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aber ich hätte eine grössere Gabe hinzulegen können. Da ich in meinem mässigen Leben beinahe nichts brauchte, so hatte ich, besonders da ich einmal in höherer Stellung war, bedeutende Ersparungen gemacht. Diese legte ich in den damaligen Staatspapieren nieder, und da dieselben nach Beendigung des Krieges ansehnlich stiegen, so war ich beinahe ein reicher Mann. Wir lebten zwei Jahre in dieser Ehe, und in dieser wusste ich, was ich vor der Schliessung derselben nicht gewusst hatte, dass nämlich keine ohne Neigung eingegangen werden soll. Wir lebten in Eintracht, wir lebten in hoher Verehrung der gegenseitigen guten Eigenschaften, wir lebten in wechselweisem Vertrauen und in wechselweiser Aufmerksamkeit, man nannte unsere Ehe musterhaft; aber wir lebten bloss ohne Unglück. Zu dem Glücke gehört mehr als Verneinendes, es ist der Inbegriff der Holdseligkeit des Wesens eines andern, zu dem alle unsre Kräfte einzig und fröhlich hinziehn. Als Julie nach zwei Jahren gestorben war, betrauerte ich sie redlich; aber Matildens Bild war unberührt in meinem Herzen stehen geblieben. Ich war jetzt wieder allein. Zur Schliessung einer neuen Ehe war ich nicht mehr zu bewegen. Ich wusste jetzt, was ich vorher nicht gewusst hatte. Liebe und Neigung, dachte ich, ist ein Ding, das seinen Zug an meinem Herzen vorüber genommen hatte.

Ein Jahr nach dem tod Juliens starb mein Oheim und setzte mich zu dem Erben seines beträchtlichen Vermögens ein.

Meine Geschäfte wurden mir indessen von Tag zu Tag schwerer. So wie ich in früheren zeiten schon gedacht hatte, dass der Staatsdienst meiner Eigenheit nicht entspreche, und dass ich besser täte, wenn ich ihn verliesse: so wuchs dieser Gedanke bei genauerem Nachdenken und schärferem Selbstbeobachten zu immer grösserer Gewissheit, und ich beschloss, meine Ämter niederzulegen. Meine Freunde suchten mich daran zu verhindern, und mancher, den ich als feste Säule des Staates kennen zu lernen gelegenheit gehabt, und mit dem ich in schwierigen zeiten manche harte Amtsstunde durchgemacht hatte, sagte eindringlich, dass ich meine Tätigkeit nicht einstellen sollte. Aber ich blieb unerschüttert. Ich zeigte meinen Austritt an. Der Kaiser nahm ihn wohlwollend und mit übersendeten Ehren an. Ich hatte die Absicht, mir für die letzten Tage meines Lebens einen Landsitz zu gründen, und dort einigen wissenschaftlichen arbeiten, einigem Genusse der Kunst, so weit ich dazu fähig wäre, der Bewirtschaftung meiner Felder und Gärten und hie und da einer gemeinnützigen Massregel für die Umgebung zu leben. Manches Mal könnte ich in die Stadt gehen, um meine alten Freunde zu besuchen, und zuweilen könnte ich eine Reise in die entfernteren Länder unternehmen. Ich ging in meine Heimat. Dort fand ich meinen Schwager schon seit vier Jahren gestorben, das Haus in fremden Händen und völlig umgebaut. Ich reiste bald wieder ab. Nach mehreren missglückten Versuchen fand ich diesen Platz, auf dem ich jetzt lebe, und setzte mich hier fest. Ich kaufte den Asperhof, baute das Haus auf dem Hügel, und gab nach und nach der Besitzung die Gestalt, in der Ihr sie jetzt sehet. Mir hatte das Land gefallen, mir hatte diese reizende Stelle gefallen, ich kaufte noch mehrere Wiesen, Wälder und Felder hinzu, besuchte alle Teile der Umgebung, gewann meine Beschäftigung lieb, und machte mehrere Reisen in die bedeutendsten Länder Europas. So bleichten sich meine Haare, und Freude und Behagen schien sich bei mir einstellen zu wollen.

Als ich schon ziemlich lange hier gewesen war, meldete man mir eines Tages, dass eine Frau den Hügel herangefahren sei, und dass sie jetzt mit einem Knaben vor den Rosen, die sich an den Wänden des Hauses befinden, stehe. Ich ging hinaus, sah den Wagen, und sah auch die Frau mit dem Knaben vor den Rosen stehen. Ich ging auf sie zu. Matilde war es, die, einen Knaben an der Hand haltend und von strömenden Tränen überflutet, die Rosen ansah. Ihr Angesicht war gealtert, und ihre Gestalt war die einer Frau mit zunehmenden Jahren.

'Gustav, Gustav', rief sie, da sie mich angeblickt hatte, 'ich kann dich nicht anders nennen als du. Ich bin gekommen, dich des schweren Unrechtes willen, das ich dir zugefügt habe, um Vergebung zu bitten. Nimm mich einen Augenblick in dein Haus auf.'

'Matilde', sagte ich, 'sei gegrüsst, sei auf diesem Boden, sei tausend Mal gegrüsst, und halte dieses Haus für deines.'

Ich war mit diesen Worten zu ihr hinzugetreten, hatte ihre Hand gefasst, und hatte sie auf den Mund geküsst.

Sie liess meine Hand nicht los, drückte sie stark, und ihr Schluchzen wurde so heftig, dass ich meinte, ihre mir noch immer so teuere Brust müsse zerspringen.

'Matilde', sagte ich sanft, 'erhole dich.' 'Führe mich in das Haus', sprach sie leise. Ich rief erst durch mein Glöckchen, welches ich immer bei mir trage, meinen Hausverwalter herzu und befahl ihm, Wagen und Pferde unterzubringen. Dann fasste ich Matildens Arm und führte sie in das Haus. Als wir in dem Speisezimmer angelangt waren, sagte ich zu dem Knaben: 'Setze dich hier nieder und warte, bis ich mit deiner Mutter gesprochen und die Tränen, die ihr jetzt so weh tun, gemildert habe.'

Der Knabe sah mich traulich an, und gehorchte. Ich führte Matilde in das Wartezimmer und bot ihr einen Sitz an. Als sie sich in die