meinem Treiben und gab mir die Hand. Meine Hoffnungen waren düsterer, als es die dieser zwei Menschen zu sein schienen. Matildens Glauben an mich war erschüttert. Da ich meine Absicht, morgen abreisen zu wollen, erklärt hatte, und man nichts mehr dagegen einwendete, was man anfangs tat, rief ich Alfred und sagte ihm, dass ich nicht etwa eine grössere Reise vor habe, wie er glauben mochte, sondern dass ich auf lange, vielleicht auf immer dieses Haus verlasse. Es seien Umstände eingetreten, die dies notwendig machten. Er fiel mir mit Schluchzen um den Hals, ich konnte ihn gar nicht besänftigen, ja ich weinte beinahe selber laut. Er wurde später zu beiden Eltern, die in der Schreibstube des Vaters waren, geholt, damit sie ihn beruhigten. Sein Schlafzimmer war heute unter der Aufsicht eines Dieners ein anderes. Als er in dasselbe gebracht worden war, ging ich zu den Eltern und sagte ihnen den Dank für alles Gute, das ich in ihrem haus genossen habe. Sie dankten mir auch und liessen mich Hoffnungen erblicken. Es ward verabredet, dass ich mit den Pferden des Hauses auf die nächste Post gebracht werden solle. Matilde erschien nicht zum Abendessen.
Am nächsten Morgen wurde der Wagen bepackt. Ich machte mich reisefertig. Es war mir erlaubt worden, von Matilden Abschied nehmen zu dürfen. Sie weigerte sich aber, mich zu sehen. Ich ging daher in meine wohnung, reichte dem alten Raimund die Hand und sagte: 'Lebe wohl, Raimund.'
'Lebt recht wohl, junger Herr', antwortete er, 'und seid recht glücklich.'
'Du weisst nicht, Raimund!'
'Ich weiss, ich weiss, junger Herr – es kann ja werden.' 'Lebe wohl.'
Ich ging nun die Treppe hinab, er begleitete mich. Unten bei dem Wagen stand der Herr und die Frau des Hauses und mehrere von den Dienstleuten. Auch vom Meierhofe waren Leute herbei gekommen. Alfred, der spät entschlummert war, schlief noch; die Besitzer des Hauses nahmen auf eine auszeichnende Weise von mir Abschied, die Umstehenden beurlaubten sich auch, wünschten mir Glück und eine fröhliche Wiederkehr. Ich bestieg den Wagen und fuhr von Heinbach dahin.
Der Besitzer dieses Hauses hatte mir einmal gesagt: 'Vielleicht verlasset Ihr einst unser Haus nicht mit Rene und Schmerz.'
Ich verliess es nicht mit Rene, aber mit Schmerz.
Er hatte auch die Vermutung ausgesprochen, dass mir etwa auch seine Familie unvergesslich bleiben dürfte. Sie blieb mir unvergesslich.
Ich verabschiedete auf der Post den Wagen aus Heinbach, das letzte Merkmal aus diesem Orte, und liess mich nach der Stadt einschreiben, wo ich so lange gewesen war, wo ich meine Lernzeit vollendet hatte, von wo ich nach Heinbach gegangen war, und wo sich das Haus von Matildens Eltern befand. Ich blieb aber nicht in der Stadt.
In der Nähe meiner Heimat ist im wald eine Felskuppe, von welcher man sehr weit sieht. Sie geht mit ihrem nördlichen rücken sanft ab und trägt auf ihm sehr dunkle Tannen. Gegen Süden stürzt sie steil ab, ist hoch und geklüftet, und sieht auf einen dünnbestandenen Wald, zwischen dessen Stämmen Weidegrund ist. Jenseits des Waldes erblickt man Wiesen und Feld, weiter ein blauliches Moor, dann ein dunkelblaues Waldband, und über diesem die fernen Hochgebirge. Ich ging von der Stadt in meine Heimat und von der Heimat auf diese Felskuppe. Ich sass auf ihr und weinte bitterlich. Jetzt war ich verödet, wie ich früher nie verödet gewesen war. Ich sah in das dunkle Innere der Schlünde und fragte, ob ich mich hinabwerfen solle. Das Bild meiner verstorbenen Mutter mischte sich in diese unklare schauerliche Vorstellung und wurde mir ein liebes, an das ich denken musste. Ich ging täglich auf diese Kuppe, und blieb oft mehrere Stunden auf ihr sitzen. Ich weiss nicht, warum ich sie suchte. In meiner Jugend war ich oft auf ihr, und wir machten uns das Vergnügen, Steine ziemlicher Grösse von ihr hinab zu werfen, um den Steinstaub aufwirbeln zu sehen, wenn der geworfene auf Klippen stiess, und um sein Gepolter in den Klippen und sein Rasseln in dem am fuss des Felsens befindlichen Gerölle zu hören. Von dieser Kuppe war kein Einblick in jene Länder, in denen Matildens wohnung lag, man sah nicht einmal Gebirgszüge, die an sie grenzten. Ich ging auch nach und nach in anderen Teilen der Umgebung meines Heimatortes herum. Mein Schwager war ein sanfter und stiller Mann, und wir sprachen in meinem Geburtshause oft einen ganzen Tag hindurch nicht mehr als einige Worte.
Als eine geraume Zeit vergangen war, dachte ich auf meine Abreise und auf meine Berufsarbeiten, die ich schon so lange vergessen hatte, und auf die ich, in dem haus in Heinbach befangen, vielleicht noch länger nicht gedacht haben würde.
Ich ging wieder in die Stadt, in der ich meine Habe gelassen hatte, und widmete mich ernstlich der Laufbahn, zu welcher ich eigentlich die Vorbereitungsschulen besucht hatte. Ich meldete mich zum Staatsdienste, wurde eingereiht, und arbeitete jetzt sehr fleissig in dem Bereiche der unteren Stellen, in welchem ich war. Ich lebte noch zurückgezogener als sonst. Mein kleiner Gehalt und das Erträgnis meines Ersparten reichten hin, meine Bedürfnisse zu decken. Ich wohnte in einem Teile der Vorstadt, welcher von dem haus der Eltern Matildens sehr weit entfernt war. Im Winter ging ich fast nirgends