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deutlich, dass ausser den gewöhnlichen Gartenvögeln auch solche da waren, die mir sonst nur von tiefen und weit abgelegenen Wäldern bekannt waren. Sie erschienen gar nicht so scheu, als ich mit allem Rechte vermuten musste. Sie trauten ihm vollkommen. Er stand wieder barhäuptig da, so dass es mir schien, dass er diese Sitte liebe, da er auch gestern auf dem Spaziergange seine so leichte Kopfbedekkung eingesteckt hatte. Seine Gestalt war vorgebeugt, und die schlichten, aber vollen weissen Haare hingen an seinen Schläfen herab. Sein Anzug war auch heute wieder sonderbar. Er hatte wie gestern eine Art Jacke an, die fast bis auf die Knie hinab reichte. Sie war weisslich, hatte jedoch über die Brust und den rücken hinab einen rötlichbraunen Streifen, der fast einen halben Fuss breit war, als wäre die Jacke aus zwei Stoffen verfertigt worden, einem weissen und einem roten. Beide Stoffe aber zeigten ein hohes Alter; denn das Weiss war gelblich braun und das Rot zu Purpurbraun geworden. Unter der Jacke sah eine unscheinbare Fussbekleidung hervor, die mit Schnallenschuhen endete.

Ich blieb hinter seinem rücken in ziemlicher Entfernung stehen, um ihn nicht zu stören und die Vögel nicht zu verscheuchen.

Als er aber seinen Korb geleert hatte und seine Gäste fortgeflogen waren, trat ich näher. Er hatte sich eben umgewendet, um zurückzugehen, und da er mich erblickte, sagte er: "Seid Ihr schon ausgegangen? Ich hoffe, dass Ihr gut geschlafen habt."

"Ja, ich habe sehr gut geschlafen," erwiderte ich, "ich habe noch den Wind gehört, der sich gestern abends erhoben hat, was weiter geschehen ist, weiss ich nicht; aber das weiss ich, dass heute die Erde trokken ist, und dass Ihr recht gehabt habet."

"Ich glaube, dass nicht ein Tropfen auf diese Gegend vom Himmel gefallen ist", antwortete er.

"Wie das Aussehen der Erde zeigt, glaube ich es auch", erwiderte ich; "aber nun müsst Ihr mir auch wenigstens zum Teile sagen: woher Ihr dies so gewiss wissen konntet, und wie Ihr Euch diese Kenntnis erworben habt; denn das müsst Ihr zu gestehen, dass sehr viele Zeichen gegen Euch waren."

"Ich will Euch etwas sagen," antwortete er, "die Darlegung der Sache, die Ihr da verlangt, dürfte etwas lang werden, da ich sie Euch, der sich mit Wissenschaften beschäftigt, doch nicht oberflächlich geben kann; versprecht mir, den heutigen Tag und die Nacht noch bei uns zuzubringen, da kann ich Euch nicht nur dieses sagen, sondern noch vieles andere, Ihr könnt Verschiedenes anschauen, und Ihr könnt mir von Eurer Wissenschaft erzählen."

Dieses offen und freundlich gemachte Anerbieten konnte ich nicht ausschlagen, auch erlaubte mir meine Zeit recht gut, nicht nur einen, sondern mehrere Tage zu einer Nebenbeschäftigung zu verwenden. Ich gebrauchte daher die gewöhnliche Redeweise von Nichtlästigfallenwollen, und sagte unter dieser Bedingung zu.

"Nun so geht mit mir zuerst zu einem Frühmahle, das ich mit Euch teilen will," sagte er, "der Herr Pfarrer von Rohrberg hat uns schon vor Tagesanbruch verlassen, um zu rechter Zeit in seiner Kirche zu sein, und Gustav ist bereits zu seiner Arbeit gegangen."

Mit diesen Worten wendeten wir uns auf den Rückweg zu dem haus. Als wir dort angekommen waren, gab er das, was ich anfangs für einen Korbdeckel gehalten hatte, was aber ein eigens geflochtenes, sehr flaches und längliches Fütterungskörbchen war, einer Magd, dass sie es auf seinen Platz lege, und wir gingen in das Speisezimmer.

Während des Frühmahles sagte ich: "Ihr habt selbst da von gesprochen, dass ich hier Verschiedenes anschauen könne, wäre es denn zu unbescheiden, wenn ich bäte, von dem haus und dessen Umgebung manches näher be sehen zu dürfen? Es ist eine der lieblichsten Lagen, in der dieses Anwesen liegt, und ich habe bereits so vieles davon gesehen, was meine Aufmerksamkeit aufregte, dass der Wunsch natürlich ist, noch mehreres besehen zu dürfen."

"Wenn es Euch Vergnügen macht, unser Haus und einiges Zubehör zu besehen," antwortete er, "so kann das gleich nach dem Frühmahle geschehen, es wird nicht viele Zeit in Anspruch nehmen, da das Gebäude nicht so gross ist. Es wird sich dann auch das, was wir noch zu reden haben, natürlicher und verständlicher ergeben."

"Ja freilich", sagte ich, "macht es mir Vergnügen."

Wir schritten also nach dem Frühmahle zu diesem Geschäfte.

Er führte mich über die Treppe, auf welcher die weisse Marmorgestalt stand, hinauf. Heute fiel statt des roten zerstreuten Lichtes der Kerzen und der Blitze von der vergangenen Nacht das stille weisse Tageslicht auf sie herab, und machte die Schultern und das Haupt in sanftem Glanze sich erhellen. Nicht nur die Treppe war in diesem Stiegenhause von Marmor, sondern auch die Bekleidung der Seitenwände. Oben schloss gewölbtes Glas, das mit feinem Drahte überspannt war, die Räume. Als wir die Treppe erstiegen hatten, öffnete mein Gastfreund eine Tür, die der gegenüber war, die zu dem Gange der Gastzimmer führte. Die Tür ging in einen grossen Saal. Auf der Schwelle, an der der Tuchstreifen, welcher über die Treppe empor lag, endete, standen wieder Filzschuhe. Da wir jeder ein Paar derselben angezogen hatten, gingen wir in den Saal. Er war eine Sammlung von