu Geräten hinzukommen musste, bezeichnen wollte.

Mir gefiel diese Art sehr gut.

"Die Kirchengeräte unsers Landes dürften in dieser Sammlung ziemlich vollständig sein," sagte mein Gastfreund, "wenigstens wird nichts Wesentliches fehlen. Bei den weltlichen kann man das weniger sagen, da man nicht wissen kann, was noch hie und da in dem land zerstreut ist."

Als ich diese Mappe auch angesehen hatte, sagte mein Begleiter: "Diese Zeichnungen sind Nachbildungen von lauter wirklichen, aus älterer Zeit auf uns gekommenen Gegenständen, wir haben aber auch Zeichnungen selbstständig entworfen, die Geräte oder andere kleinere Gegenstände darstellen. Zeigt uns auch diese, Meister."

Der junge Mann legte die Mappe auf den Tisch.

Sie war viel umfassender als jede der früheren, und entielt nicht bloss die vollständige Darstellung der ganzen Gegenstände, sondern auch ihre Quer- und Längenschnitte und ihre Grundrisse. Es waren Abbildungen von verschiedenen Geräten