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der mich auf unser erstes Zusammentreffen in diesem haus an jenem Gewitterabende erinnerte, und alle andern.

Risach sagte, dass jetzt jedem zwei Stunden zur Verfügung gegeben seien, dann müsse sich alles in dem Marmorsaale zu einem kleinen Mahle versammeln.

Natalie wurde von ihren Trauungsjungfrauen in die Gemächer ihrer Mutter geführt, dass sie dort die Trauungsgewänder ablege. Ich ging in meine wohnung, kleidete mich um, und verschloss die Papiere, ohne sie anzusehen. Nach einer geraumen Zeit ging ich in das Vorzimmer zu Matildens wohnung und fragte, ob Natalie schon in Bereitschaft sei, ich liesse bitten, mit mir einen kurzen gang durch den Garten zu machen. Sie erschien in einem schönen, aber sehr einfachen Seidenkleide, und ging mit mir die Treppe hinab. Sie reichte mir den Arm, und wir wandelten eine Zeit unter den grossen Linden und auf anderen Gängen des Gartens herum.

Nachdem die zwei Stunden verflossen waren, wurde mit der Glocke das Zeichen zum Mahle gegeben. Alles begab sich in den Saal und erhielt dort seine Sitze angewiesen. Das Mahl war, wie gewöhnlich bei Risach, einfach, aber vortrefflich. Für Kenner und Liebhaber standen sehr edle Weine bereit. Es war nie in dem saal ein Mahl abgehalten worden, und der Ernst des Marmors, bemerkte mein gewesener Gastfreund, dürfe nur in den Ernst des edelsten Weines nieder blicken. Trinksprüche wurden ausgebracht, und sogar Reime auf ewiges Wohl hergesagt.

"Habe ich es gut gemacht, Natta," sagte mein einstiger Gastfreund, "dass ich dir den rechten Mann ausgesucht habe? Du meintest immer, ich verstände mich nicht auf diese Dinge, aber ich habe ihn auf den ersten blick erkannt. Nicht bloss die Liebe ist so schnell wie die Elektrizität, sondern auch der Geschäftsblick."

"Aber Vater," sagte Natalie errötend, "wir haben ja über diesen Gegenstand nie gestritten, und ich konnte dir die Fähigkeit nicht absprechen."

"So hast du dir es gewiss gedacht," erwiderte er, "aber richtig habe ich doch geurteilt: er war immer sehr bescheiden, hat nie vorlaut geforscht und gedrängt, und wird gewiss ein sanfter Mann werden."

"Und du, Heinrich," sagte er nach einer Weile, "werde darum nicht stolz. Verdankst du mir nicht endlich ganz und gar alles? Du hast einmal, da du zum ersten Male in diesem haus warst, in der Schreinerei gesagt, dass der Wege sehr verschiedene sind, und dass man nicht wissen könne, ob der, der dich eines Gewitters wegen zu mir herauf geführt hat, nicht ein sehr guter Weg gewesen ist, worauf ich antwortete, dass du ein wahres Wort gesprochen habest, und dass du es erst recht einsehen werdest, wenn du älter bist; denn in dem Alter, dachte ich mir damals, übersieht man erst die Wege, wie ich die meinigen übersehen habe. Wer hätte aber damals geglaubt, dass mein Wort die Bedeutung bekommen werde, die es heute hat? Und alles hing davon ab, dass du hartnäkkig gemeint hast, ein Gewitter werde kommen, und dass du meinen Gegenreden nicht geglaubt hast."

"Darum, Vater, war es Fügung, und die Vorsicht selber hat mich zu meinem Glücke geführt", sagte ich.

"Die alte Frau, die in dem dunkeln Stadtause unsere Wohnungsnachbarin und zuweilen unser Gast war," sagte mein Vater, "hat dir, Heinrich, die Weissagung gemacht, es werde recht viel aus dir werden: und nun bist du bloss, wie du selber sagst, glücklich geworden."

"Das andere wird kommen", riefen mehrere Stimmen.

"Eine gute Eigenschaft habe ich an deiner Gattin zu ihren andern Tugenden entdeckt," fuhr mein Vater fort, "sie ist nicht neugierig; oder hast du, liebe Tochter, das Kästchen schon eröffnet, welches ich dir gegeben habe?"

"Nein, Vater, ich wartete auf deinen Wink", antwortete Natalie.

"So lasse das Kästchen bringen", entgegnete mein Vater.

Es geschah. Der Faden mit dem Siegel wurde entzwei geschnitten, das Kästchen geöffnet, und auf weissem Samt lag ein ausserordentlich schöner Schmuck von Smaragden. Ein allgemeiner Ruf der Verwunderung machte sich hörbar. Nicht nur waren die Steine an sich, obwohl nicht zu den grössten ihrer Art gehörend, sehr schön, sondern die Fassung, die Steine nicht drückend, war doch so leicht und so schön, dass das Ganze wie ein zusammengehöriges, in einander gewachsenes Werk, wie ein wirkliches Kunstwerk erschien. Selbst Eustach und Roland sprachen ihre Bewunderung aus, und vollends Risach. Sie versicherten, dass sie keine neue Arbeit gesehen hätten, die dieser gliche.

"Dein Freund, mein Heinrich, hat diesen Schmuck fertigen lassen," sagte mein Vater, "wir haben Smaragde gewählt, weil er eben sehr schöne und in erforderlicher Anzahl hatte, weil Smaragde unter allen farbigen Steinen den Ton des weiblichen Halses und Angesichtes am sanftesten heben, und weil du tief gefärbte und reine Smaragde so liebst. Und alle hier sind tief und rein. Wir haben gesucht, nach deinen grundsätzen die Steine fassen zu lassen. Es sind viele Zeichnungen gemacht, gewählt, verworfen und wieder gewählt worden. Es dürfte der beste Zeichner unserer Stadt sein, der endlich das Vorliegende zusammen gestellt hat. Es wurde hierauf beinahe Tag und Nacht gearbeitet, um zu rechter Zeit fertig zu sein. Geöffnet sollte das Kästchen darum nicht werden, damit