1857_Stifter_158_281.txt

man nicht den Reisewagen öfter brauchen könne, waren in Erfüllung gegangen. Er hatte sein Handelsgeschäft abgetreten, und hatte den auf einer sehr lieblichen Stelle zwischen dem Asperhofe und Sternenhofe gelegenen, verkäuflich gewordenen Gusterhof gekauft, den er eben für sich einrichten lasse. Man freute sich schon darauf, wie er sich in diesem neuen Besitztume häuslich und wohnlich niederlassen werde. Ich nahm mir nicht Zeit, diesen Hof, den ich von aussen kannte, zu besuchen, weil ich Natalien, die mir wie ein Gut wieder gegeben worden war, nicht noch unnötig länger von meiner Seite entfernt wissen wollte. Nach innigem Empfange und Abschiede reiste ich zu meinen Eltern, und reiste Tag und Nacht, um bald einzutreffen. Sie wussten von meiner Ankunft, und empfingen mich freudig. Ich richtete mich sogleich in meiner wohnung ein. Es war mir seltsam und wohltuend, den Vater jetzt immer zu haus und ihn stets mit Plänen, Entwürfen, Zeichnungen umringt zu sehen. Er war während meiner Abwesenheit fünf Male in dem Gusterhofe und bei diesen Gelegenheiten öfter bei Matilde oder Risach als Gast gewesen. Die Mutter und Klotilde hatten ihn zweimal begleitet. Er war in diesen zwei Jahren um ein gut teil jünger geworden. Auch die Bewohner des Sternen- und Asperhofes hatten sich einmal im Winter bei meinen Eltern als Gäste eingefunden. Die Bande waren sehr schön und lieb geflochten.

Gleich am ersten Tage meiner Anwesenheit im elterlichen haus führte mich meine Mutter in die Zimmer, die für mich und Natalien als wohnung hergerichtet worden waren, wenn wir uns in der Stadt aufhalten wollten. Ich hatte gar nicht gedacht, dass in dem haus so viel Platz sei, so geräumig war die wohnung. Sie war zugleich so schön und edel angeordnet, dass ich meine Freude daran hatte. Ich sprach bei dieser gelegenheit von dem Vermählungstage, und die Mutter antwortete, dass der Vater glaube, es sei nun keine Ursache einer Säumnis, und von uns als von der Seite des Bräutigams müsse die Anregung ausgehen. Ich bat um Beschleunigung, und am folgenden Tage gingen schon unsere Briefe in den Sternenhof und zu Risach ab. In kurzem kam die Antwort zurück, und der Tag war nach unsern Vorschlägen festgesetzt. Der Sammelplatz war der Asperhof.

Meinem Versprechen getreu, stellte ich mich nun auch bei der Fürstin. Sie war schon auf ihren Landsitz abgereist. Ich schrieb ihr daher einige Zeilen, dass ich zurück: sei, und zeigte ihr meinen Vermählungstag an. In kurzer Zeit kam eine Antwort von ihr nebst einem Päckchen, welches ein Erinnerungszeichen an meine Vermählungsfeier von ihr entalte. Sie könne es mir nicht persönlich übergeben, weil sie seit einigen Wochen kränklich sei und sich deshalb so früh auf das Land habe begeben müssen. Das Erinnerungszeichen liege schon seit länger in Bereitschaft. Ich öffnete das Päckchen. Es entielt eine einzige, aber sehr grosse und sehr schöne Perle. Die Fassung war fast keine. Nur ein Stengel und ein Goldscheibchen hafteten an der Perle, dass sie eingeknöpft werden konnte. Ich freute mich ausserordentlich über die Gesinnung der edlen Fürstin, über die Trefflichkeit des Geschmackes und über dessen Sinnigkeit; denn eine Perle ist es ja in meinen Augen, die ich mir als Geschenk an meine Brust zu heften im Begriffe war. Ich schrieb eine innige Dankanwort zurück.

Unsere Vorbereitungen waren bald gemacht, und wir reisten ab.

"Wir können ja unsere letzten Rüstungen in meinem Landhause machen", sagte der Vater mit heiterem Lächeln.

Wir fuhren in den Gusterhof. Eine kleine, aber freundlich bestellte wohnung, die der Vater vorläufig für solche Gelegenheiten hatte herrichten lassen, empfing uns. Es war ein liebliches Gefühl, in unserem eigenen, uns zugehörigen Landsitze zu sein. Der Vater schien dieses Gefühl am tiefsten zu hegen, und die Mutter freute sich dessen ungemein. Wir blieben hier so lange und vervollständigten unsere Vorbereitungen, dass wir zwei Tage vor der Vermählung in dem Asperhofe eintreffen konnten. Matilde und Natalie waren schon anwesend, da wir ankamen. Wir begrüssten uns herzlich. Alles war in einer gewissen Spannung der Vorbereitungen. Ich konnte Natalien oft nur auf einige Augenblicke sehen. Klotilde wurde auch sofort hineingezogen. Botschaften kamen und gingen ab, Gäste und Trauzeugen trafen ein. Ich selber war in einer Art Beklemmung.

Am Nachmittage des ersten Tages fand ich einmal Matilden, meinen Gastfreund und Gustav im Lindengange auf und ab wandeln. Ich gesellte mich zu ihnen. Gustav verliess uns bald.

"Wir sprachen eben davon, dass mein Sohn sich nun bald von hier entfernen und in die Welt gehen müsse," sagte Matilde, "habt Ihr ihn nach Eurer Reise nicht auch verändert gefunden?"

"Er ist ein vollkommner Jüngling geworden," erwiderte ich, "ich habe auf meinen Reisen keinen gesehen, der ihm gleich wäre. Er war ein sehr kraftvoller Knabe, und ist auch ein solcher Jüngling geworden, aber, wie ich glaube, gemilderter und sanfter. Ja sogar in seinen Augen, die noch glänzender geworden sind, erscheint mir etwas, das beinahe wie das Schmachten bei einem Mädchen ist."

"Es freut mich, dass Ihr das auch bemerkt habt," sagte mein Gastfreund, "es ist so, und es ist sehr gut, wenn auch gefährlich, dass es so ist. Gerade bei sehr kraftvollen Jünglingen, deren Herz von keinem bösen Hauche angeweht worden ist, tritt in gewissen Jahren ein Schmachten ein, das noch holder wirkt als bei heranblühenden Mädchen. Es ist dies nicht