was gleichsam ein Naturgesetz war. In meiner Jugend kannte ich einen Mann, der mit einem verstand, über den wir uns vor Bewunderung kaum zu fassen wussten, in die Tiefen eines Kunstwesens, das er besprechen wollte, einging, und Gedanken zu Tage brachte, von denen wir nicht begriffen, wie sie in das Herz eines Menschen haben kommen können; während er die Meinungen und Absichten ganz gewöhnlicher Menschen und gerade solcher, die tief unter ihm standen, nicht durchschaute, und den notwendigen gang der Staaten nicht sah, weil ihm das Auge dafür versagt war, oder weil er im Drange seiner Gegenstände darauf nicht achtete. Ich könnte noch mehrere Beispiele anführen: den zum Feldherrn Geborenen im Richtersaale um Mein und Dein, oder den, der wissenschaftliche Stoffe fördert, in der Bildung eines Heeres. So hat Gott es auch manchen gegeben, dass sie dem Schönen nachgehen müssen und sich zu ihm wie zu einer Sonne wenden, von der sie nicht lassen können. Es ist aber immer nur eine bestimmte Zahl von solchen, deren einzelne Anlage zu einer besonderen grossen Wirksamkeit ausgeprägt ist. Ihrer können nicht viele sein, und neben ihnen werden die geboren, bei denen sich eine gewisse Richtung nicht ausspricht, die das Alltägliche tun, und deren eigentümliche Anlage darin besteht, dass sie gerade keine hervorragende Anlage zu einem hervorragenden gegenstand haben. Sie müssen in grosser Menge sein, dass die Welt in ihren Angeln bleibt, dass das Stoffliche gefördert werde und alle Wege im Betriebe sind. Sehr häufig aber kommt es nun leider auf den Umstand an, dass der rechten Anlage der rechte Gegenstand zugeführt wird, was so oft nicht der Fall ist."
"Könnte denn nicht die Anlage den Gegenstand suchen, und sucht sie ihn nicht auch oft?" fragte Eustach.
"Wenn sie in grosser Macht und Fülle vorhanden ist, sucht sie ihn," entgegnete mein Gastfreund, "zuweilen aber geht sie in dem Suchen zu grund."
"Das ist ja traurig, und dann wird ihr Zweck verfehlt," antwortete Eustach.
"Ich glaube nicht, dass ihr Zweck ganz verfehlt wird," sagte mein Gastfreund, "das Suchen und das, was sie in diesem Suchen fördert und in sich und anderen erzeugt, war ihr Zweck. Es müssen eben verschiedene, und zwar verschieden hohe und verschieden geartete Stufen erstiegen werden. Wenn jede Anlage mit völliger Blindheit ihrem gegenstand zugeführt würde und ihn ergreifen und erschöpfen müsste, so wäre eine viel schönere und reichere Blume dahin, die Freiheit der Seele, die ihre Anlage einem gegenstand zuwenden kann oder sich von ihm fern halten, die ihr Paradies sehen, sich von ihm abwenden und dann trauern kann, dass sie sich von ihm abgewendet hat, oder die endlich in das Paradies eingeht, und sich glücklich fühlt, dass sie eingegangen ist."
"Oft habe ich schon gedacht," sagte ich, "da die Kunst so sehr auf die Menschen wirkt, wie ich an mir selber, wenn auch nur erst kurze Zeit, zu beobachten gelegenheit hatte, ob denn der Künstler bei der Anlage seines Werkes seine Mitmenschen vor Augen habe und dahin rechne, wie er es einrichten müsse, dass auf sie die wirkung gemacht werde, die er beabsichtiget."
"Ich hege keinen Zweifel, dass es nicht so ist," erwiderte mein Gastfreund, "wenn der Mensch überhaupt seine ihm angeborne Anlage nicht kennt, selbst wenn sie eine sehr bedeutende sein sollte, und wenn er mannigfaltige Handlungen vornehmen muss, ehe seine Umgebung ihn oder er sich selber inne wird, ja wenn er zuletzt sich seiner Freiheit gemäss seiner Anlage hingeben oder sich von ihr abwenden kann: so wird er wohl im Wirken dieser Anlage nicht so zu rechnen im stand sein, dass sie an einem gewissen Punkte anlanden müsse; sondern je grösser die Kraft ist, um so mehr, glaube ich, wirkt sie nach den ihr eigentümlichen Gesetzen, und das dem Menschen inwohnende Grosse strebt unbewusst der Äusserlichkeiten seinem Ziele zu, und erreicht desto Wirkungsvolleres, je tiefer und unbeirrter es strebt. Das Göttliche scheint immer nur von dem Himmel zu fallen. Es hat wohl Menschen gegeben, welche berechnet haben, wie ein Erzeugnis auf die Mitmenschen wirken soll, die wirkung ist auch gekommen, sie ist oft eine grosse gewesen, aber keine künstlerische und keine tiefe; sie haben etwas anderes erreicht, das ein Zufälliges und Äusseres war, das die, welche nach ihnen kamen, nicht teilten, und von dem sie nicht begriffen, wie es auf die Vorgänger hatte wirken können. Diese Menschen bauten vergängliche Werke und waren nicht Künstler, während das durch die wirkliche Macht der Kunst Geschaffene, weil es die reine Blüte der Menschheit ist, nach allen zeiten wirkt und entzückt, so lange die Menschen nicht ihr Köstlichstes, die Menschheit, weggeworfen haben."
"Es ist einmal in der Stadt die Frage gestellt worden," sagte ich, "ob ein Künstler, wenn er wüsste, dass sein Werk, das er beabsichtigt, zwar ein unübertroffenes Meisterwerk sein wird, dass es aber die Mitwelt nicht versteht, und dass es auch keine Nachwelt verstehen wird, es doch schaffen müsse oder nicht. Einige meinten, es sei gross, wenn er es täte, er tue es für sich, er sei seine Mit- und Nachwelt. Andere sagten, wenn er etwas schaffe, von dem er wisse, dass es die Mitwelt nicht verstehe, so sei er schon töricht