Meierhofes, war zu Tische geladen worden. Die andern hatten in dem Meierhofe ein Mahl. Ich hatte ihm am Morgen zur Erinnerung an den heutigen Tag eine silberne Dose mit meinem Namen in dem Deckel gegeben. Diese Dose hatte er bei sich auf dem Tische und sprach ihr unruhig zu. Manches Mal flüsterte er mit seinem weib, das an seiner Seite sass, und öfter ging er fort und kam wieder. Eben trat er nach einer solchen Entfernung wieder in den Saal. Er setzte sich nicht und schien mit sich zu kämpfen. Endlich trat er zu mir und sprach: "Alles Gute belohnt sich, und Euch erwartet heute noch eine grosse Freude."
Ich sah ihn befremdet an.
"Ihr habt den Cereus peruvianus vom Untergange gerettet," fuhr er fort, "wenigstens hätte er leicht untergehen können, und Ihr seid Ursache gewesen, dass er in dieses Haus gekommen ist, und heute noch wird er blühen. Ich habe ihn durch Kalte zurück zu halten gesucht, selbst auf die Gefahr hin, dass er die Knospe abwerfe, damit er nicht eher blühe als heute. Es ist alles gut gegangen. Eine Knospe steht zum Entfalten bereit. In mehreren Minuten kann sie offen sein. Wenn die Gesellschaft dem Gewächshause die Ehre antun wollte...."
"Ja, Simon, ja, wir gehen hin", sagte mein Gastfreund.
Sofort erhob man sich von dem Tische und rüstete sich zu dem Gange in die Gewächshäuser. Simon hatte alles andere um die Stelle des Peruvianus, der in ein eigenes Glashäuschen hinein ragte, entfernt und Platz zum Betrachten der Pflanze gemacht. Die Blume war, da wir hinkamen, bereits offen. Eine grosse, weisse, prachtvolle, fremdartige Blume. Alles war einstimmig im Lobe derselben.
"So viele Menschen den Peruvianus haben," sagte Simon, "denn gar selten ist er eben nicht, so mächtig gross sie auch seinen Stamm ziehen, so selten bringen sie ihn zur Blüte. Wenige Menschen in Europa haben diese weisse Blume gesehen. Jetzt öffnet sie sich, morgen mit Tagesanbruch ist sie hin. Sie ist kostbar mit ihrer Gegenwart. Mir ist es geglückt, sie blühen zu machen – und gerade heute. – Es ist ein Glück, das die wahrste Freude hervorbringen muss."
Wir blieben ziemlich lange, und erwarteten das völlige Entfalten.
"Es kommen auch nicht viele Blumen wie bei gemeinen Gewächsen hervor," sagte Simon wieder, "sondern stets nur eine, später etwa wieder eine."
Mein Gastfreund schien wirklich Freude an der Blume zu haben, ebenso auch Matilde. Natalie und ich dankten Simon besonders für seine grosse Aufmerksamkeit und sagten, dass wir ihm diese Überraschung nie vergessen werden. Dem alten mann standen die Tränen in den Augen. Er hatte Lampen um die Blume angebracht, die bei hereinbrechender Dämmerung angezündet werden sollten, wenn etwa jemand die Blume in der Nacht betrachten wolle. Bei längerem Anschauen gefiel uns die Blume immer mehr. Es dürften in unsern Gärten wenige sein, die an Seltsamkeit, Vornehmheit und Schönheit ihr gleichen. Von den Anwesenden hatte sie nie einer gesehen. Wir gingen endlich fort, und der eine und der andere versprach, im Laufe des Abends noch einmal zu kommen.
Da wir auf dem Rückwege waren und an dem Gebüsche, das sich in der Nähe des Lindenganges befindet, vorbeigingen, ertönte dicht am Wege in den büsche ein Ziterklang. Risach, welcher meine Mutter führte, blieb stehen, ebenso mein Vater und Matilde, und dann auch die andern, die sich eben in unserer Nähe befanden. Ich war mit Natalien mehr gegen den Busch getreten; denn ich erkannte augenblicklich den Klang meines Ziterspiellehrers. Er trug eine ihm eigentümliche Weise vor, dann hielt er inne, dann spielte er wieder, dann hielt er wieder inne, und so fort. Es waren lauter Weisen, die er selber ersonnen hatte, oder die ihm vielleicht eben in dem Augenblicke in den Sinn gekommen waren. Er spielte mit aller Kraft und Kunst, die ich an ihm so oft bewundert hatte, ja er schien heute noch besser als je zu spielen. Es war, als wenn er nichts auf Erden liebte als seine Ziter. Alles, was sich in der Nähe befand, lauschte unbeweglich, und nicht einmal ein Zeichen eines Beifalles wurde laut. Nur Matilde sah einmal auf Natalien hin, und zwar so bedeutsam, als wollte sie sagen: das haben wir nicht gehört, und das vermögen wir nicht hervorzubringen. Die Ziter war ein lebendiges Wesen, das in einer Sprache sprach, die allen fremd war, und die alle verstanden. Als die Töne endlich nicht mehr wieder beginnen zu wollen schienen, trat ich mit Natalien ins Gebüsch, und da sass mein Ziterspiellehrer an einem Tischchen und hatte seine Ziter vor sich. Sein Anzug war graues Tuch und sehr abgetragen, sein grüner Hut lag neben der Ziter auf dem Tische.
"Joseph, bist du wieder in der Gegend?" fragte ich ihn.
"So recht nicht," antwortete er, "ich bin gekommen, Euch auf der Hochzeit einmal gut aufzuspielen."
"Das hast du getan, und das kann keiner so," sagte ich, "du sollst dafür eine Freude haben, und ich weiss dir eine zu verschaffen, welche dir die grösste ist. Bessere hände können das, was ich dir geben will, nicht fassen, als die deinen. Das Rechte muss zusammenkommen