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ging wieder zu unserem Wohnhause zurück, und ging auf den Platz, von dem ich Matildens Fenster sehen musste. Sie beugte sich aus einem heraus und suchte mit den Augen. Als sie mich erblickt hatte, fuhr sie zurück. Auch mir war es gewesen da ich die holde Gestalt sah, als hatte mich ein Wetterstrahl getroffen. Ich ging wieder in die Büsche. Es waren Flieder in jener Gegend, die eine Strecke Rasen säumten und in ihrer Mitte eine Bank hatten, um im Schatten ruhen zu können. Zu dieser Bank ging ich immer wieder zurück. Dann ging ich wieder auf ein Fleckchen Rasen und sah gegen die Fenster. Sie beugte sich wieder heraus. Dies taten wir ungezählte Male, bis der Flieder in dem Rot der Abendröte schwamm und die Fenster wie Rubinen glänzten. Es war zauberhaft, ein süsses Geheimnis mit einander zu haben, sich seiner bewusst zu sein und es als Glut im Herzen zu hegen. Ich trug es entzückt in meine wohnung.

Als wir zum Abendessen zusammen kamen, fragte mich Matildens Mutter: 'Warum seid Ihr denn heute, da Ihr mit den Kindern aus dem Garten zurückgekehrt waret, nicht mehr zu mir gegangen?'

Ich vermochte auf diese Frage nicht ein Wort zu antworten; es wurde aber nicht beachtet.

Ich schlief in der ganzen Nacht kaum einige Augenblicke. Ich freute mich schon auf den Morgen, an dem ich sie wieder sehen würde. Wir trafen alle in dem Speisesaale zu dem Frühmahle zusammen. Ein blick, ein leichtes Erröten sagte alles, sie sagten, dass wir uns besassen, und dass wir es wussten. Den ganzen Morgen brachte ich mit Alfred im eifrigen Lernen zu. Gegen Mittag, als Gräser und Laubblätter getrocknet waren, gingen wir in den Garten. Matilde flog mit einem buch, in dem sie eben gelesen hatte, aus dem haus, sie eilte auf uns zu, und wir tauschten den blick der Einigung. Sie sah mich innig an, und ich fühlte, wie meine Empfindung aus meinen Augen strömte. Wir gingen durch den Blumengarten und durch den Gemüsegarten auf den Weinlaubengang zu. Es war, als hätten wir uns verabredet, dortin zu gehen. Matilde und ich sprachen gewöhnliche Dinge, und in den gewöhnlichen Dingen lag ein Sinn, den wir verstanden. Sie gab mir ein Weinblatt, und ich verbarg das Weinblatt an meinem Herzen. Ich reichte ihr ein Blümchen, und sie steckte das Blümchen in ihren Busen. Ich nahm ihr das Papierstreifchen, welches als Merkmal in ihrem buch steckte, und behielt es bei mir. Sie wollte es wieder haben, ich gab es nicht, und sie lächelte und liess es mir. Wir kamen in das Haselgebüsch, durchstreiften es, und traten vor die Rosen des Gartenhauses. Sie nahm einige welke Blätter ab und reinigte dadurch den Zweig.

Ich tat das nämliche mit dem Nachbarzweige. Sie gab mir ein grünes Rosenblatt, ich knickte einen zarten Zweig, was eigentlich nicht erlaubt war, und gab ihr den Zweig. Sie wendete sich einen Augenblick ab, und da sie sich wieder uns zugewandt, hatte sie den Rosenzweig bei sich verborgen. Wir gingen in das Gartenhaus, sie stand an dem Tische und stützte sich mit ihrer Hand auf die Platte desselben. Ich legte meine Hand auch auf die Platte, und nach einigen Augenblicken hatten sich unsere Finger berührt. Sie stand wie eine feurige Flamme da, und mein ganzes Wesen zitterte. Im vorigen Sommer hatte ich ihr oft die Hand gereicht, um ihr über eine schwierige Stelle zu helfen, um sie auf einem schwanken Stege zu stützen, oder sie auf schmalem Pfade zu geleiten. Jetzt fürchteten wir, uns die hände zu geben, und die Berührung war von der grössten wirkung. Es ist nicht zu sagen, woher es kommt, dass vor einem Herzen die Erde, der Himmel, die Sterne, die Sonne, das ganze Weltall verschwindet, und vor dem Herzen eines Wesens, das nur ein Mädchen ist, und das andere noch ein Kind heissen. Aber sie war wie der Stengel einer himmlischen Lilie, zaubervoll, anmutsvoll, unbegreiflich.

Wir gingen wieder in das Haus, und wir gingen, ehe wir zu dem Mittagessen gerufen wurden, zu der Mutter. Bei der Mutter waren wir stiller und wortarmer als gewöhnlich. Matilde suchte sich ein Papierstreifchen und legte es wieder an jener Stelle in das Buch, wo ich ihr das Merkzeichen herausgenommen hatte. Dann setzte sie sich zu dem Klaviere und rief einzelne Töne aus den saiten. Alfred erzählte, was wir in dem Garten getan hatten, und berichtete der Mutter, dass wir verdorrte und unbrauchbare Blätter von den Rosenzweigen, die an den Latten des Gartenhauses angebunden sind, herabgenommen hätten. Hierauf wurden wir zu dem Mittagessen gerufen. Nachmittag war kein Spaziergang. Die Eltern gingen nicht, und ich schlug Alfred und Matilden keinen vor. Ich nahm ein Buch eines Lieblingsdichters, las sehr lange, und feurige Tränen wie heisse Tropfen kamen öfter in meine Augen. Später sass ich auf der Bank in dem Fliedergebüsche und schaute zuweilen durch die Zweige auf die wohnung Matildens. Dort stand manches Mal das Mädchen, das so schön wie ein Engel war, an dem Fenster. Gegen den Abend spielte Matilde in dem Zimmer der Mutter auf dem Klaviere sehr ernst, sehr schön und sehr ergreifend. Dann nahm sie noch die Ziter, und spielte auf derselben ebenfalls. Die saiten mussten sie so ergriffen haben, dass sie nicht aufhören konnte