1857_Stifter_158_274.txt

"Ihr wisst es ja doch", erwiderte sie, indem sie mich freundlich ansah.

Das Gespräch dauerte nun allgemeiner über denselben Gegenstand fort.

Die zwei Frauen konnten sich kaum genug betrachten und nahmen sich immer wieder bei den Händen.

Als man endlich auf andere Gegenstände übergegangen war und über die Reise und ihre Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten gesprochen hatte, sagte mein Vater, dass wir noch sämtlich in Reisekleidern seien, dass wir uns verabschieden müssten, und er fragte, wann er die Ehre haben könnte, sich Matilden wieder vorstellen zu dürfen.

"Nicht Vorstellung," erwiderte sie, "Besuch, wann Ihr immer wollt."

"Also in zwei Stunden", entgegnete mein Vater.

Wir gingen in unsere Zimmer, und mein Vater wies uns an, uns in Festkleider zu kleiden. Nach zwei Stunden ging er allein mit der Mutter, beide wie an einem hohen Festtage geschmückt, zu Matilden, welche sie zu sprechen verlangten. Matilde empfing sie in dem grossen Gesellschaftszimmer, und mein Vater warb um die Hand Nataliens für mich.

Nach wenigen Augenblicken wurden Natalie, Klotilde und ich hineingerufen, und Matilde sagte: "Der Herr und die Frau Drendorf haben für ihren Sohn Heinrich um deine Hand geworben, Natalie."

Natalie, welche in einem so festlichen Kleide da stand, wie ich sie nie gesehen hatte, weshalb sie mir beinahe fremd erschien, blickte mich mit Tränen in den Augen an. Ich ging auf sie zu, fasste sie an der Hand, führte sie vor ihre Mutter, und wir sprachen einige Worte des Dankes. Sie entgegnete sehr freundlich. Dann gingen wir zu meinen Eltern und dankten ihnen gleichfalls, die gleichfalls freundlich antworteten, Klotilde war in ihrem Festanzuge sehr befangen, was auch fast bei allen andern der Fall war. Mein Vater löste die Stimmung, indem er zu einem Tische schritt, auf welchen er ein Kästchen niedergestellt hatte. Er nahm das Kästchen, näherte sich Natalien und sagte: "Liebe Braut und künftige Tochter, hier bringe ich ein kleines Geschenk; aber es ist eine Bedingung daran geknüpft. Ihr seht, dass ein Faden um das Schloss liegt, und dass der Faden ein Siegel trägt. Schneidet den Faden nicht eher ab als nach Eurer Vermählung. Den Grund meiner Bitte werdet Ihr dann auch sehen. Wollt Ihr sie freundlich erfüllen?"

"Ich danke für Eure Güte innig," antwortete Natalie, "und ich werde die Bedingung erfüllen."

Sie empfing das Kästchen aus der Hand des Vaters. Auch die Mutter und Klotilde gaben ihr Geschenke, so wie Matilde und Natalie Gegenstände aus den benachbarten Zimmern herbeiholten, um die Mutter, Klotilden und den Vater zu beschenken. Natalie und ich gaben uns nichts. Dann setzten wir uns um einen Tisch nieder, und es begannen herzliche gespräche. Am Schlusse sagte Matilde. "So wäre denn der Bund, den die Herzen unserer Kinder geschlossen haben, auch durch die Beistimmung der Eltern bekräftigt. Der Tag der ewigen Verbindung mag nach ihrem Wunsche und unserer Meinung festgesetzt werden. Wir wollen darüber jetzt nicht sprechen, sondern es der Beratung und Vereinbarung anheimgeben."

Nach diesen Worten trennten wir uns und begaben uns in unsere Zimmer.

Die festlichen Kleider wurden nun abgelegt, und es begann das Besuchsleben, wie es in ähnlichen Verhältnissen, und namentlich, wenn man in so nahe Beziehungen getreten ist, der Fall zu sein pflegt. Matilde führte nach und nach den Vater und die Mutter in alle Teile des Schlosses, des Gartens, des Meierhofes, der Felder, der Wiesen und der Wälder. Sie zeigte ihnen alle Zimmer des Hauses: ihre Wohnzimmer, die Zimmer mit den alten Geräten, sie zeigte ihnen die Bilder und was sich nur immer in dem schloss befand. Sie ging mit ihnen in den Garten: zu den Linden, zu allen Obstbäumen, zu den Blumenbeeten, in die Grotte mit der Brunnennymphe, auf die Eppichwand und in jede Anlage, die in dem Garten entalten war. Ebenso wurde alles, was sich auf die Landwirtschaft bezog, auf das genaueste durchgenommen. Gegen den Abend, wenn die Sonnenstrahlen milde auf die blühende Erde leuchteten, wurde ein gemeinschaftlicher gang durch irgend einen teil der Gegend gemacht. Wiederholt gingen wir die ganze Länge des Berührweges durch, und die Eltern fanden Gefallen an dieser Bahn, die eine freie und rüstige Bewegung in trüben Tagen so wie im Winter auf eine angenehme Weise gestatte. Der Vater konnte über alles der Freude und des Lobes kein Ende finden. Matilde und die Mutter sprachen oft lange und immer sehr freundlich mit einander, sie tauschten wahrscheinlich ihre Ansichten über Häuslichkeit und Verwaltung des Zugehörigen aus. Natalie und Klotilde waren fast unzertrennlich, sie schlossen sich an einander an, bezeigten sich jede Innigkeit, und oft, wenn wir alle in das Schloss zurückgekehrt waren, gingen sie noch auf einem einsamen Wege des Gartens oder auf einem Pfade des nächstgelegenen Feldes herum.

"Siehst du, Klotilde," sagte ich, "ich konnte dir kein Bild von Natalien bringen, weil keins da war, jetzt hast du sie selber."

"Um wie viel lieber als jedes Bild," antwortete sie, "aber ein Bild muss doch ausgeführt werden, damit man später wisse, wie sie in diesen Jahren ausgesehen habe."

Acht Tage entliess uns Matilde nicht von dem Sternenhofe, und jeder Tag fand seine freundliche Beschäftigung. Am neunten wurden die Anstalten gemacht, dass wir alle in das Rosenhaus abreisen konnten.