wird aber an sie nicht die Forderung gestellt werden, dass sie dieselbe benützen. Sie sollen nach ihrer Wahl ihre wohnung aufschlagen: entweder im Asperhofe oder im Sternenhofe oder in der Stadt, oder auch abwechslungsweise, wie es ihnen gefällt."
Matilde war während dieser ganzen Rede mit Würde und Anstand in ihrem Sitze gesessen, wie überhaupt in der ganzen Versammlung ein tiefer Ernst herrschte. Matilde suchte ihre Haltung zu bewahren; allein aus ihren Augen stürzten Tränen, und ihr Mund zitterte vor starker Bewegung. Sie stand auf und wollte reden; aber sie konnte nicht, und reichte nur ihre Hand an Risach. Dieser ging um den Tisch – denn eine Ecke desselben trennte sie –, drückte Matilden sanft in ihren Sitz nieder, küsste sie sachte auf die Stirne, und strich einmal mit seiner Hand über ihre Haare, die sie glatt gescheitelt über der feinen Stirne hatte.
Mein Vater nahm hierauf, da Risach wieder an seinem platz war, das Wort und sprach: "Es ist noch ein Vater da, welcher auch einige Worte reden und einige Bedingungen stellen möchte. Vor allem, Freiherr von Risach, empfanget den innigsten Dank von mir im Namen meiner Familie, dass Ihr ein Mitglied derselben zu einem Mitgliede der Eurigen aufzunehmen für würdig erachtet habt. Unserer Familie ist dadurch eine Ehre erzeigt worden, und mein Sohn Heinrich wird sich sicherlich bestreben, sich alle jene Eigenschaften zu erwerben, welche ihm zur Erfüllung seiner neuen Pflichten und zur Darstellung jener Menschenwürde überhaupt nötig sind, ohne welche man ein teil der besseren menschlichen Gesellschaft nicht sein kann. Ich hoffe, dass ich hierin für meinen Sohn bürgen kann, und Ihr selber hofft es, da Ihr ihn in die Stellung aufgenommen habt, in der er ist. Mein Sohn wird in die neue Haushaltung bringen, was nicht für unbillig erachtet werden soll. In meinem haus in der Stadt wird eine anständige wohnung für die Neuvermählten immer in Bereitschaft stehen, und wenn ich das Landleben einmal vorziehen sollte, so werden sie auch in meiner neuen wohnung einen Platz finden. Ihr eigenes ständiges Haus mögen sie nach Belieben aufschlagen. Dass die Vermählung in dem Asperhofe sei, ist nach meiner Meinung gerecht, und ich glaube, es wird niemand die Massregel bestreiten. Und nun habe ich noch eine Bitte an Euch, Freiherr von Risach, nehmt mich alten Mann und meine alte Gattin nebst unsrer Tochter nicht ungerne in Euren Familienkreis auf. Wir sind bürgerliche Leute, und haben als solche einfach gelebt; aber in jedem Verhältnisse unsere Ehre und unsern guten Namen aufrecht zu erhalten gesucht."
"Ich kenne Euch schon lange," antwortete Risach, "obwohl nicht persönlich, und habe Euch schon lange hoch geachtet. Noch höher achtete und liebte ich Euch, als ich Euren Sohn kennen gelernt hatte. Wie sehr es mich freut, in eine nähere Umgangsverbindung mit Euch zu kommen, kann Euch Euer Sohn sagen, und wird Euch die Zukunft zeigen. Was die Bürgerlichkeit anlangt, so gehörte ich zu diesem stand. Vergängliche Handlungen, die man Verdienste nannte, haben mich auf eine Zeit aus ihm gerückt, ich kehre durch meine angenommene Tochter wieder zu ihm zurück, der mir allein gebührt. Ehrenvoller, würdiger Mann einer stettigen Tätigkeit und eines wohlgegründeten Familienlebens, wenn Ihr mich, der ich beides nicht habe, für wert erachtet, so kommt an mein Herz, und lasst uns die letzten Lebenstage freundlich mit einander gehen."
Beide Männer verliessen ihre Plätze, begegneten sich auf halbem Wege zu einander, schlossen sich in die arme, und hielten sich einen Augenblick fest. Wie erschütternd das auf alle wirkte, zeigte die Tatsache, dass es totenstill im Zimmer war, und dass manche Augen feucht wurden.
Meine Mutter war, da Risach Matilden verlassen hatte, zu ihr gegangen, hatte sich neben sie gesetzt und hatte ihre beiden hände gefasst. Die Frauen küssten sich und hielten sich noch immer beinahe umfangen.
Ich und Natalie traten jetzt vor Risach und sagten, dass wir ihm für alles Liebe und Gute gegen uns aufs tiefste danken, und dass unser einziges Bestreben sein werde, seiner guten Meinung über uns immer würdiger zu werden.
"Ihr seid lieb und freundlich und ehrlich," sagte er, "und alles wird gut werden."
Wir gingen wieder an unsere Plätze, und Eustach, Klotilde, Roland, Gustav und selbst die Eltern wünschten uns nun alles Glück und allen Segen.
Hierauf nahm das Gespräch eine Wendung auf einfachere und gewöhnlichere Dinge. Man stand auch öfter auf und mischte sich durcheinander. Meine Mutter hatte heute einige der schönsten geschnittenen Steine meines Vaters als Schmuck an ihrem Körper. Mein Gastfreund hatte öfter darauf hingeblickt; allein jetzt konnten er und Eustach dem Reize nicht mehr widerstehen, sie traten zu meiner Mutter, betrachteten verwundert die Steine, und sprachen über dieselben. Später kam auch Roland hinzu. Meinem Vater glänzten die Augen vor Freude.
Als das Gespräch noch eine Weile gedauert hatte, trennte man sich, und bestellte sich auf einen Spaziergang, der noch vor dem Mittagessen statt finden sollte. Auf dem Sandplatze vor dem Rosengitter an dem haus wollte man sich versammeln.
Wir kleideten uns in andere Kleider, und kamen vor dem haus zusammen.
Mein Vater, der wahrscheinlich sehr neugierig war, alles in diesem haus zu sehen, hatte sich zu Risach gesellt, sie standen vor den Rosengewächsen, und mein Gastfreund erklärte dem Vater alles. Matilde war an der Seite meiner Mutter, Klotilde und Natalie