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mochte mich nun lange oder kurz in diesen Räumen aufzuhalten haben, was von den Umständen abhing, die nicht in meiner Berechnung lagen. Besonders richtete ich mir meine Bücher, meine Schreibdinge und auch Vorbereitungen zu gelegentlichem Zeichnen so her, dass alles dies meinen Wünschen, so weit ich das jetzt einsah, auf das beste entsprach. Nachdem ich mit allem fertig war, kleidete ich mich auch um, damit die Reisekleider mit bequemeren und häuslicheren vertauscht wären.

Hierauf machte ich einen Spaziergang. Ich ging in dem Garten meinen gewöhnlichen Weg zu dem grossen Kirschbaume hinauf. Aus dem in dem Schnee wohl ausgetretenen Pfade sah ich, dass hier häufig gegangen werde, und dass der Garten im Winter nicht verwaist ist, wie es bei so vielen Gärten geschieht, und wie es aber auch bei meinen Eltern nicht geduldet wird, denen der Garten auch im Winter ein Freund ist. Selbst die Nebenpfade waren gut ausgetreten, und an manchen Stellen sah ich, dass man nach dauerndem Schneefalle auch die Schaufel angewendet habe. Die zarteren Bäumchen und Gewächse waren mit Stroh verwahrt, alles, was hinter Glas stehen sollte, war wohl geschlossen und durch Verdämmungen geschützt, und alle Beete und alle Räume, die in ihrer Schneehülle dalagen, waren durch die um sie geführten Wege gleichsam eingerahmt und geordnet. Die Zweige der Bäume waren von ihrem Reife befreit, der Schnee, der in kleinen Kügelchen daher jagte, konnte auf ihnen nicht haften, und sie standen desto dunkler und beinahe schwarz von dem umgebenden Schnee ab. Sie beugten sich im Winde und sausten dort, wo sie in mächtigen Abteilungen einem grossen Baume angehörten und in ihrer Dichteit gleichsam eine Menge darstellten. In den entlaubten Ästen konnte ich desto deutlicher und häufiger die Nestbehälter sehen, welche auf den Bäumen angebracht waren. Von den gefiederten Bewohnern des Gartens war aber nichts zu sehen und zu hören. Waren wenige oder keine da, konnte man sie in dem Sturme nicht bemerken, oder haben sie sich in Schlupfwinkel, namentlich in ihre Häuschen zurückgezogen? In den Zweigen des grossen Kirschbaumes herrschte der Wind ganz besonders. Ich stellte mich unter den Baum neben die an seinem Stamme befindliche Bank und sah gegen Süden. Das dunkle Baumgitter lag unter mir, wie schwarze regellose Gewebe auf den Schnee gezeichnet, weiter war das Haus mit seinem weissen dach, und weiter war nichts; denn die fernere Gegend war kaum zu erblikken. Bleiche Stellen oder dunklere Ballen schimmerten durch, je nachdem das Auge sich auf Schneeflächen oder Wälder richtete, aber nichts war deutlich zu erkennen, und in langen Streifen, gleichsam in nebligen Fäden, aus denen ein Gewebe zu verfertigen ist, hing der fallende Schnee von dem Himmel herunter. Von dem Kirschbaume konnte ich nicht in das Freie hinausgehen; denn das Pförtchen war geschlossen. Ich wendete mich daher um und ging auf einem anderen Wege wieder in das Haus zurück.

An demselben Tage erfuhr ich auch, dass Roland anwesend sei. Mein Gastfreund holte mich ab, mich zu ihm zu begleiten. Man hatte ihm in dem Wohnhause ein grosses Zimmer zurecht gerichtet. In demselben malte er eben eine Landschaft in Ölfarben. Als wir eintraten, sahen wir ihn vor seiner Staffelei stehen, die zwar nicht mitten in dem Zimmer, doch weiter von dem Fenster entfernt war, als dies sonst gewöhnlich der Fall zu sein pflegt. Das zweite der Fenster war mit einem Vorhange bedeckt. Er hatte ein leinenes Überkleid an seinem Oberkörper an, und hielt gerade das Malerbrett und den Stab in der Hand. Er legte beides auf den nahestehenden Tisch, da er uns kommen sah, und ging uns entgegen. Mein Gastfreund sagte, dass er mich zu dem Besuche bei ihm aufgefordert habe, und dass Roland wohl nichts dagegen haben werde.

"Der Besuch ist mir sehr erfreulich," sagte er, "aber gegen mein Bild wird wohl viel einzuwenden sein."

"Wer weiss das?" sagte mein Gastfreund.

"Ich wende viel ein," antwortete Roland, "und andere, die sich des Gegenstandes bemächtigen, werden auch wohl viel einzuwenden haben."

Wir waren während dieser Worte vor das Bild getreten.

Ich hatte nie etwas Ähnliches gesehen. Nicht, dass ich gemeint hätte, dass das Bild so vortrefflich sei, das konnte man noch nicht beurteilen, da sich vieles in den ersten Anfängen befand, auch glaubte ich zu bemerken, dass manches wohl kaum würde bemeistert werden können. Aber in der Anlage und in dem Gedanken erschien mir das Bild merkwürdig. Es war sehr gross, es war grösser, als man gewöhnlich landschaftliche Gegenstände behandelt sieht, und wenn es nicht gerollt wird, so kann es aus dem Zimmer, in welchem es entsteht, gar nicht gebracht werden. Auf diesem wüsten raum waren nicht Berge oder Wasserfluten oder Ebenen oder Wälder oder die glatte See mit schönen Schiffen dargestellt, sondern es waren starre Felsen da, die nicht als geordnete Gebilde empor standen, sondern wie zufällig als Blöcke und selbst hie und da schief in der Erde staken, gleichsam als Fremdlinge, die, wie jene Normannen auf dem Boden der Insel, die ihnen nicht gehörte, sich sesshaft gemacht hatten. Aber der Boden war nicht wie der jener Insel, oder vielmehr, er war so, wo er nicht von den im Altertume berühmten Kornfeldern bekleidet oder von den dunkeln, fruchtbringenden Bäumen bedeckt ist, sondern wo er zerrissen und vielgestaltig, ohne Baum und Strauch, mit den dürren Gräsern, den weiss leuchtenden Furchen, in