von dem eine gleiche Marmortreppe emporführte. Wir durften die Filzschuhe nicht anziehen, weil jetzt über den gang und die Treppe ein Tuchstreifen lag, auf dem wir gingen. In der Mitte der Treppe, wo sie einen Absatz machte, gleichsam einen erweiterten Platz oder eine Stiegenhalle, stand eine Gestalt aus weissem Marmor auf einem Gestelle. Durch ein paar Blitze, die eben jetzt fielen und das Haupt und die Schultern der Marmorgestalt noch röter beschienen, als es unsere Kerzen konnten, ersah ich, dass der Platz und die Treppe von oben herab durch eine Glasbedeckung ihre Beleuchtung empfangen mussten.
Als wir an das Ende der Treppe gelangt waren, wendete sich der Hauswirt mit uns durch eine Tür links, und wir befanden uns in jenem Gange, in welchem mein Zimmer lag. Es war der gang der Gastzimmer, wie ich nun zu erkennen vermeinte. Unser Gastfreund bezeichnete eines als das des Pfarrers, und führte mich zu dem meinigen. Als wir in dasselbe getreten waren, fragte er mich, ob ich zu meiner Bequemlichkeit noch etwas wünsche, besonders ob mir Bücher aus seinem Bücherzimmer genehm wären. Als ich sagte, dass ich keinen Wunsch habe und bis zum Schlafen schon Beschäftigung finden würde, antwortete er: "Ihr seid in Eurem Gemache und in Eurem Rechte. Schlummert denn recht wohl." "Ich wünsche Euch auch eine gute Nacht," erwiderte ich, "und sage Euch Dank für die Mühe, die Ihr heute mit mir gehabt habet." "Es war keine Mühe," antwortete er, "denn sonst hätte ich sie mir ja ersparen können, wenn ich Euch gar nicht zu Nacht geladen hätte." "So ist es", antwortete ich. "Erlaubt", sagte er, indem er ein kleines Wachskerzchen hervorzog und an meinem Lichte anzündete. Nachdem er dieses Geschäft vollbracht hatte, verbeugte er sich, was ich erwiderte, und ging auf den gang hinaus. Ich schloss hinter ihm die Tür, legte meinen Rock ab und lüftete mein Halstuch, weil, obgleich es schon spät war, die ruhige Nacht noch immer eine grosse Hitze und Schwüle in sich hegte. Ich ging einige Male in dem Zimmer hin und her, trat dann an ein Fenster, lehnte mich hinaus, und betrachtete den Himmel. So viel die Dunkelheit und die noch immer hell leuchtenden Blitze erkennen liessen, war die Gestalt der Dinge dieselbe, wie sie am Abend vor dem speisen gewesen war. Wolkentrümmer standen an dem Himmel, und, wie die Sterne zeigten, waren zwischen ihnen reine Stellen. Zu zeiten fuhr ein Blitz aus ihnen über den Getreidehügel und die Wipfel der unbewegten Bäume, und der Donner rollte ihm nach.
Als ich eine Weile die freie Luft genossen hatte, schloss ich mein Fenster, schloss auch das andere, und begab mich zur Ruhe.
Nachdem ich noch eine Zeit lang, wie es meine Gewohnheit war, in dem Bette gelesen und mitunter sogar mit Bleifeder etwas in meine Schriften geschrieben hatte, löschte ich das Licht aus, und richtete mich zum Schlafen.
Ehe der Schlummer völlig meine Sinne umfing, hörte ich noch, wie sich draussen ein Wind erhob und die Wipfel der Bäume zu starkem Rauschen bewegte. Ich hatte aber nicht mehr genug Kraft, mich zu ermannen, sondern entschlief gleich darauf völlig.
Ich schlief recht ruhig und fest.
Als ich erwachte, war mein erstes, zu sehen, ob es geregnet habe. Ich sprang aus dem Bette und riss die Fenster auf. Die Sonne war bereits aufgegangen, der ganze Himmel war heiter, kein Lüftchen rührte sich, aus dem Garten tönte das Schmettern der Vogel, die Rosen dufteten, und die Erde zu meinen Füssen war vollkommen trocken. Nur der Sand war ein wenig gegen das Grün des begrenzenden Rasens gefegt worden, und ein Mann war beschäftigt, ihn wieder zu ebnen und in ein gehöriges Gleichgewicht zu bringen.
Also hatte mein Gegner recht gehabt, und ich war begierig, zu erfahren, aus welchen Gründen er seine Gewissheit, die er so sicher gegen mich behauptet hatte, geschöpft, und wie er diese Gründe entdeckt und erforscht habe.
Um das recht bald zu erfahren und meine Abreise nicht so lange zu verzögern, beschloss ich, mich anzukleiden und meinen Gasterrn ungesäumt aufzusuchen.
Als ich mit meinem Anzuge fertig war und mich in das Speisezimmer hinab begeben hatte, fand ich dort eine Magd mit den Vorbereitungen zu dem Frühmahle beschäftigt, und fragte nach dem Herrn.
"Er ist in dem Garten auf der Fütterungstenne", sagte sie.
"Und wo ist die Fütterungstenne, wie du es nennst?" fragte ich.
"Gleich hinter dem haus und nicht weit von den Glashäusern", erwiderte sie.
Ich ging hinaus und schlug die Richtung gegen das Gewächshaus ein.
Vor demselben fand ich meinen Gastfreund auf einem Sandplatze. Es war derselbe Platz, von dem aus ich schon gestern das Gewächshaus mit seiner schmalen Seite und dem kleinen Schornsteine gesehen hatte. Diese Seite war mit Rosen bekleidet, dass das Haus wie ein zweites, kleines Rosenhäuschen hervor sah. Mein Gastfreund war in einer seltsamen Beschäftigung begriffen. Eine Unzahl Vögel befand sich vor ihm auf dem Sande. Er hatte eine Art von länglichem geflochtenem Korbdeckel in der Hand und streuete aus demselben Futter unter die Vögel. Er schien sich daran zu ergötzen, wie sie pickten, sich überkletterten, überstürzten und kollerten, wie die gesättigten davon flogen und wieder neue herbei schwirrten. Ich erkannte es nun