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denen ein aus unzähligen Steinen bestehender Quarz angehäuft ist, und mit dem Gerölle und mit dem Trümmerwerke, das überall ausgesät ist, der dörrenden Sonne entgegenschaut. So war Rolands Boden, so bedeckte er die ungeheure Fläche, und so war er in sehr grossen und einfachen Abteilungen gehalten, und über ihm waren Wolken, welche einzeln und vielzählig schimmernd und Schatten werfend in einem Himmel standen, welcher tief und heiss und südlich war.

Wir standen eine Weile vor dem Bilde und betrachteten es. Roland stand hinter uns, und da ich mich einmal wendete, sah ich, dass er die Leinwand mit glänzenden Augen betrachte. Wir sprachen wenig oder beinahe nichts.

"Er hat sich die Aufgabe eines Gegenstandes gestellt, den er noch nicht gesehen hat," sagte mein Gastfreund, "er hält sich ihn nur in seiner Einbildungskraft vor Augen. Wir werden sehen, wie weit er gelingt. Ich habe wohl solche Dinge oder vielmehr ihnen Ähnliches weit unten im Süden gesehen."

"Ich bin nicht auf irgend etwas Besonderes ausgegangen," antwortete Roland, "sondern habe nur so Gestaltungen, wie sie sich in dem Gemüte finden, entfaltet. Ich will auch Versuche in Ölfarben machen, welche mich immer mehr gereizt haben als meine Wasserfarben, und in denen sich Gewaltiges und Feuriges darstellen lassen muss."

Ich bemerkte, als ich seine Geräte näher betrachtete, dass er Pinsel mit ungewöhnlich langen Stielen habe, dass er also sehr aus der Ferne arbeiten müsse, was bei einer so grossen Leinwandfläche wohl auch nicht anders sein kann, und was ich auch aus der Behandlung ersah. Seine Pinsel waren ziemlich gross, und ich sah auch lange, feine Stäbe, an deren Spitzen Zeichnungskohlen angebunden waren, mit welchen er entworfen haben musste. Die Farben waren in starken Mengen auf der Palette vorhanden.

"Der Herr dieses Hauses ist so gütig," sagte Roland, "und lässt mich hier wirtschaften, während ich verbunden wäre, Zeichnungen zu machen, welche wir eben brauchen, und während ich an Entwürfen arbeiten sollte, die zu den Dingen notwendig sind, die eben ausgeführt werden."

"Das wird sich alles finden," antwortete mein Gastfreund, "Ihr habt mir schon Entwürfe gemacht, die mir gefallen. Arbeitet und wählt nach Eurem Gutdünken, Euer Geist wird Euch schon leiten."

Um Roland, der hier vor seinem Werke stand, und dessen ganze Umgebung, wie sie in dem Zimmer ausgebreitet war, auf Ausführung dieses Werkes hinzielte, nicht länger zu stören, da die Wintertage ohnehin so kurz waren, entfernten wir uns.

Da wir den gang entlang gingen, sagte mein Gastfreund "Er sollte reisen."

Als es dunkel geworden war, versammelten wir uns in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes bei dem wohlgeheizten Ofen. Es war Eustach, Roland, Gustav und ich zugegen. Es wurde von den verschiedensten Dingen gesprochen, am meisten aber von der Kunst und von den Gegenständen, welche eben in der Ausführung begriffen waren. Es mochte wohl vieles vorkommen, was Gustav nicht verstand, er sprach auch sehr wenig mit; aber es mochte doch das Gespräch ihn mannigfaltig fördern, und selbst das Unverstandene mochte Ahnungen erregen, die weiter führen, oder die aufbewahrt werden, und in Zukunft geeignet sind, feste Gestaltungen, die sich fügen wollen, einleiten zu helfen. Ich wusste das sehr wohl aus meiner eigenen Jugend und selbst auch aus der jetzigen Zeit.

Da ich in mein Schlafgemach zurückgekehrt war, fühlte ich es recht angenehm, dass die Scheite aus dem Buchenwalde meines Gastfreundes, der ein teil des Alizwaldes war, in dem Ofen brennen. Ich beschäftigte mich noch eine Zeit mit Lesen und teilweise auch mit Schreiben.

Am anderen Morgen war Regen. Er fiel in Strömen aus blaulich gefärbten, gleichartigen, über den Himmel dahin jagenden Wolken herab. Der Wind hatte zu solcher Heftigkeit zugenommen, dass er um das ganze Haus heulte. Da er aus Südwesten kam, schlug der Regen an meine Fenster und rann an dem Glase in wässerigen Flächen nieder. Aber da das Haus sehr gut gebaut war, so hatte Regen und Wind keine anderen Folgen, als dass man sich recht geborgen in dem schützenden Zimmer fand. Auch ist es nicht zu leugnen, dass der Sturm, wenn er eine gewisse Grösse erreicht, etwas Erhabenes hat und das Gemüt zu stärken im stand ist. Ich hatte die ersten Morgenstunden bei Licht in Wärme damit hingebracht, dem Vater und der Mutter einen Brief zu schreiben, worin ich ihnen anzeigte, dass ich auf dem Echerneise gewesen sei, dass ich alle Vorsicht beim Hinaufsteigen und Heruntergehen angewendet habe, dass uns nicht der geringste Unfall zugestossen sei, und dass ich mich seit gestern bei meinem Freunde im Rosenhause befinde. An Klotilden legte ich ein besonderes Blatt bei, worin ich, auf ihre teilweise Kenntnis des Gebirges, die sie sich auf der mit mir gemachten Reise erworben hatte, bauend, eine kleine Beschreibung des winterlichen Hochgebirgbesuches gab. Als es dann heller geworden und die Stunde zum Frühmahle gekommen war, ging ich in das Speisezimmer hinunter. Ich erfuhr nun hier, dass es im Winter der Gebrauch sei, dass Eustach und Roland, deren gestrige Anwesenheit bei dem Abendessen ich für zufällig gehalten hatte, mit meinem Gastfreunde und Gustav an einem Tische speisen. Es sollte auch im Sommer so sein; allein da oft in dieser Jahreszeit in dem Schreinerhause lange vor Sonnenaufgang aufgestanden und zu einer Arbeit geschritten wird, so verändern sich die Stunden,