zurück, und nahm Postpferde. Wir fuhren in gerader Richtung auf dem kürzesten Wege aus dem Gebirge gegen das flachere Land, um die Heerstrasse zu gewinnen, die nach unserer Heimat führte. Immer mehr und mehr sanken die Berge hinter uns zurück, die milde Herbstsonne, die sie beschien, färbte sie immer blauer und blauer, die Höhen, die uns jetzt begegneten, wurden stets kleiner und kleiner, bis wir in das Land hinaus kamen, dessen Gefilde mit lauter dem Menschen nutzbarem grund bedeckt waren. Dort trafen wir auf die grosse Strasse. Bisher waren wir gegen Norden gefahren, jetzt änderten wir die Richtung und fuhren dem Osten zu. Wir hatten auch bessere Wägen.
Da wir einen Tag auf dieser Strasse gefahren waren, liess ich an einem Orte halten, und beschloss, einen Tag an demselben zu bleiben; den Abend und die Nacht brachten wir in Ruhe zu. Am andern Tage gegen Mittag führte ich die Schwester auf einen mässig hohen Hügel. Der Tag war ein sehr schöner Herbsttag, der Schleier, welcher im Vormittage so Hügel als Gründe zart umwebt hatte, war einer völligen klarheit gewichen. Ich befestigte mittelst Schrauben mein Fernrohr an dem Stamme einer Eiche und richtete es. Dann hiess ich Klotilden durchsehen und fragte sie, was sie sähe.
"Ein hohes, dunkles Dach," sagte sie, "aus welchem mehrere breite und mächtige Rauchfänge empor ragen. Unter dem dach ist ein Gemäuer von ebenfalls dunkler Farbe, in welchem grosse Fenster in gemässen Entfernungen stehen. Das Gebäude scheint ein Viereck zu sein."
"Und was siehst du weiter, Klotilde, wenn du das Rohr in die Umgebungen des Gebäudes richtest?" fragte ich.
"Bäume, die hinter dem haus stehen, gleichsam wie ein Garten", antwortete sie. "Die Mauern des Gebäudes sind dort licht wie die unserer Häuser. Dann sehe ich Felder, in ihnen wieder Bäume, hie und da ein Haus, und endlich wolkenartige Spitzen, die wie das Hochgebirge sind, das wir verlassen haben."
"Es ist das Hochgebirge", antwortete ich.
"Ist das etwa – –?" fragte sie, den Kopf von dem Fernrohre wegwendend und mich ansehend.
"Ja, Klotilde, das Gebäude ist der Sternenhof", antwortete ich.
"Wo Natalie wohnt?" fragte sie.
"Wo Natalie wohnt, wo die edle Matilde verweilt, wo so treffliche Menschen ein und aus gehen, wohin meine Gedanken sich mit Empfindung wenden, wo sanfte Gegenstände der Kunst tronen, und wo ein liebes Land um all die Mauern herum liegt", antwortete ich.
"Das ist der Sternenhof!" sagte Klotilde, blickte wieder in das Fernrohr, und sah lange durch dasselbe.
"Ich habe dich mit Freude auf diesen Hügel geführt, Klotilde," sagte ich, "um dir diesen Ort zu zeigen, in dem mein warmes Herz schlägt und ein tiefer teil von meinem Wesen wohnt."
"Ach lieber, teurer Bruder," antwortete sie, "wie oft gehen meine Gedanken an den Ort, und wie oft weilt mein Gemüt in seinen mir noch unbekannten Mauern!"
"Du begreifst aber," sagte ich, "dass wir jetzt nicht hingehen können, und dass die Angelegenheit ihre naturgemässe Entwicklung haben muss." "Ich begreife es", antwortete sie. "Du wirst sie sehen, an deinem Herzen halten, und sie lieben", sagte ich.
Klotilde sah wieder in das Rohr, sie sah sehr lange in dasselbe und betrachtete alles genau. Ich lenkte ihren blick auf die Teile, die mir wichtig schienen, erklärte ihr alles, und erzählte von dem schloss und von denen, die in demselben sind.
Es war indessen der Mittag gekommen, wir lösten das Fernrohr ab, und gingen langsam unserer wohnung zu.
"Kann man hier nicht auch das Rosenhaus deines Freundes sehen?" fragte sie im Heimgehen.
"Hier nicht," erwiderte ich, "hier ist nicht einmal der höchste teil der Rosenhausgegend zu erblichen, weil der Kronwald, den du gegen Norden siehst, sie deckt. Im Weiterfahren werden wir auf einen Hügel kommen, von dem aus ich dir die Anhöhe zeigen kann, auf welcher das Haus liegt, und von dem aus du mit dem Fernrohre das Haus sehen kannst."
Wir gingen in unsere wohnung, und am nächsten Tage fuhren wir weiter. Als wir an die Stelle gekommen waren, von welcher man die Höhe des Asperhofes sehen konnte, liess ich halten, wir stiegen aus, ich zeigte Klotilden den Hügel, auf welchem das Haus meines Gastfreundes liegt, richtete das Fernrohr, und liess sie durch dasselbe das Haus erblicken. Wir waren aber hier so weit von dem Asperhofe entfernt, dass man selbst durch das Fernrohr das Haus nur als ein weisses Sternchen sehen konnte. Nach dessen Betrachtung fuhren wir wieder weiter.
Als nach diesem Tage der dritte vergangen war, fuhren wir gegen Abend durch den Torweg des Vorstadtauses unserer Eltern ein.
"Mutter," rief ich, da uns diese und der Vater, der unsere Ankunft gewusst hatte und daher zu haus geblieben war, entgegen kamen, "ich bringe sie dir gesund und blühend zurück."
Wirklich war Klotilde, wie es dem Vater auf seiner kleinen Reise ergangen war, durch die Luft und die Bewegung kräftiger, heiterer und in ihrem Angesichte reicher an Farbe geworden, als sie es je in der Stadt gewesen war