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Ich sprach die Bitte aus, dass die Eltern mir nun beistehen müssten, das, was in den gegenwärtigen Verhältnissen zu tun sei, auf das schicklichste zu tun, und ich legte auch den Wunsch dar, dass ich nach des Vaters Ansicht eine grössere Reise unternehmen möchte.

"Es sind mehrere Dinge nötig", sagte der Vater. "Zuerst, glaube ich, erwartet man von deinen Eltern eine Annäherung an sie; denn die Angehörigen der Braut können sich nicht schicklich zuerst den Angehörigen des Bräutigams vorstellen. Ausserdem hat mir dein Gastfreund liebes erwiesen, was ich ihm noch nicht habe vergelten können. Ferner hat dir dein Gastfreund Mitteilungen zu machen, die er für notwendig hält; und endlich solltest du wirklich, wie du auch selber wünschest, eine grössere Reise machen, um wenigstens im allgemeinen Menschen und Welt näher kennen zu lernen. Was deine Gegenleute tun werden, ist ihre Sache, und wir müssen es erwarten. Unsere Angelegenheit ist jetzt, das, was uns obliegt, auf solche Weise zu tun, dass wir uns weder vordrängen, noch dass etwas geschehe, was wie geringere achtung dessen aussähe, was uns durch diese Verbindung geboten wird. Ich glaube, die natürlichste Ordnung wäre folgende. Du musst zuerst die Mitteilungen deines Freundes anhören, weil sie dir zuerst ohne Bedingung angetragen worden sind. Dann werde ich mit deiner Mutter eine Reise zur Mutter deiner Braut machen und bei dieser gelegenheit deinen Gastfreund besuchen. Endlich magst du den Vorschlag tun, dass du eine Reise zu höherer Ausbildung zu unternehmen wünschest. Weil aber dein Gastfreund selber gesagt hat, dass du, ehe er dir seine Mitteilungen macht, zu grösserer Ruhe kommen sollst, und weil es andererseits unziemend wäre, zu sehr zu drängen, so kannst du nicht jetzt sogleich zu ihm gehen und ihn um seine Eröffnungen bitten, sondern du musst eine Zeit verfliessen lassen und ihn später, vielleicht im Winter, besuchen. Dadurch sieht er auch, dass du einerseits nicht zudringlich bist, und dass du andererseits, da du in ungewohnter Jahreszeit zu ihm kömmst, doch die sehnsucht zu erkennen gibst, deine Sache zu fördern. Und damit du gewisser zu der erforderlichen Ruhe gelangest, schlage ich dir vor, mich auf einer kleinen Reise in meine Geburtsgegend zu begleiten, die wir in Kürze antreten können. Wenn du dann im Winter zu deinem Gastfreunde kömmst, so kannst du ihm unsere Grüsse bringen und ihm sagen, dass wir mit Beginn der schöneren Jahreszeit kommen und für dich um die Hand der Tochter seiner Freundin werben werden."

Alle waren mit diesem Vorschlage vollkommen einverstanden. Besonders freute sich die Mutter, als sie hörte, dass der Vater von freien Stücken auf einen Reiseplan gekommen sei, dessen Richtung sie gar nicht erraten hätte.

"Ich muss mich ja üben," erwiderte er, "wenn ich im Frühlinge eine Reise in das Oberland bis in die Nähe der Gebirge antreten soll, die uns auch in den Rosenhof bringt und weiss Gott wie weit noch führen kann; denn wenn Leute, die immer zu haus sind, einmal von der Wanderungslust ergriffen werden, dann können sie auch ihres Reisens kein Ende finden, und besuchen Gegend um Gegend."

Ich aber sagte hierauf: "Weil Klotilde nie die Gebirge gesehen hat, weil sie in dieser ganzen Angelegenheit am weitesten zurückgesetzt ist, weil ich ihr immer versprochen habe, sie in die Berge zu führen, und weil die Erfüllung dieses Versprechens durch meine grössere Reise wieder hinaus geschoben werden könnte: so mache ich ihr den Vorschlag, mit mir, wenn ich mit dem Vater von unserer kleinen Reise zurückgekommen bin, einen teil des Herbstes in dem Hochgebirge zuzubringen. Die Tage des Herbstes, selbst die des Späterbstes, sind in den Gebirgen meistens sehr schön, und wir können in den klaren Lüften weiter herum sehen, als es oft in dem schwülen und gewitterreichen Dunstkreise der Monate Juni oder Juli möglich ist."

Klotilde nahm diesen Vorschlag mit Freude an, und ich versprach ihr, in den Tagen, die noch bis zu meiner Abreise mit dem Vater verfliessen werden, alles anzugeben, was sie an Kleidern und sonstigen Dingen zu der Gebirgsreise bedürfe, welche Gegenstände sie dann während meiner Abreise vorrichten lassen könne.

"Wenn ich zu den Mitteilungen meines Freundes an Ruhe gewinnen muss," setzte ich hinzu, "so könnten diese Reisen das beste Mittel dazu abgeben."

Der Vater und die Mutter waren mit meinem Vorschlage sehr zufrieden. Die Mutter sagte nur, sie werde an den Vorbereitungen Klotildens mitarbeiten, und besonders darauf sehen, dass alles vorhanden sei, was zu dem Schutze der Gesundheit gehöre.

Ich erwiderte, dass das sehr gut sei, und dass ich auch bei der Reise selber alle Massregeln ergreifen werde, dass Klotildens Gesundheit keinen Schaden leide.

Wir fingen wirklich am andern Tage an, die Dinge zu bereden, welche Klotilde zur Reise brauche. Sie ging rüstig an die Anschaffung. Ich entwarf ein Verzeichnis der Notwendigkeiten, welches ich nach und nach ergänzte. Als einige Zeit verflossen war, glaubte ich es so vervollständigt zu haben, dass nun nicht leicht mehr etwas Wesentliches vergessen werden konnte.

Indessen rückte auch der Tag heran, an welchem ich mit dem Vater abreisen sollte.

Am frühen Morgen desselben setzten wir uns in den leichten Reisewagen, dessen sich der Vater immer bedient hatte, wenn er grössere Entfernungen zurücklegen musste. Jetzt war er lange nicht mehr aus dem Wagenbehältnis gekommen. Auf Anordnung der Mutter wurde er einige Tage