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gegen Abend in der Ziegenalpe an.

Es war hier schon zu dunkel, um noch etwas von der Umgebung sehen zu können. Wir hielten in der Hütte wieder unser warm zubereitetes Abendmahl, wärmten uns am Reste der Bank, und erquickten uns durch Schlaf. Der nächste Morgen war abermals klar, in den Tälern lag wieder der Nebel. Da auch die Nacht vollkommen windstill gewesen war, so hatten wir uns jetzt in Hinsicht unsers Rückweges über die Hochebene nicht zu sorgen. Unsere Fussstapien standen vollkommen unverwischt da, und ihnen konnten wir uns anvertrauen. Selbst da, wo wir ratend gestanden waren und etwa den Alpenstock seitwärts unseres Standortes in den Schnee gestossen hatten, war die Spur noch völlig sichtbar. Wir kamen früher, als wir gedacht hatten, an dem schwarzen Steine an. Dort hielten wir wieder unser Mittagmahl, und gingen dann unter dem sich immer mehr und mehr lichtenden Nebel, der uns aber hier kein wesentliches Hindernis mehr machte, die steile Senkung der Berge hinunter. Der an ihrem fuss beobachtete Wärmemesser zeigte wirklich eine grössere Kälte, als wir auf den Bergen gehabt hatten.

Am Nachmittage waren wir wieder in dem Seewirtshause.

Am andern Tage gingen wir in das Ahornhaus im Lautertale. Alles umringte uns und wollte unsere Erlebnisse wissen. Sie wunderten sich, dass die Unternehmung so einfach gewesen sei, besonders aber, dass die Kälte, die schon im Sommer gegen die Wärme der Täler so abstehe, im Winter nicht ganz fürchterlich soll gewesen sein. Kaspar war ein wichtiger Mann geworden.

Ich aber war von dem, was ich oben gesehen und gefunden hatte, vollkommen erfüllt. Die tiefe Empfindung, welche jetzt immer in meinem Herzen war, und welche mich angetrieben hatte, im Winter die Höhen der Berge zu suchen, hatte mich nicht getäuscht. Ein erhabenes Gefühl war in meine Seele gekommen, fast so erhaben wie meine Liebe zu Natalien. Ja diese Liebe wurde durch das Gefühl noch gehoben und veredelt, und mit Andacht gegen Gott den Herrn, der so viel Schönes geschaffen und uns so glücklich gemacht hat, entschlief ich, als ich wieder zum ersten Male in meinem Bette in der wohnlichen stube des Ahornhauses ruhte.

Es hat mich nicht gereut, dass ich noch die Weihe dieser Unternehmung auf mich genommen hatte, ehe ich zu meinem Gastfreunde ging, um ihm meinen Winterbesuch zu machen.

Ich hielt mich nur noch so lange in dem Lautertale auf, um noch die bedeutendsten Stellen desselben im Winterschmucke zu sehen, und um die Einleitung zu treffen, dass dem Eigentümer der Ziegenalpe die Bank, die wir verbrannt hatten, ersetzt würde. Dann fuhr ich in einem Schlitten in der Richtung nach dem Asperhofe hinaus. Kaspar hatte recht herzlich von mir Abschied genommen, er war mir durch diese Unternehmung noch mehr befreundet geworden, als er es früher gewesen war.

Die grössere Wärme in den oberen Teilen der Luft, welche nur ein Vorbote des beginnenden Südwindes gewesen war, hatte sich nun völlig geltend gemacht, der Südwind war in den Höhen eingetreten, obwohl es in der Tiefe noch kalt war, Wolken hatten die Berge umhüllt, zogen über die Länder hinaus, und schüttelten Regen herab, der in Gestalt von Eiskörnern unten ankam und mir um das Haupt und die Wangen prasselte, als ich in dem Asperhofe eintraf.

Die Pferde und der Schlitten wurden in den Meierhof gebracht, ich ging zu meinem Gastfreunde. Er sass in seinem Arbeitszimmer und ordnete Pergamentblätter, von denen er einen grossen Stoss vor sich hatte. Ich begrüsste ihn, und er empfing mich wie immer gleich freundlich.

Ich sagte ihm, dass ich seit meiner letzten Anwesenheit im Asperhofe fast immer gereist sei. Erst hätte ich noch das Kargrat besucht, weil ich dort zu ordnen gehabt hätte, dann sei ich zu meinen Eltern gegangen, hierauf habe ich mit meinem Vater einen Besuch in seiner Heimat gemacht, dann sei ich mit meiner Schwester auf eine Zeit, um ihr ein Vergnügen zu bereiten, in das Hochgebirge gefahren, als hierauf der Winter gekommen sei, habe ich die Echerngletscher besucht, und nun sei ich hier.

"Ihr seid wie immer herzlich willkommen," sagte er, "bleibt bei uns, so lange es Euch gefällt, und seht unser Haus wie das Eurer Eltern an."

"Ich danke Euch, ich danke Euch sehr", erwiderte ich.

Er zog an der Klingel zu seinen Füssen, und die alte Katarina kam herauf. Er befahl ihr, meine Zimmer zu hetzen, dass ich sie sehr bald benützen könne.

"Es ist schon geschehen", antwortete sie. "Als wir den jungen Herrn hereinfahren sahen, liess ich durch Ludmilla gleich heizen, es brennt schon; aber ein wenig gelüftet muss noch werden, neue Überzüge müssen kommen, der Staub muss abgewischt werden, Ihr müsst Euch schon ein wenig gedulden."

"Es ist gut und recht," sagte mein Gastfreund, "sorge nur, dass alles wohnlich sei."

"Es wird schon werden", antwortete Katarina, und verliess das Zimmer.

"Ihr könnt, wenn Ihr wollt," sagte er dann zu mir, "indessen, bis Eure wohnung in Ordnung ist, mit mir zu Eustach hinüber gehen und sehen, was eben gearbeitet wird. Wir können hiebei auch bei Gustav anklopfen und ihm sagen, dass Ihr gekommen seid."

Ich nahm den Vorschlag an. Er zog eine Art Überrock über seine Kleider, die beinahe wie im Sommer waren, an