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stehen kam. Alle diese Fehler konnten wegen Unzulänglichkeit der Mittel nicht verbessert werden. Der Hauptaltar in altdeutscher Art war geblieben. Roland sagte, es sei ein Glück gewesen, dass man im vorigen Jahrhunderte nicht mehr so viel Geld gehabt habe als zur Zeit der Erbauung der Kirche, denn sonst hätte man gewiss den ursprünglichen Altar weggenommen und hätte einen in dem abscheulichen Sinne des vergangenen Jahrhunderts an seine Stelle gesetzt. Mein Gastfreund besah alles, was da gearbeitet wurde, und es ward ein Rat mit Eustach und Roland gehalten, dem auch ich beigezogen wurde, um zu erörtern, ob alles dem gefassten Plane getreu gehalten werde, und ob man nicht manches mit Aufwendung einer mässigen Summe noch zu dem ursprünglich Beabsichtigten hinzu tun könnte, was der Kirche not täte, und was ihr zur Zierde gereichte. Die Ansichten vereinigten sich sehr bald, da die Männer nach der nämlichen Richtung hin strebten, und da ihre Bildungen in dieser Hinsicht sich wechselweise zu dem gleichen Ergebnisse durchdrungen hatten. Ich konnte sehr wenig mit reden, obgleich ich gefragt wurde, weil ich einerseits zu wenig mit den vorhandenen Grundlagen vertraut war, und weil andererseits meine Kenntnisse in dem Einzelnen der Kunst, um welche es sich hier handelte, mit denen meiner Freunde nicht Schritt halten konnten. Der Pfarrer hatte uns sehr freundlich aufgenommen, und wollte uns sämtlich in seinem kleinen haus beherbergen. Mein Gastfreund lehnte es ab, und wir richteten uns, so gut es ging, in dem Gastofe ein. Der Ehrerbietung und des Dankes aber konnte der bescheidene Pfarrer gegen meinen Gastfreund kein Ende finden. Auch kam eine Abordnung mehrerer Gemeindeglieder, um, wie sie sagten, ihre Aufwartung zu machen und ihren Dank darzubringen. Wirklich wenn man die schlanken, edlen Gestaltungen der Kirche ansah, welche da einsam auf ihrem Hügel in einem abgelegenen Teile des Landes stand, in dem man sie gar nicht gesucht hätte, und die schon geschehenen Verbesserungen betrachtete, welche ihre feinen Glieder wieder zu Ansehn und Geltung brachten, so konnte man nicht umhin, sich zu freuen, dass die reinen blauen Lüfte wieder den reinen einfachen Bau umfächelten, wie sie ihn umfächelt hatten, als er nach dem haupt des längst verstorbenen Meisters aus den Händen der Arbeitsleute hervor gegangen war. Und wirklich musste man sich auch zum Danke verpflichtet fühlen, dass es einen Mann gab, wie mein Gastfreund war, der aus Liebe zu schönen Dingen, und, ich muss wohl auch hinzufügen, aus Liebe zur Menschheit, einen teil seines Einkommens, seiner Zeit und seiner Einsicht opfert, um manch Edles dem Verfalle zu entreissen und vor die Augen der Menschen wohlgebildete und hohe Gestaltungen zu bringen, dass sie sich daran, wenn sie dessen fähig sind und den Willen haben, erheben und erbauen können.

Das alles wussten aber die Gemeindeglieder nicht, sie dankten nur, weil sie meinten, dass es ihre Schuldigkeit sei.

Nachdem mein Gastfreund den Bau gut befunden und mit Eustach, dem eigentlichen Werkmeister, das Nähere angeordnet hatte, und nachdem auch Roland die Zusicherung gegeben hatte, dass er dem Wunsche meines Gastfreundes gemäss öfter nachsehen und Bericht erstatten werde, rüsteten wir uns, unsere verschiedenen Wege zu gehen. Roland wollte wieder in das nahe liegende Gebirge zurückkehren, von dem er zu der Kirche heraus gekommen war, und wir wollten den Weg nach dem Asperhofe antreten. Roland entfernte sich zuerst. Wir besuchten noch den Inhaber eines Glaswerkes in der Nähe, der von grossem Einflusse war, und begaben uns dann auf den Weg nach dem haus meines Freundes.

Auf dem Rückwege kamen wir über die Bildung des Schönen zu sprechen, wie es gut sei, dass Menschen aufstehen, die es darstellen, dass über ihre Mitbrüder auch dieses sanfte Licht sich verbreite und sie immer zu hellerer klarheit fort führe; dass es aber auch gut sei, dass Menschen bestehen, welche geeignet sind, das Schöne in sich aufzunehmen und es durch Umgang auf andere zu übertragen, besonders, wenn sie noch wie mein Gastfreund das Schöne überall aufsuchen, es erhalten, und es durch Mühe und Kraft wieder herzustellen suchen, wo es Schaden gelitten hatte. Es sei ein ganz eigenes Ding um die Befähigung und den Drang hiezu.

"Wir haben schon einmal über Ähnliches gesprochen," sagte mein Gastfreund, "meine Erfahrungen in der Zeit meines Lebens haben mich gelehrt, dass es ganz bestimmte Anlagen zu ganz bestimmten Dingen gibt, mit denen die Menschen geboren werden. Nur in der Grösse unterscheiden sich diese Anlagen, in der Möglichkeit, sich auszusprechen, und in der gelegenheit, kräftig zur Wirksamkeit kommen zu können. Dadurch scheint Gott die Mannigfaltigkeit der Taten mit ihrem nachdrücklichsten Erfolge, wie es auf der Erde notwendig ist, vermitteln zu wollen. Es erschien mir immer merkwürdig, wo ich gelegenheit hatte, es zu beobachten, wie bei Menschen, die bestimmt sind, ganz Ungewöhnliches in einer Richtung zu leisten, sich ihre Anlage bis in die feinsten Fäden ihres Gegenstandes ausspricht und zu ihm hindrängt, während sie in anderm bis zum Kindlichen unwissend bleiben können. Einer, der über Kunstdinge trotz aller Belehrung, trotz alles Umganges, trotz langjähriger täglicher Berührung mit auserlesenen Kunstwerken nie anderes als Ungereimtes sagen konnte, war ein Staatsmann, der die feinsten Abschattungen seines Gegenstandes durchdrang, der die Gedanken der Völker und die Absichten der Menschen und Regierungen, mit denen er verkehrte, erriet, und es verstand, alle Dinge seinen Zwecken dienstbar machen zu können, so dass das anderen wie ein Zauberwerk eines Geistes erschien,