. Matilde nimmt Anteil an jeder meiner Bestrebungen. Sie geht mit mir in den Räumen meines Hauses herum, ist mit mir in dem Garten, betrachtet die Blumen oder Gemüse, ist in dem Meierhofe und schaut seine Erträgnisse an, geht in das Schreinerhaus und betrachtet, was wir machen, und sie beteiligt sich an unserer Kunst und selbst an unsern wissenschaftlichen Bestrebungen. Ich sehe in ihrem haus nach, betrachte die Dinge im schloss, im Meierhofe, auf den Feldern, nehme teil an ihren Wünschen und Meinungen, und schloss die Erziehung und die Zukunft ihrer Kinder in mein Herz. So leben wir in Glück und Stettigkeit gleichsam einen Nachsommer ohne vorhergegangenen Sommer. Meine Sammlungen vervollständigen sich, die Baulichkeiten runden sich immer mehr, ich habe Menschen an mich gezogen, ich habe hier mehr gelernt als sonst in meinem ganzen Leben, die Spielereien gehen ihren gang, und etwas Weniges nütze ich doch auch noch."
Er schwieg nach diesen Worten eine Weile, und ich auch. Dann fuhr er wieder fort: "Ich habe das alles mitteilen müssen, damit Ihr wisst, wie ich mit der Familie in dem Sternenhofe zusammenhänge, und damit in dem Kreise, in welchen Ihr nun auch tretet, für Euch klarheit ist. Die Kinder wissen die Verhältnisse im allgemeinen, ein näheres Eingehen war für sie nicht so nötig wie für Euch. Ich wünsche nicht, dass Ihr gegen Eure künftige Gattin Geheimnisse habt, Ihr könnt Natalien mitteilen, was ich Euch sagte, ich konnte es, wie Ihr begreifet, nicht. Über Nataliens Zukunft sprach ich oft mit Matilden. Sie sollte einen Gatten bekommen, den sie aus tiefer Neigung nimmt. Es sollte die gegenseitige grösste Hochachtung vorhanden sein. Durch beides sollte sie das Glück finden, das ihre Mutter und ihren väterlichen Freund gemieden hat. Matilde hat in Begleitung des alten Raimund, der seitdem gestorben ist, grosse Reisen gemacht. Sie hat auf denselben dauerndere Ruhe gesucht, und auch gefunden. Sie hat sie in der Betrachtung der edelsten Kunstwerke des menschlichen Geschlechtes und in der Anschauung mancher Völker und ihres Treibens gefunden. Natalie ist dadurch befestigt, veredelt und geglättet worden. Manche junge Männer hat sie kennen gelernt, aber sie hat nie ein Zeichen einer Neigung gegeben. Sogenannte sehr glänzende Verbindungen sind auf diese Weise für sie verloren gegangen. Ich hätte auch grosse sorge gehabt, wenn ich unter unseren jungen Männern hätte wählen müssen. Als Ihr zum ersten Male an dem Gitter meines Hauses standet, und ich Euch sah, dachte ich: 'das ist vielleicht der Gatte für Natalien.' Warum ich es dachte, weiss ich nicht. Später dachte ich es wieder, wusste aber warum. Natalie sah Euch, und liebte Euch, so wie Ihr sie. Wir kannten das Keimen der gegenseitigen Neigung. Bei Natalien trat sie anfangs in einem höheren Schwunge ihres ganzen Wesens, später in einer etwas schmerzlichen Unruhe auf. In Euch erschloss sie Euer Herz zu einer früheren Blüte der Kunst und zu einem Eingehen in die tieferen Schätze der Wissenschaft. Wir warteten auf die Entwicklung. Zu grösserer Sicherheit und zur Erprüfung der Dauer ihrer Gefühle brachten wir absichtlich Natalien zwei Winter nicht in die Stadt, dass sie von Euch getrennt sei, ja sie wurde von ihrer Mutter wieder auf grössere Reisen und in grössere Gesellschaften gebracht. Ihre Gefühle aber blieben beständig, und die Entwicklung trat ein. Wir geben Euch mit Freuden das Mädchen in Eure Liebe und in Euren Schutz, Ihr werdet sie beglücken, und sie Euch; denn Ihr werdet Euch nicht ändern, und sie wird sich auch nicht ändern. Gustav wird einmal den Sternenhof, und was dazu gehört, erhalten; denn das Haus ist Matilden so lieb geworden, dass sie wünscht, dass es ein Eigentum ihrer Familie bleibe, und dass die kommenden Geschlechter das ehren, was die erste Besitzerin darin niedergelegt hat. Gustav wird es tun, das wissen wir schon, und seinen Nachfolgern die gleiche Gesinnung einzupflanzen, wird wohl auch sein Bestreben sein. Natalie erhält von mir den Asperhof mit allem, was in ihm ist, nebst meinen Barschaften. Ihr werdet mein Andenken hier nicht verunehren."
Mir traten die Tränen in die Augen, da er so sprach, und ich reichte ihm meine Hand hinüber. Er nahm sie und drückte sie herzlich.
"Ihr könnt hier auf dem Asperhofe wohnen, oder in dem Sternenhofe, oder bei Euren Eltern. Überall wird Platz für Euch zu machen sein. Ihr könnt auch Euern Aufentalt abwechselnd zwischen uns teilen, und das wird wohl wahrscheinlich der Fall sein, bis sich alle unsere Verhältnisse dem neuen Ereignisse gemäss gerichtet haben. Die Schriften bezüglich der Übertragung meines Vermögens an Natalien werden ihr nach der Vermählung eingehändigt werden. So lange ich lebe, erhält sie einen teil, den Rest nach meinem tod. Wie Ihr mit dem, was sie jetzt empfängt, gebaren sollt, darüber wird Euer Vater die beste Belehrung geben können. Er wird wohl mit mir auch darüber sprechen. Natalie erhält auch nach ihrer Vermählung den teil, der ihr aus dem Nachlasse ihres Vaters Tarona gebührt."
"Ist Nataliens Name Tarona?" fragte ich.
"Habt Ihr das nicht gewusst?" fragte er seinerseits.
"Ich habe Matilden immer die Frau von Sternenhof nennen gehört," antwortete ich, "bin mit Matilden und Natalien nirgends zusammen gewesen als im Sternenhofe, Asperhofe und Inghofe, und da wurden beide stets bei ihrem Vornamen genannt. Weitere Forschungen stellte ich